Ausgerechnet ich verteidige den Kapitalismus?!

Neulich habe ich die «Freitagsrunde» von SRF gehört. In der Folge «Ich sehe das Milizsystem nicht gefährdet» ging es (ab Minute 16) auch um das Klima und die Flugticketabgabe.

Wenn man die Aussagen zum Massstab nimmt, dann sind wir unrettbar verloren. Die drei Gesprächsteilnehmer zeigten sich absolut unwillig, über echte Massnahmen überhaupt nachzudenken. Besonders geärgert hat mich Claudia Wirz, die für die NZZ geschrieben hat. Sie sagt: «Dass wir fliegen, ist einer der Widersprüche, mit denen wir leben müssen.»

Müssen wir? Man denkt, die bei der NZZ hätten die Funktionsweise des Kapitalismus ansatzweise begriffen. Natürlich, die Flugticketabgabe ist nun wirklich eine zahnlose Massnahme. Thomas Meier, Rektor der Zürcher Hochschule der Künste, sagt es richtig: Die geplante Abgabe ist viel zu wenig; wenn es etwas bringen wollen würde, müsste man mehr verlangen.

Claudia Wirz brachte als Einwand dann sofort die «soziale Frage» auf und empfahl Freiwilligkeit. Damit die Leute eher bereit sind, freiwillig CO₂-Kompensation zu leisten, müsse man bei den Formularen für den Ticketkauf das entsprechende Kästchen einfach grösser machen. Die Webdesigner werden die Klimakrise lösen? Dass da noch keiner darauf gekommen ist!

Aber ernsthaft: Es ist doch verblüffend, dass die soziale Frage immer dann aufgebracht wird, wenn gutverdienende Leute Dinge abschmettern wollen, die ihnen selbst nicht gefallen. Die Runde erkennt abschliessend, wennschon müsste der ganze Konsum mit CO₂-Abgaben belegt werden. Darauf Claudia Wirz mit letzten Statement: «Und wenn man das den Konsumenten wieder zurückgibt, dann gibt es das wieder neuer Konsum, und das gibt wieder neues CO₂.»

An dieser Stelle hatte man das Bedürfnis, mit dem Kopf auf die Tischplatte zu schlagen. Wie kann jemand für die NZZ geschrieben haben, der die Sache mit dem Kapitalismus nicht im Ansatz versteht? Ich bin alles andere als ein Fan dieser Wirtschaftsordnung. Aber da wir im Moment nichts Besseres haben, müssen wir mit ihr auskommen und sehen, wie wir ihre eklatanten Mängel in den Griff bekommen.

Der Clou am wirtschaftlichen Ansatz liegt darin, dass er zu einer Lenkung über das Portemonnaie führt. Wenn man den Konsumenten Geld für umweltschädigende Handlungen wie das Fliegen abnimmt und dieses Geld hinterher wieder an alle verteilt, dann haben alle einen Anreiz, die beliebten Betätigungen möglichst klimaneutral zu gestalten, weil sie dann billiger werden und man sich mehr davon leisten kann. Wenn das nicht gelingt, werden sie zunehmend teurer und damit auch exklusiver.

Dass das eine Verlagerung zur Folge hat, kann doch niemand ernsthaft bestreiten. Nun kann man diese Verlagerung nicht wollen und deswegen dagegen sein. Aber dass das System, bei allen Mängeln, grundsätzlich funktionieren würde, liegt auf der Hand.

Es hätte auch den schönen Nebeneffekt, dass wir nicht mehr moralisch argumentieren und von Flugscham oder SUV-Scham sprechen müssten. Denn wer es sich leistet, zahlt dafür angemessen. Man muss dann entweder sehr viel verdienen – und da könnte man auch mit einer noch etwas höheren Steuerprogression für Ausgleich schaffen – oder sich entscheiden, wo man Verzicht übt, wenn man andernorts seine Gewohnheiten beibehalten will.

Für mich wäre das sicherlich ein Anreiz, endlich wirklich ernsthaft Vegetarier zu werden – und dafür trotzdem ab und zu eine Flugreise zu machen.

Der wesentliche Punkt kommt bei vielen Mediendiskussionen – und dafür ist diese «Freitagsrunde» von SRF leider ein trauriger Beleg – schlecht rüber. Nämlich: Das wirtschaftliche Prinzip funktioniert. Und es ist die beste Option, die wir haben. Das sollte man festhalten, damit wir endlich zur wesentlichen Diskussion übergehen können. Nämlich die, wie man dieses System konkret ausgestaltet. Und das ist schwierig genug, wie der letzte Klimagipfel gezeigt hat.

An der Stelle verweise ich gerne auf die Folge Fighting Global Warming with Economics des Skeptoid-Podcasts, den ich auch schon vorgestellt habe (Ein besserer Aufklärer als Facebook): Da wird sehr schön dargelegt, warum freiwilliger Verzicht des einzelnen nicht reichen wird – sorry, Webdesigner! – und warum die Besteuerung von CO₂ bzw. Klimagasen zielführend wäre. Der Podast-Autor Brian Dunning hat noch nicht einmal Angst um das Wirtschaftswachstum:

…In every policy scenario, in every model, the U.S. economy continues to grow at or near its long-term average baseline rate, deviating from reference growth by no more than about 0.1% points. We find robust evidence that even the most ambitious carbon tax is consistent with long-term positive economic growth, near baseline rates, not even counting the growth benefits of a less-disrupted climate or lower ambient air pollution.

Da dies hier ein Tech-Blog ist, noch der Verweis auf den Artikel Wir müssen zu klugen Daten-Investoren werden, den ich am 5. Juli 2017 für den Tagi geschrieben habe:

Wir leben längst im digitalen Kapitalismus. Unsere persönlichen Daten sind ein bequemes Zahlungsmittel. Es entsteht scheinbar aus dem Nichts und erlaubt es uns, das Internet als riesigen Selbstbedienungsladen zu benutzen.

Das sollten wir alle begreifen, damit wir unsere Daten nicht an fragwürdige Gratis-Apps verschwenden, sondern sinnvoll einsetzen:

Wir müssen anfangen, uns als Teil dieses digitalen Kapitalismus oder, neutraler gesagt, der neuen Datenwirtschaft zu sehen. Unsere persönlichen Daten sind unser Kapital – das es gewinnbringend zu investieren gilt.

Beitragsbild: Kapitalismus. Und ja, der Titel ist überspitzt. Ich verteidige eigentlich die Einsichten der Wirtschaftswissenschaften zu den grundlegenden Marktmechanismen (Dan Burton/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Ausgerechnet ich verteidige den Kapitalismus?!“

  1. Bei Brennstoffen gibt es bereits länger eine solche Abgabe und sie funktioniert: man bezahlt einen Betrag pro Liter Heizöl bzw. pro Tonne Erdgas. Dieses Geld wird immerhin zu zwei Dritteln an die Haushalte zurückvergütet (der Rest fliesst in energetische Sanierungen).

    Die Webdesigner können aber schon etwas beitragen: wie ich auf https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardwarum-so-wenige-schweizer-ihren-flug-kompensieren/story/22334283 gelesen habe, würde es schon etwas bringen, wenn die CO2-Kompensation prominenter platziert wäre im Buchungsprozess (oder sogar Opt-out).

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