Android ist eine Fehlkonstruktion

Ein praktisches Beispiel aus dem Alltag, das aufzeigt, warum man als Blogger besser die Finger von Googles Smartphone-Betriebssystem lässt.

Für meine Patentrezept-Videos verwende ich diverse Screencast-Programme: Hypercam für Windows, Screenium für den Mac und iOS und Rec für Android (oder alternativ auch AZ Screen Recorder). Neulich habe ich per Zufall entdeckt, dass man beim Huawei P10 auch ganz ohne Zusatzsoftware das Geschehen auf dem Bildschirm mitfilmen kann.

Man hält für diesen Zweck die An-Aus-Taste gedrückt und betätigt dann den Lauter-Knopf. Das funktioniert analog zur Screenshot-Funktion, die man mit An-Aus und der Leiser-Taste auslöst.

Das wäre unglaublich praktisch, wenn da nicht ein störendes Detail wäre: In der Statusleiste läuft während der Aufnahme eine Uhr mit. Natürlich ist es grundsätzlich sinnvoll, dem Nutzer anzuzeigen, dass eine Aufnahme stattfindet – gerade auch, damit solche Aufnahmen nicht zu Spionagezwecken heimlich stattfinden können. Es ist aber unsinnig, dass diese Uhr auch in der Aufnahme landet. Für den Zuschauer ist die Uhr irrelevant und lenkt bloss ab. (Ähnlich wie bei iOS, wo sich während der Aufnahme die Statusleiste rot färbt.)

Mein Trick zur Beseitigung des Ärgernisses ist, dass ich die Statusleiste in Final Cut zum Verschwinden bringe. Ich vergrössere die Aufnahme leicht und schneide den Balken oben weg. Das mindert auch das Problem mit dem Pillarboxings, den schwarzen Balken rechts und links im 16:9-Video. Wenn ich die Statusleiste im Bild haben will, dann verwende ich eine der anderen Aufnahmemethoden, bei der in der Aufnahme nichts zu sehen ist.

Wie immer in solchen Fällen stellt sich bei Android die Frage, ob das eine Standardfunktion des Betriebssystems oder ein individuelles Feature des Herstellers ist. Das ist gar nicht so leicht herauszufinden. Denn es gibt meines Wissens keine (vernünftige) Übersicht der Android-Features. Die Liste bei Wikipedia ist etwas gar oberflächlich. Die Datenbank für die Google-APIs erscheint mir für Nicht-Entwickler ungeniessbar. Probieren kann man sein Glück auch bei der Android-Hilfe von Google. Aber auch die deckt nur das Nötigste ab.

Und eben: Wenn man dort keinen Hinweis auf ein Feature findet, dann kann das mehrere Dinge bedeuten: Man hat mit dem falschen Suchbegriff operiert. Oder es gibt das Feature, aber keinen Hilfeartikel. Oder aber: Es gibt das Feature in Android selbst tatsächlich nicht.

Im Fall der Bildschirmaufnahme gibt es ein eindeutiges Anzeichen, dass es sich nicht um ein universelles Android-Feature, sondern um eine Spezialität von Huawei handelt. Huawei beschreibt sie nämlich in einem Hilfebeitrag. Dort erfährt man auch, dass man zwei mal mit zwei Knöcheln aufs Display klopfen kann, um die Aufzeichnung zu starten.

Das zwingt mich an dieser Stelle eigentlich dazu, den Blogpost in den Papierkorb zu werfen und mir etwas Neues auszudenken: Denn ich habe den Anspruch, hier im Blog Themen von einer gewissen Relevanz abzuhandeln. Eine Huawei-spezifische Funktion erfüllt diesen Anspruch nicht.

Doch das mache ich nicht: Stattdessen erzähle ich diese Geschichte als Beispiel dafür, weswegen man nicht vernünftig über Android Blog-Beiträge oder Service-Artikel schreiben kann. Android ist eine so heterogene Angelegenheit, dass man seine Tipps immer Hersteller-spezifisch ausarbeiten müsste: Für Samsung, Huawei, OnePlus, Xiaomi, LG, Oppo, Sony…

Und natürlich auch für «Stock Android», die Originalvariante, die vom Hersteller nicht verändert wurde und die auch Android One heisst. Es gibt sie bei Nokia und bei manchen Modellen von HTC , Moto, OnePlus, Sharp und dem Essential Phone.

Als Blogger/Journalist müsste man mindestens ein halbes Dutzend aktueller Geräte bereitliegen haben, wenn man abklären will, ob ein Trick so funktioniert, wie man ihn beschrieben hat. Das ist absolut nicht praktikabel. Und darum bleibt für mich jeweils nur der unbefriedigende Weg, die Situation für ein, zwei Modelle abzuklären und einen Hinweis wie diesen zu ergänzen: «Die Vorgehensweise variiert je nach Hersteller und Modell. Sehen Sie ggf. auf den Supportseiten zu Ihrem Gerät Details nach.»

Das ist oft kein sonderlich guter Tipp, weil die Supportseiten bei vielen Herstellern entweder inexistent oder annähernd unbrauchbar sind.

Android hat diverse Schwächen, aber diese Anpassbarkeit durch die Hersteller ist meiner Meinung nach schlicht ein Konstruktionsfehler. Denn es geht ja nicht nur um die Journalisten und Blogger, die sich nicht in der Lage sehen, Android so mit Tipps und Tricks zu bedienen, wie das beim iPhone oder auch bei Windows möglich ist. Es geht auch um die Entwickler. Und ich möchte nicht wissen, was für ein Albtraum es ist, die Kompatiblität einer App für die diversen Hersteller, Modelle Bildschirmgrössen und Leistungsdaten sicherzustellen.

Hier erfährt man übrigens ein bisschen etwas dazu; und zu Tricks wie dem Android Emulator.

Es kommt ein erschwerender Umstand hinzu: Nämlich der Versions-Wirrwarr. Android-Telefone sind selten auf dem neuesten Stand, was die Betriebssystemversionen angeht. Das liegt daran, dass sich die Hersteller die Mühe sparen, die Updates für ihre älteren Geräte anzupassen: Wer ein aktuelles Betriebssystem will, soll sich ein neues Telefon kaufen, lautet die implizite Botschaft.

Google versucht dagegenzuhalten. Etwa  mit Project Treble, das den Anpassungsaufwand für die Hersteller reduziert. Das hat eine gewisse Wirkung erzielt. Doch es ist längst nicht so, dass der Grossteil der Nutzer nun mit aktuellen Versionen arbeiten würde.

Und eben: Das Problem entsteht durch einen fundamentalen Design-Fehler bei Android. Darum lässt er sich auch nicht durch eine oberflächliche Massnahme wie Projekt Treble beheben.

Klar: Android wird per se weniger homogen sein als iOS, weil es auf einer viel breiteren Palette zum Einsatz kommt. Und es ist auch verständlich, dass die Hersteller gewisse Anpassungsmöglichkeiten beim System brauchen, um es für spezielle Fähigkeiten ihrer Geräte anzupassen.

Andererseits hätte Google, bzw. die Open Handset Alliance, die Lehren aus dem Debakel ziehen sollen, dass die PC-Hersteller seit Jahrzehnten bei Windows angerichten. Seit jeher müllen sie das Betriebssystem mit unnützer Software voll, nur um die Nutzer auch auf Desktop-Ebene daran zu erinnern, dass sie ein Gerät von HP, Lenovo, Dell, Acer, Asus oder Fujitsu benutzen. Die Lehre daraus kann nur sein, dass den Hardwareherstellern nicht zu trauen ist, sobald es um die Software geht.

Es gab niemals einen Grund anzunehmen, dass das bei den Mobiltelefonen anders sein würde. Im Gegenteil: Hier haben die Hersteller sogar die Möglichkeit, das System selbst anzupassen.  Die war ihnen bei Windows immer verwehrt. Und so hatten wir Nutzer wenigstens die Möglichkeit, Windows selbst nach unserem Gusto zu aktualisieren. Man wagt sich kaum auszumalen, wie es gewesen wäre, wenn wir hätten warten müssen, bis HP das HP-Windows für seine Laptops angepasst hat!

Fazit: So viele Vorbehalte ich auch gegenüber Apples walled garden habe – im direkten Vergleich sind die Nachteile für uns Nutzer deutlich geringer. Android jedenfalls sollte Anpassungen nur auf App- und Treiberebene erlauben. Und ein Schalter wäre sinnvoll, mit dem man die gebündelten Apps in einem Rutsch deaktivieren könnte.

Beitragsbild: Lolioni/Unsplash, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Android ist eine Fehlkonstruktion“

  1. Die Anpassbarkeit hat viel zur Innovation beigetragen. Ohne die Flexibilität, eigene Gerätetreiber mitzuliefern, wären bessere Kameras und neue Sensortypen nicht möglich gewesen. Um beim Vergleich mit PCs zu bleiben: wenn Nvidia eine neue Grafikkarte entwickelt, müssen sie nicht Microsoft fragen, ob man diese dann in ein paar Jahren unterstützen könnte.

    Jetzt kommt das grosse Aber: Die Hersteller haben leider nicht nur neue Treiber integriert, sondern jeder wollte sich mit einer eigenen GUI, einer eigenen E-Mail-App etc. verwirklichen. Da stimme ich Dir zu: es ist auch für den Support eines Providers mühsam, jemandem per Telefon beim Einrichten seines E-Mail-Accounts auf Android zu helfen.

    Die Gerätevielfalt sehe ich aber als Vorteil an. Man muss nicht warten, bis Apple sich erbarmt und Geräte mit grösserem Display bringt. Android läuft auf Geräten mit Displaygrössen von sehr klein bis sehr gross.

    Die App-Entwicklung habe ich nicht als grosses Problem wahrgenommen. Einerseits passt sich das Layout (wie bei HTML) recht dynamisch an, andererseits haben zumindest in der Schweiz die meisten Leute ein einigermassen modernes Smartphone mit „normaler“ Displaygrösse und -proportion. (Ich kenne die Situation aber nur für Business-Apps. Wenn man ein Spiel entwickeln will, das wirklich überall läuft, ist die Sache schon komplexer.)

    Fazit: Bei all den Nachteilen, ohne die Anpassbarkeit und die damit verbundene Innovation von Android hättest Du wohl auch manches Feature auf Deinem iPhone noch nicht. 😊

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