So rein und dumm wie weisses Papier

Ein Leser hat mir neulich den Tipp gegeben, ich solle mir doch einmal iA Writer ansehen. Und damit hat er natürlich recht: Dass ich die in meiner Reihe zu den modernen Text-Edioren bislang ausgelassen habe, grenzt an eine Unterlassungssünde.

Die App gehört nämlich zu den ersten ihrer Art. Sie kam 2010 fürs iPhone und iPad auf den Markt. Inzwischen ist sie auf fast allen Plattformen zu Hause: Auf Windows, Mac und Android. Sie ist auch insofern ein Kind unserer Zeit, als dass die Windows-Version mittels Crowdfunding lanciert worden ist. 823 Leute haben auf Kickstarter 23’575 Franken für die Entwicklung gesprochen.

Und ja, iA Writer ist eine Schweizer Entwicklung. Die NZZ am Sonntag hat am 22. Mai 2011 die App und den Entwickler Oliver Reichenstein vorgestellt:

Er finanzierte sich damals sein Philosophiestudium mit der Leitung von Einführungskursen in Microsoft Word. Während er den Studenten die Vielzahl von Funktionen verständlich zu machen versuchte und Formatierungseinstellungen erklärte, wuchs sein Ärger über die Komplexität des Programms, die vom kreativen Prozess des Schreibens ablenkt, statt ihn zu unterstützen.

Das war ein erfolgreiches Unterfangen: Reichensteins Agentur hatte schon 2012 Büros in Tokio, Berlin, in der Schweiz und beschäftigte 15 Mitarbeiter. Mit anderen Worten: Ich komme wirklich nicht um sie herum.

iA Writer ist nicht kostenlos. Der Preis variiert je nach Plattform: Die Windows-Variante kostet 20 Dollar, die Mac-Version im Store von Apple 29 Franken. Beim iPhone und iPad zahlt man 9 Franken. Die App für Android ist kostenlos, doch dort gibt es einen In-App-Kauf für 9 Franken.

Diese unterschiedlichen Preise sind aus Sicht der Nutzer etwas seltsam. Ich nehme an, dass sie sich von der durchschnittlichen Bereitschaft zum Bezahlen auf den jeweiligen Plattformen ableitet. Aber selbst wenn man als Nutzer unterschiedlicher Geräte mehrfach bezahlt, wäre das absolut gerechtfertigt – und zumindest aus meiner Sicht einem Abomodell wie z.B. bei Ulysses vorzuziehen, selbst wenn man damit die Varianten für den Mac und das iPad bekommt.

Das Programmfenster im Nachtmodus und mit der (normalerweise ausgeblendeten) Menüleiste.

Also, zur App selbst:

Sie präsentiert sich während des Schreibens so weiss wie ein Blatt Papier. Die Menüleiste blendet sich beim Tippen automatisch aus, und noch nicht einmal eine Statusleiste ist zu sehen. Es gibt immerhin den Befehl Ansicht > Statistiken immer anzeigen, wenn man den Umfang des aktuellen Dokuments sehen möchte. Er lässt sich in Zeichen, Wörtern, Sätzen und Lesezeit, oder aber als Fortschritt (X von Y Wörtern) anzeigen.

Es gibt auch den Fokusmodus, den man von vielen vergleichbaren Editoren kennt. Er ist kleverer als bei den meisten anderen Apps: Man kann auswählen, ob der aktuelle Satz oder Abschnitt im Fokus stehen soll – und der Rest jeweils abgeblendet dargestellt wird. (Bei den meisten anderen Apps bezieht sich der Fokusmodus nur auf den aktuellen Abschnitt.)

Und man findet unter Ansicht > Fokus auch das Schreibmaschinen-Scrolling. Bei dem wird der Cursor immer in der Mitte des Fensters gehalten, egal wie lang der Text ist. Die Textgrösse lässt sich bei gedrückter Ctrl-Taste über das Mausrad einstellen. Und mit Ansicht > Nachtmodus schaltet man auf die invertierte Darstellung um.

Der Text erscheint in einer Code-Ansicht, mit etwas Formatierung (Titel erscheinen fett, fette und kursive Passagen werden mit Steuerzeichen dargestellt). Über Ansicht > Vorschau bleindet man eine formatierte Voransicht ein, wobei das Fenster dann zweigeteilt wird: Links die Code-Ansicht, rechts die formatierte Darstellung. In der Vorschau wählt man über ein Dropdown-Menü die Stildatei aus. Sechs Varianten stehen zur Wahl (Sans, Serif, Mono, Duo, Quattro und GitHub).

So präsentiert sich iA Writer mit Bibliothek und Vorschau.

Die Code-Ansicht mit Vorschau nebeneinander ist die klassische Darstellungsweise eines Markdown-Editors. Moderner ist die Live-Vorschau, die es zum Beispiel in Typora gibt. Bei ihr werden Code und Voransicht kombiniert: Die Steuerzeichen werden ausgeblendet, wenn der Cursor den Absatz verlässt.

Das riecht zwar ein bisschen nach Wysiwyg. Aber es gibt auch in Typora die klassische Code-Ansicht. Und man kann mehrere Ansichten nebeneinanderstellen, so, wie es einem gefällt. Das ist noch etwas flexibler als bei iA Writer.

Die Menüs sind überschaubar und mit den Befehlen für fette, kursive und fett-kursive Auszeichnungen, für die Titel, Listen, Aufgaben, Tabellen und Links (sowie Bilder) bestückt. Im Bearbeiten-Menü gibt es auch Suchen-Ersetzen-Befehle. Allerdings funktionieren die nur direkt, ohne reguläre Ausdrücke – was für mich leider ein grosses Manko darstellt.

Über das Hamburger-Symbol am linken Rand der Menüleiste blendet man eine simple Dateienverwaltung ein. Es erscheint bei Windows der Dokumenten-Ordner mit Unterverzeichnissen und den Markdown-Dateien. Auch die Bilddateien im Ordner sind ersichtlich, die man pler Maus in sein Dokument ziehen kann. Über das Plus-Symbol lassen sich auch Ordner und Dateien zu dieser Bibliothek hinzufügen.

Über die Bibliothek schaltet man sehr schnell zwischen Dokumenten um: Wenn man dort ein anderes Dokument anklickt, wird das gerade offene gespeichert, geschlossen und das neue geöffnet. Wie bei anderen Markdown-Apps erfolgt die Speicherung kontinuierlich im Hintergrund, sodass man sich als Nutzer nicht damit herumschlagen muss.

Fazit: iA Writer gehört zu den Veteranen, ist aber auch heute noch eine gute Wahl. Bei dieser App stimmt fast alles: Ein solider Funktionsumfang, die schlichte und durchdachte Präsentation und die einleuchtende Bedienung.

Klar: Andere Apps (zum Beispiel Ulysses oder Drafts) können mehr. Und ein paar Nachbesserungen würden iA Writer gut anstehen. Ich hätte gerne etwas mehr Exportmöglichkeiten als HTML, PDF, Markdown (?) und Word. (Zum Beispiel Wikitext, RTF und ODF). Auch ein Editor für Stildateien (bei iA Writer Templates genannt) würde sich anbieten – oder zumindest die Möglichkeit, weitere Templates direkt aus der App zu laden.

Aber seinen eigentlichen Zweck – Schreiben ohne Ablenkung – erfüllt er auch so. Und darum verstehe ich es total, wenn Oliver Reichenstein meine guten Vorschläge hier ignoriert…

Beitragsbild: Schon liniertes Papier wäre zu viel Ablenkung. (Tirachard Kumtanom/Pexels, Pexels-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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