Zum Glück gibt es etwas Besseres als WinAmp

Im Beitrag Der Windows Media Player müffelt gewaltig ging es darum, dass Windows multimedia-mässig nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Ich habe mir daraufhin vorgenommen, ein paar Musik-Apps zu testen. Den Anfang machen wollte ich mit WinAmp. Die alten Säcke – also Leute, mit einem ähnlichen Jahrgang wie ich – werden sich erinnern: Das ist ein Musikplayer, der mit Windows 95 gross geworden ist. Er kam 1997 zum ersten Mal heraus und passt damit auch bestens in meine Die Oldtimer im Softwarebereich-Liste.

WinAmp? Danke, kann weg.

Nun ist aus diesem Unterfangen leider nichts geworden. Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, mich ausgiebig mit diesem Produkt abzugeben. Es sieht dafür einfach zu sehr nach 1990er-Jahre aus: Dieser Skeuomorphismus! Dieses mit unzähligen Funktionen vollgestopfte Programmfenster. Die winzige Schrift. Die heute nun wirklich nicht mehr so tollen Vizualisations.

Und obendrein diese hässlichen Anachronismen – wie zum Beispiel, dass der Internet Explorer als Reiter im Media Library-Fenster integriert ist. Ja, der Internet Explorer!

Es tut mir leid, aber WinAmp gehört leider auf den Müllhaufen der Software-Geschichte. Bleibt die Frage: Gibt es eine moderne Antwort auf die Frage, wie man Musik aus einer lokalen Musikbibliothek stilvoll an seinem PC abspielt?

Zum Glück gibt es die. Nach einigem Suchen bin ich auf Aimp gestossen. Das ist ein Musikplayer, der für Windows, den Mac und für Android existiert. Er stammt aus Russland – und wer da gleich dunkle Putin-Machenschaften befürchtet, kann das Programm auch bei Heise.de herunterladen. Die haben es ausführlich auf Viren getestet und nichts gefunden.

Die Oberfläche macht im Vergleich zu WinAmp einen unendlich aufgeräumteren Eindruck. Sie verwendet ein «flaches» Design und sieht daher einigermassen modern aus. Es gibt aber selbstverständlich auch für Aimp so genannte Skins: Das sind alternative Erscheinungsbilder, die man hier herunterlädt. Als Gipfel des Skeuomorphismus besorgt man sich das Kassettendeck einer Stereoanlage oder eine Monstrosität wie diese hier.

Aimp: Schlicht und übersichtlich.

Spielt man einen Song ab, dann erscheint im oberen Bereich des Fensters nebst dem Cover auch eine Hüllkurve des Songs, in der der Wiedergabefortschritt ersichtlich ist. Per Mausklick lässt sich die Wiedergabeposition verschieben. Ein langatmiges Intro wäre hier zu sehen und sehr leicht zu überspringen.

Bei dem Schaltflächen für die Wiedergabe gibt es die Wiederholung und Zufallswiedergabe, sowie die Zeitplanungseinstellungen. Über die lässt man, bei Alarm, die Wiedergabe zu einer bestimmten Zeit starten. Via Schlaftimer wird die Wiedergabe automatisch beendet. Im Schlaftimer gibt es nette Optionen: Man kann dafür sorgen, dass das Stück oder die Wiedergabeliste zu Ende gespielt oder dass der Computer auch gleich noch heruntergefahren wird.

Es gibt an der Stelle auch einen Equalizer und die unvermeidlichen Vizualisations. Die sind jedenfalls so unspektakulär, dass man sie auch getrost ignorieren darf.

In der Bibliothek bei Lokale Dateien sieht man seine Titel mit der Einstellung Keine Gruppierung entweder in einer langen Liste mit allen Dateien (Zeige alle) oder nach Laufwerk und Ordnern sortiert. Beim Menü Keine Gruppierung gibt es alternative Darstellungsformen:

  • Album
  • Alben-Künstler, Album
  • Datum, Alben-Künstler, Album
  • Genre, Alben-Künstler, Album

Man sortiert hier entweder nach Alben, nach Künstler und dann nach Alben, chronologisch mit nachfolgender Sortierung nach Künstler und Alben oder nach Genre mit einer Untersortierung von Künstler und Album.

Das passt schon ganz gut. Meine bevorzugte Darstellung ist nach Künstler. In der Liste erscheinen dann alle Interpreten, bei denen man über ein Ausklapp-Menü die Alben einblendet. So kann man entweder alle Titel eines Künstlers in einem Rutsch spielen, oder aber ein Album auswählen. Das passt!

Kritisieren kann man, dass sämtliche Bands mit einem «The» im Namen unter T einsortiert werden – von The Nits über The Offspring bis hin zu The Smiths, The Young Gods und The Zombies. Das ist ist nicht sinnvoll. Die sollten nach dem eigentlichen Namen sortiert werden, wobei der Artikel dennoch verwendet werden kann. Man könnte natürlich seine Bands mit «Nits, The» erfassen. Aber das ist auch nicht elegant. Sinnvoll wäre ein Feld bei den Metadaten, das «Künstlername für Sortierung» heissen könnte und nicht unbedingt angezeigt werden müsste. Dort könnte dann «Nits, The» stehen.

Aber gut, das ist ein Nebenschauplatz, der nur für Metadaten-Fetischisten, wie ich einer bin, interessant ist.

Neben der Ansicht Lokale Dateien gibt es noch zwei weitere: MyClouds für die Ablagen im Internet und Podcasts, die selbsterklärend sein müsste.

Auch in der Cloud gespeicherte Musik lässt sich abspielen.

Wenn man eine Ablage hinzufügen möchte, klickt man mit der rechten Maustaste auf das Feldchen All und wählt Add Storage aus dem Kontextmenü. Bei Service finden sich die Dienste, wobei das Angebot gross ist. Neben dem eigenen Server, den man via WebDav einbindet, stehen u.a. Box, Dropbox, Google-Drive, OneDrive, aber auch Dinge wie 4shared, Adrive, Cloud2@Mail.ru, pCloud, Opendrive oder Yandex-Disk zur Auswahl.

In der zweiten Spalte neben dem Interpret werden die Titel angezeigt. Es gibt Spalten für die Titelnummer, das Genre, den Dateinamen, das Aufnahmedatum, Länge, die Bewertung, Nutzer-Wertung und das Datum der letzten Wiedergabe.

Die Alben lassen sich nicht nur als Tabelle, sondern auch als Gruppe (mit Cover-Bild und Songs) oder einzeln als Cover anzeigen. Und es gibt in der Fusszeile ein Suchfeld.

In einer dritten Spalte erscheint die Warteschlange mit den zur Wiedergabe anstehenden Songs. Man kann dort, per Rechtsklick auf den Bereich oberhalb der Liste, auch Wiedergabeliste anlegen. Nebst den normalen Wiedergabelisten gibt es auch smarte Wiedergabelisten: Bei denen sucht ein Algorithmus passende Songs. Er nimmt sich entweder die geöffnete Playlist, ein Ordner oder die Mediathek zum Vorbild.

Sowohl Warteschlange als auch Wiedergabelisten darf man manuell anpassen: Man kann sie per Maus umsortieren, Stücke entfernen und hinzufügen.

Mir gefällt auch sehr gut, dass man die Metadaten seiner Musikdateien direkt in Aimp bearbeiten kann. Man klickt dazu mit der rechten Maustaste auf einen Song und wählt Dateiinformationen aus dem Kontextmenü. Es erscheint ein Fenster mit drei Reitern:

Bei Basics sieht man die Angaben zu Titel, Künstler, Album, Genre und Jahr, zum Dateiformat, Dauer, Bitrate, Dateigrösse und Codec. Man hat einen Abspielzähler, die Wertung und das Hinzugefügt-Datum.

Die Songtexte lassen sich per Mausklick aus dem Internet abrufen und in den Metadaten speichern.

Im Reiter Lyrics erscheinen die Songtexte. Die kann man durch einen Klick auf den Knopf Herunterladen aus dem Internet rechts oben in der Menüleiste sehr einfach hinzufügen. Im Reiter M4A (bzw. dem Format, in dem der Titel vorliegt) sind die Metadaten ersichtlich und bearbeitbar. Über den Knopf Autoausfüllen lassen sich Metadaten automatisch ergänzen. Der Knopf Feld nicht füllen, wenn es einen Wert hat sorgt dafür, dass nichts überschrieben wird, was man selbst eingetragen hat.

Die Einstellungen haben es ebenfalls in sich. Über den Menu-Knopf links oben gelangt man zu umfangreichen Konfigurationsmöglichkeiten. Interessant hier der Punkt Hotkeys: Über den kann man für quasi jede Funktion ein eigenes Tastaturkürzel vergeben. Das kann entweder lokal sein, d.h. nur zum Verwendung finden, wenn Aimp im Vordergrund ist (den Fokus hat). Es ist auch möglich, globale Hotkeys zu vergeben – die funktionieren dann auch, wenn die Anwendung im Hintergrund läuft oder minimiert ist.

Fazit: Aimp ist eine echte Entdeckung! Modern in der Optik, zweckmässig in der Benutzung und mit allen Funktionen, die man sich nur wünschen kann. Ohne Zweifel eine hervorragende Wahl, wenn man den Windows Media Player als veraltet ansieht, WinAmp hässlich findet, VLC für die Musiksammlung nicht so ganz passt und iTunes aus der Gunst gefallen ist.

Aimp hat alles, was man sich wünschen würde. Kritisieren kann man die schlechte und teils lückenhafte deutsche Übersetzung. Aber das ist ein Detail. Abgesehen davon überzeugt das Programm durch viel Liebe zum Detail. Zum Beispiel bei diesen Dingen hier:

  • Über das Kontextmenü, das beim Klick auf einen Song erscheint, ordnet man einem Song Labels zu. Solche Labels könnten zum Beispiel die Stimmung benennen oder aber angeben, zu welchem Zweck man als DJ einen Song spielen könnte.
  • Via Menü links oben findet man den Punkt DSP-Manager. Das steht für Digitaler Signalprozessor: Man kann Soundeffekte wie Echo, Hall oder Flanger dazurechnen, die Lautstärke normalisieren, Songs automatisch überblenden lassen und Nullpegel (Stille) automatisch überspringen.
  • Ein neuer Titel wird als Einblendung auf dem Bildschirm angezeigt, selbst wenn das Programm minimiert ist.
  • Platziert man die Maus auf dem Programmsymbol in der Taskleiste, erscheinen Cover und Name des laufenden Songs, plus Steuertasten fürs Weiterblättern und Stoppen.

Beitragsbild: Aimp ist der Marshall-Gitarrenverstärker unter den Musikwiedergabeprogrammen (Alex Kampmann/Pixabay, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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