Bildverfremdung nach dem Zufallsprinzip

Heute geht es um eine App, bei der mir nicht so ganz klar ist, was ich von ihr halten soll. Ist sie genial? Ist sie nutzlos? Man weiss es nicht.

Ein eher ungewöhnlichers Selfie.

Die App heisst Glitché. Es gibt sie für 1 Franken fürs iPhone und kostenlos für Android, wobei man allerdings die APK-Datei von irgend einem dubiosen Server ziehen muss – was ich nicht vorbehaltlos empfehle.

Schon der Name deutet auf die grossen Ambitionen und den Kunstbezug hin. (Wenn ich Künstler wäre, würde ich meinen Namen schliesslich auch als Mattyăs Schußlèr schreiben.) Das schräge Icon trägt zum Eindruck bei, ebenso die – für mich annähernd unverständliche – Benutzeroberfläche.

Das Konzept ist mir immerhin klar: Es geht darum, glitches, also Störungen in seine Bilder einzubauen. Diese Störungen sollen nicht wie normale Artefakte wirken, sondern einen künstlerischen Reiz haben. Das ist eine Idee, der ich etwas abgewinnen kann. Ich habe für den Publisher immer wieder Erweiterungen und Programme für effektvolle Bildstörungen vorgestellt. Im Beitrag Imperfektion als Stilmittel zum Beispiel Tools für Farbsäume, Lomo-Effekte und ähnliches.

Was soll das Skateboard hier?

Was mir nicht klar ist: Warum dreht sich, nachdem ich in der App ein Bild geladen habe, ein glänzendes Skateboard vor meinem Foto? Bei welcher Gelegenheit würde ich das brauchen können?

Jedenfalls kann ich das Skateboard auch durch einen alten Computer, eine Büste von Caesar, eine Audiokassette, einen Totenkopf und ein gebrochenes Herz ersetzen. Vielleicht ergibt sich dafür mal eine Gelegenheit.

Es gibt drei Regler, die die Farbe des Objekts im Vordergrund und einen über das Foto gelegten Verlauf verändern – und zwar reichlich willkürlich. Bewegt man die Regler, flackern die Farben und der Deckungsgrad des Verlaufs kippt abrupt von Transparenz zu deckend.

Das Lensbaby lässt schön grüssen.

Das ist wahrscheinlich kein Zufall, sondern Absicht. Die App will einen dazu bringen, zu experimentieren und nach dem Prinzip der Serendipität zu einem Ergebnis zu gelangen, das – im Idealfall – verblüfft und auf jeden Fall unerwartet war. Das ist eigentlich nicht verkehrt. Aber genauso gehen Laien wie ich auch in «vernünftigen» Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop ans Werk. (Oder kann jemand von euch sagen, was herauskommt, wenn man drei Ebenen übereinanderlegt und bei jeder eine andere Füllmethode einstellt? Eben.)

Am unteren Rand gibt es eine lange Leiste, wo man das Modul auswählt. Der Skateboard-Effekt namens Sclptr ist nur einer von unzähligen Glitches, die man hier auswählen kann. Ein paar weitere, nach dem Prinzip meiner persönlichen Vorlieben ausgewählt:

  • JPG simuliert einen Defekt bei der Jpeg-Encodierung.
  • PNG desgleichen, aber mit Fehlern, die typisch fürs PNG-Bildformat sind.
  • Scan wiederholt die angetippte Linie in vertikaler Form. Rad funktioniert ähnlich, aber mit Transparenz und Einfärbung.
  • Chnnls verformt die einzelnen Farbkanäle separat, was lustige Farbsäume ergibt. Bei Screen darf man die Kanäle als ganzes gegeneinander verschieben.
  • Bei Liquify verschmiert man seine Aufnahme.
  • Insert fügt invertierte Bildbereiche ein.
  • Grid extrudiert helle Bereiche und verwandelt das Bild in eine Art Höhenmodell. Lines tut das auch, einfach zeilenweise. Zwei weitere Spielarten dieses Effekts heissen Scene und Pxlgrid.
  • LCD lässt den Eindruck entstehen, man drücke mit dem Finger zu fest auf ein Flüssigkristalldisplay.
  • Pixlt verpixelt das Bild dort, wo man mit dem Finger malt.
  • Blur erzeugt einen Lensbaby-mässigen Eindruck.
  • Emoji macht aus dem Bild ein Ascii-artiges Meisterwerk, wobei statt Buchstaben eben Emojis zum Einsatz kommen. Per Finger zoomt man die Emojis grösser oder kleiner. Bei Ascii bekommt man das gleiche, aber wie von früher gewohnt mit richtigen Buchstaben.
  • Water verpflanzt das Sujet auf eine virtuelle Wasseroberfläche, die mit dem Finger aufwühlt.
Pseudo-3D.

Manche der Effekte scheinen übrigens nichts zu bewirken. Es sind auch nicht immer Regler vorhanden, mit denen man die Arbeitsweise verändern könnte. In solchen Fällen sollte man probieren, mit den Fingern übers Bild zu fahren. Manche Glitches werden nämlich manuell in das Foto hineingezeichnet. Auch das ergibt einen Verfremdungseffekt, der zu einem grossen Teil auf dem Zufallsprinzip beruht.

Ein weiteres Rätsel ist folgendes: Was tut man, wenn man ein Bild wunschgemäss verhunzt hat? Einen offensichtlichen Speichern-Knopf gibt es nämlich nicht. Am unteren Rand gibt es eine Leiste mit einen Knopf namens GIF, mit dem man offenbar die einzelnen Frames eines animierten GIFs bearbeitet – wenn sich eine verglitschte Animation basteln möchte.

Tippt man in diesem Bereich auf den nach rechts zeigenden Winkel, erscheint ein Schiebregler, mit dem man (wahrscheinlich) Original- und bearbeitete Variante noch einmal überblenden kann. Hier gibt es ausserdem einen Plus-Knopf, mit dem man seinem Bild einen weiteren Effekt hinzufügt. Man kann so gewissermassen mehrere Störungen übereinanderstapeln.

Tippt man noch einmal nach rechts, erscheint eine Leiste mit drei Qualitätsstufen (Small, Medium und Max, wobei ohne das Abo, auf das ich gleich noch zu sprechen komme, nur die niedrig aufgelöste Qualität zur Verfügung steht). Tippt man hier auf den nach oben zeigenden Winkel, erscheint ein Sharesheet, über das man sein Werk speichert oder an eine andere App weiterreicht.

Fazit: Das ist etwas gar umständlich und kryptisch. Die Effekte sind teils originell, teils auch etwas trashig und für meinen Geschmack zu low-tech. Die Benutzerführung ist grässlich. Mag sein, dass das manche amüsant finden. Ich finde es vor allem anstrengend. Man muss Glitché zu gut halten, dass sie sich von der Masse der Kamera- und Bildbearbeitungs-Apps abhebt und die Experimentierfreude anstachelt.

Zwei abschliessende Bemerkungen:

Nicht nur Fotos, sondern auch Videos und das Livebild ab Kamera lassen sich verfremden. Im Live-Modus hat man einen AR-Knopf zur Verfügung, der wahrscheinlich etwas mit Augmented Reality zu tun hat – wobei ich aber nicht weiss, was.

Und wie erwähnt: Ein paar Effekte benötigen ein Pro-Abo. Das braucht man auch für die Bearbeitung von Videos und für die Effekte im Live-Bild. Dieses Abo kostet 4.50 Franken im Monat oder 22 Franken im Jahr. Als Einmalkauf zahlt man 39 Franken.

Beitragsbild: Der «Glitch» bei diesem Bild war der Fotograf.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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