Spotify macht den Kasperli

Den Jahresrückblick 2019 von Spotify, sonst meistens interessant und aufschlussreich, war dieses Jahr eine einzige Enttäuschung. Die Musikstreamer aus dem hohen Norden haben nicht gemerkt, dass meine Tochter meinen Account in Beschlag genommen hat. Der Top-Künstler war Paul Bühlmann, gefolgt von Ines Torelli und Jörg Schneider. Das allein war schon absurd: Die haben nämlich zu dritt die Kasperli-Hörspiele zu verantworten, die meine Tochter angefangen hat zu hören, nachdem wir ihr im Sommer diesen Lautsprecher hier geschenkt hatten.

Jetzt gelte ich in Schweden offiziell als Chasperli-Junkie.

Die Hörspiele sind in einzelne, kurze Titel zerlegt. Es sind für ein gut zwanzigminütiges Stück etwa ein Dutzend Tracks. Wenn man nur ein paar Hörspiele laufen lässt, landen die Schauspieler unweigerlich sehr weit vorne in der Auswertung. Das führt zu einer Verzerrung, weil man Kapitel aus Hörspielen in keinster Weise mit Musiktiteln vergleichen kann, die man beim Streaming wie Singles, also als Einzeltitel anhört.

… und, nebenbei bemerkt, zeigt sich eine interessante Monetarisierungsstrategie auf:

Man sollte bei Spotify Werke veröffentlichen, die die Leute möglichst in einem Rutsch anhören und die man in viele kurze Tracks zerlegen kann. Bei einem Hörbuch oder Hörspiel macht man daher mit Vorteil möglichst kurze Kapitel – das müsste sich rechnen, egal bei welcher Gesamtdauer.

Nun werden manche Leute sagen: Lös‘ halt einen Familien-Account bei Spotify. Klar, das könnte man tun, und irgendwann mal werde ich vermutlich nicht darum herumkommen.

Geht doch: Die Podcasts werden im Jahresrückblick separat ausgewiesen.

Aber ein solcher Account ändert nichts am Grundproblem: Spotify müsste Musik und Nichtmusik trennen. Ich höre mit meinem Account auch Hörbücher und Podcasts. Die haben in der Jahresauswertung ebensowenig verloren wie die Hörspiele meiner Tochter. Und auch die Kinderlieder müssen dort nicht auftauchen – obwohl es sich bei denen im weiteren Sinn um Musik handelt. Trotzdem würde ich die eher in die Kategorie «Unterhaltung»  einsortieren.

Es ist unverkennbar: Spotify hat die Metadaten und Kategorien nicht im Griff. Es spricht nichts dagegen, die Inhalte aus dieser Unterhaltungs-Kategorie mit gesprochenem Wort und Kindermusik separat auszuwerten. Aber wenn Spotify verspricht, einem in diesem Jahresrückblick mehr über die eigenen Musikvorlieben zu verraten, dann sollte sich der Streamingdienst dabei auch wirklich aufs Kerngeschäft konzentrieren. Bei den Podcasts funktioniert das übrigens: Dort werden separat ausgewiesen.

Immerhin: Auf Platz vier gibt es einen Mann, den man als Musiker bezeichnen könnte.

Die Analysen wären nämlich eigentlich interessant. Wir haben Künstler aus 73 Ländern gehört, diverse Genres kamen zum Zug – und dass Zucchero der Mann war, den wir nebst Chasperli am meisten gehört haben, war überraschend. Das muss daran liegen, dass sowohl meine Frau als auch ich ihn ab und zu ausgewählt haben.

Wie auch immer: Für mich hat dieser Jahresrückblick eine Frage aufgeworfen. Nämlich die: Kommt man irgendwie an die Daten heran, die Spotify über einen hat?

Das wäre mir ein Anliegen. Ich könnte einerseits meine eigenen Analysen durchführen. (Und selbst wenn ich es nicht tun sollte, hätte ich die theoretische Möglichkeit dazu – was eine gute Sache wäre.)

Andererseits wäre meine Spotify-Sammlung dann keine komplett virtuelle Angelegenheit. Natürlich, der Datendownload würde nicht die Musik selbst umfassen, sondern nur die Metadaten dieser virtuellen Song-Kollektion. Aber immerhin hätte ich zum Beispiel meine Wiedergabelisten in Offline-Form und könnte die zu einem anderen Streaming-Dienstleister transferieren oder, durch den Erwerb der Songs in einem Download-Store, in einer App wie Aimp bereithalten.

Bevor man seine Daten herunterladen kann, muss man erst einmal ziemlich viel Geduld beweisen.

Und tatsächlich: Es gibt die Möglichkeit, die Spotify-Daten herunterzuladen. Die findet man in den Datenschutz-Einstellungen im Abschnitt Deine Daten herunterladen: Erst klickt man auf Anfordern, dann muss man eines dieser hässlichen Google-Captchas über sich ergehen lassen. Nun klickt man auf Okay und erhält ein Mail, das man wiederum bestätigen muss. Dann gelangt man zu Schritt zwei, wo es folgendes heisst:

Die Datei mit deinen Daten wird vorbereitet. Dies kann bis zu 30 Tage dauern. Wenn die Datei fertig zum Download ist, wirst du per E-Mail benachrichtigt.

Da es bei mir noch nicht so weit ist, kann ich leider an dieser Stelle nicht berichten, was in diesem Archiv enthalten ist und wie nützlich die Datensammlung ist. Das werde ich aber selbstverständlich in einem Fortsetzungsbeitrag tun, sobald der Download parat ist.

Die Songshift-App vermittelt zwischen diversen Streamingdiensten.

Ich habe noch einen zweiten Versuch gewagt, nämlich mit der SongShift-App, die es kostenlos fürs iPhone gibt (die Pro-Funktionen kosten 5 Franken). Allerdings ist damit leider kein Download der Daten möglich. Die App ist dazu da, die Daten von Dienst A nach Dienst B zu transferieren.

Das funktioniert in der Praxis so, dass man zwei Streamingdienste verbindet, dann den Ausgangsdienst und den Zieldienst bestimmt und eine Übernahme durchführen lässt.

Kurzer Einschub: Das sind die Dienste, die zur Auswahl stehen: Apple Music, Deezer, Discogs, HypeMachine, LastFM, Napster, Pandora, Qobuz, Spotify, Tidal und YouTube Music

Songshift transferiert Daten direkt – ein Download ist nicht vorgesehen.

Da ich den Dienst nicht wechseln möchte, hat mir das nicht weitergeholfen – aber für manche Leute ist das sicherlich interessant. Und ich werde auch Song Shift im neuen Jahr noch etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Noch ein abschliessender Tipp. Eine gute Sache ist sicher auch, wenn man weiterhin LastFM benutzt. Dort werden die Musikgewohnheiten ebenfalls penibel registriert («gescrobblt») und analysiert, sodass man ebenfalls ein ausgezeichnetes Protokoll seiner Hörgewohnheiten und Musikvorlieben erhält. Die Daten hat man als Feeds in diversen Formaten zur Verfügung. Aber eben: Man muss rechtzeitig daran denken, LastFM zu benutzen – und man darf dann wahrscheinlich keine WLAN-Lautsprecher oder smarte Fernseher benutzen, wenn man keine Lücken in der Aufzeichnung haben will.

Beitragsbild: Kasperletheater/Wikimedia, CC0

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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