Nur das Rattern des Projektors muss man sich dazudenken

Im Beitrag Per App in die Achtzigerjahre habe ich die App VHS Camcorder vorgestellt, die einer digitalen Videoaufnahme einen analogen Look verpasst. Wenn man mit der App filmt, sieht es aus, als ob die Sequenz aus einer Videokamera stammen würde und in den Jahren seit der Aufnahme ziemlich gelitten hätte.

Eine Rolle mit (unbelichtetem?) Film (Jakob Owens/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Nun ist VHS nicht die ultimative Hipster-Technologie – und in der Geschichte der Bewegtbild-Aufnahmemöglichkeiten auch nur eine Fussnote und kein eigenes Kapitel. Denn über viel längere Zeit und mit viel charmanterem Resultat hat man als Amateur seine Erinnerungen auf Schmalfilm gebannt.

Super 8 war weit verbreitet und kam auch in meiner Sippschaft zum Einsatz. Mein Onkel hat bei hohen Anlässen gefilmt und die Drei-Minuten-Rollen mit einer Klebepresse geschnitten. Und wir haben auch mit Stopmotion experimentiert. Die Kamera beherrschte nämlich die Einzelbildbelichtung, sodass man mit Legofigürchen Animationssequenzen inszenieren konnte.

Auch Zeitlupe und Zeitraffer waren möglich. Ebenso Montagetricks:

Eine Super-8-Kamera (Jakob Owens/Unsplash, Unsplash-Lizenz)

Man konnte eine Sequenz beispielsweise umgedreht einbauen, was zur Folge hatte, dass sie bei der Projektion rückwärts abgelaufen ist. Falls ich mich recht erinnere, stand das Bild dann kopf: Die Perforation beim Super-8-Film läuft am linken Rand zum Einzelbild, nicht oben und unten wie beim 35-Millimeter Stehbildfilm.

Hätte man den umgedreht , dann wäre das Bild seitenvekehrt projiziert worden. Man musste beim Filmen mitdenken und für Rückwärts-Sequenzen die Kamera umdrehen. Ehrlich – das alles ist in Final Cut schon sehr viel einfacher.

Zurück zum Schmalfilm: Es gab noch viele andere Varianten, wie man bei Wikipedia nachlesen kann: Mit Unterschieden beim Format, der Perforierung, mit Magnetton oder Lichtton oder stumm. Das hingegen ist heute nicht unbedingt besser, wenn ich an die diversen digitalen Codecs, Containerformate und DRM-Methoden denke. Wenn man in zwanzig Jahren eine AVI-Datei bekommt, wird man genauso den Kopf schütteln, wie wenn man heute einen Pathé Rural-Film abspielen oder digitalisieren muss.

Auch vorhandene Clips lassen sich nachträglich auf Schmalfilm trimmen

Äh, zurück zum Thema: Wenn man statt Video-Ästhetik also den Charme von analogem Schmalfilm simulieren möchte, dann greift man zur App 8mm Vintage Camera. Es gibt sie für 3 Franken fürs iPhone. Für Android ist sie nicht erhältlich, aber laut Quora ist Retro Camera die beste Alternative.

Sie simuliert die technischen Eigenheiten des Filmformats perfekt. Über ein Drehrad wählt man den «Film», wobei die Bezeichnung leicht irreführend ist. Es werden nicht wirklich Originalfilme wie der Kodak Vision 50D, den es nach wie vor zu kaufen gibt, simuliert. Es handelt sich vielmehr um Farbeffekte à la Instagram. Das ist ein bisschen schade, denn als echter Super-8-Nerd hätte man am liebsten eine Simulation des Materials, das man damals verwendet hat. Aber für die absolute Authentizität mietet man sich vielleicht doch eine echte Kamera.

Ein paar Knöpfe –mehr braucht man nicht. Und die werden per «i»-Taste auch in der App beschrieben.

In der App kann man von der Front- auch auf die Selfie-Kamera umschalten und sich selbst drehen. Auch das etwas, das mit einer echten Super-8-Kamera eher schwierig war. Man hat mehrere Sound-Optionen und kann stilecht auch stumm  drehen. Über den Lens-Knopf simuliert man Lichtlecks, Vignetten oder eine schlechte Maskierung: Sie führt dazu, dass das Bild nicht ganz formatfüllend ist oder man sogar die Perforation noch ein bisschen sieht. Und über den Jitter-Knopf baut man einen Bildsprung ein.

Fazit: Das macht Spass und die Resultate wirken zumindest auf das ungeübte Auge authentisch. Verräterisch ist und bleibt die viel zu hohe Auflösung einer Smartphone-Kamera. Wie gross die Auflösung von Super-8 tatsächlich ist, lässt sich auch näherungsweise nur schwer sagen. Es hängt vom Film, dem Objektiv und bei älterem Material auch vom Zustand ab. Man kann Super-8-Filme in HD abtasten, aber in den meisten Fällen dürfte SD ausreichend sein.

Auf jeden Fall sind die Aufnahmen nicht so knackscharf und kontrastreich, wie man sich das vom heutigen Smartphone-Kameras kennt. Wenn man die App für ernsthafte Zwecke einsetzen möchte, dann wird man die Aufnahmen auf alle Fälle erst manuell bearbeiten wollen, bevor man sie durch die 8mm Vintage Camera-App jagt. Aber das ist glücklicherweise möglich: Man kann auch vorhandene Clips «analogisieren».

Übrigens: Die App behauptet von sich, im Film Searching for Sugar Man zum Einsatz gekommen zu sein. Und der hat 2013 immerhin einen Oscar für den besten Dokumentarfilm bekommen. Bei nofilmschool.com kann man ein paar Details dazu nachlesen – und erfährt, dass «echt analog» im Zweifelsfall dann doch besser ist:

While only a few pickups from “Searching For Sugar Man” were actually shot on an iPhone with the 8mm Vintage Camera app (most of the film was shot on Super 8mm film), the fact that these scenes blended right in and didn’t detract from the story in the slightest is telling. Newer technologies are great, and they help push the industry forward (and they’re fun to argue about), but in the end, it always comes down to telling engaging stories, and utilizing whatever you have at your disposal.

Apropos Titel: Wenn man sich das Geräusch nicht dazudenken will, findet man es auch im Netz.

Beitragsbild: Ein Super-8-Projektor (Kammerin Hunt/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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