Ein Gerichtsdrama im Podcast-Format

Was würde besser zur Weihnachtszeit passen, als ein Hörbuch zur Roten Armeefraktion? Klar: Eine ganze Menge –all die Dinge, die typischerweise aus der eher kitschigen Ecke des Lebens kommen. Aber da wir alle sowieso auf eine Überdosis Zimt und Kardamom, Kerzenduft und Glöckchengeläut zusteuern, ist meine Empfehlung vielleicht doch nicht so schlecht.

Es handelt sich um die Audio-Dokumentation «Die Stammheim-Tonbänder». Das ist eine Produktion des WDR, die man sich dort auch anhören kann. Es gibt sie auch als Hörbuch bei Audible, das man auch bei Spotify hören kann. Und unter dem Titel «Die Stammheim-Bänder» findet man die Produktion auch bei Spotify.

O-Töne von der Gerichtsverhandlung.

Bei dieser Produktion gibt es Originaltöne aus der Gerichtsverhandlung gegen die Köpfe der RAF Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Die Verhandlung fand in einem eigens gebauten Gebäude neben dem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim statt. Sie wurde damals auf Tonband mitgeschnitten, damit die Protokollführer sicherstellen konnten, dass die Mitschriften auch akkurat sind. Die Bänder sollten nach der Transkription jeweils überspielt werden. Das ist aber nicht vollständig passiert. Ein paar Bänder sind der Vernichtung entgangen und  der Nachwelt erhalten geblieben.

Insgesamt sind es 21 Bänder mit insgesamt 21 Stunden vom Prozess, die eine Archivarin des Staatsarchivs Ludwigsburg 2003 im Keller des Obelandesgerichts Stuttgarts entdeckt hat. 2007, nach dreissig Jahren, lief die Sperrfrist ab und sind nun für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das ist nur ein Bruchteil des Prozesses, bei dem an 192 Tagen verhandelt wurde und der von August 1975 bis Februar 1977  hat. Nur von einem Tag, dem 48., sind alle Aufnahmen vorhanden. Und es ist denn auch ziemlich willkürlich, was wir zu hören bekommen.

In der zweiten Folge (zu Band 31) beklagen sich die Anwälte der Angeklagten beispielsweise darüber, dass sie sich bei jedem Betreten des Gerichtsgebäudes durchsuchen lassen müssen – und dass das nicht für die Staatsanwälte gilt. Der Oberstaatsanwalt Dr. Zeiss sei sogar mit einer Faustfeuerwaffe im Sitzungssaal aufgetaucht. «Mein anwaltliches Schamgefühl wird hier täglich mindestens zweimal schwerstens verletzt», erklärt der Vertrauensanwalt von Baader, Hans-Heinz Heldmann.

Der Autor der Dokumentation, Maximilian Schönherr, sagt klipp und klar, die Aufnahmen seien fragmentarisch. Dennoch ist er überzeugt, sie würden einen repräsentativen Eindruck der Verhandlung geben. Diesen Eindruck teile ich: Man erhält einen ausgezeichneten Eindruck, wie die Beteiligten miteinander umspringen – und wie viel Zeit mit Verfahrensfragen verbraten wird. (Als Nicht-Jurist hätte mich dabei auch das eine oder andere Mal die Ungeduld gepackt. Aber mir leuchtet ein, dass ein so wichtiger Prozess formell absolut sauber ablaufen sollte.)

Die Doku spannend – und es zeigt sich wieder einmal die Kraft des O-Tons, gerade in ausführlichen Audioproduktionen, die ihrem Thema mehr Platz einräumen als das Fernsehen, wo üblicherweise nur ein paar Soundbites zu hören sind. Eindrücklich ist vor allem Otto Schily, der Gudrun Ensslin verteidigt hat und der im Oktober 1998 deutscher Bundesinnenminister wurde. Er hat das Talent, ordentlich vom Leder zu ziehen und auch dem Richter Theodor Prinzing ordentlich einzuheizen.

Fazit: Wie spannend Gerichtsdramen als Filmgenre sind, wissen wir seit 12 Angry Men. Die Dokumentation beweist nun, dass sie auch als Hörbuch ihre Berechtigung haben. Nur schade, dass es in Europa ein Versehen braucht, damit Aufnahmen erhalten bleiben. Diese Praxis sollte man überdenken – denn als geschichtliches Dokument sind solche Aufnahmen Gold wert. Und eine Sperrfrist von dreissig Jahren ist ein wirkungsvolles Mittel, um im aktuellen Kontext politischen Missbrauch zu verhindern.

Damit man mitkommt, sollte man ein bisschen etwas über die RAF und den deutschen Herbst wissen. Apropos: Weiss jemand von euch, ob es Der Baader-Meinhof-Komplex als Hörbuch gibt?

Noch ein Extra-Tipp: Bei der NZZ gibt es unter dem Titel Als die RAF in Zürich eine Bank ausraubte und im Shop-Ville tödliche Schüsse fielen eine eindrückliche Bildstrecke zum Überfall auf die Schweizerischen Volksbank, bei dem die RAF am 19. November 1979 548’000 Franken erbeutete.

Beitragsbild: Die Festnahme von Baader, Raspe und Meins am 1. Juni 1972 erfolgte vor diesem Apartmenthaus im Hofeckweg 2–4 in Frankfurt am Main. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem Polizisten über 300 Schüsse abgaben (Thilo Parg/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen