Meine neuen, imaginären Freunde

Es gibt Erfindungen, von denen man nicht so richtig weiss, was man von ihnen halten soll. Und damit meine ich nicht den Käse aus der Tube, den elektrifizierten Kinderwagen oder das Glühbier. Sondern Dinge wie thispersondoesnotexist.com.

Das ist eine Website, auf der Fotos von Leuten gezeigt werden, die, wie der Name verrät, nicht existieren. Es hat sie nie gegeben. Sie haben keinen Namen, keine Mutter und keinen Vater. Und trotzdem sehen sie so aus, als ob sie mit ein bis zwei Beinen im Leben stehen würden.

Der Clou ist: Die Bilder stammen von einer künstlichen Intelligenz. Von einer GAN (Generative adversarial network), um ganz genau zu sein. Hier steht, wie man sich das genau vorzustellen hat:

Ein solches System besteht aus zwei neuronalen Netzwerken. Das erste ist ein Generator, der Muster erzeugt und dem Diskriminator vorlegt. Dem werden auch Muster aus dem Bestand der Trainingsdaten unterbreitet, worauf er jeweils entscheidet, ob das Muster echt oder falsch ist.

Die Eingabe für den Generator ist ein zufälliger Vektor (Rauschen) und darum ist die Ausgabe anfänglich ebenfalls auch ein Rauschen. Doch mit den Rückmeldungen des Diskriminators entstehen über die Zeit richtige, glaubwürdige Bilder. Der Generator lernt, wie ein realistischer Output aussehen muss. Und auch der Diskriminator ist lernfähig und fällt deswegen immer seltener auf unglaubwürdige Resultate herein.

Das ist ein spannendes Prinzip, das auf die Dauer immer besser wird. Und die Fotos auf This person does not exist sind denn auch sehr glaubwürdig.

Klar: Wenn man sich durchklickt, findet man immer mal wieder fehlerhafte Fotos. Ein Beispiel dafür ist das Portrait der rothaarigen Frau in der oben abgebildeten Collage. Sie selbst sieht zwar so aus, wie Frauen aussehen. Aber mit dem Mann neben ihr ist irgend etwas nicht in Ordnung.

Trotzdem: Wenn man nicht Bescheid wüsste, dann würde man nicht auf eine noch nicht ganz perfekte KI tippen. Sondern viel mehr auf eine verunglückte Photoshop-Verbesserungsaktion.

Fragt sich: Wozu ist das gut? Klar: Es ist eine spannende Technologie-Demonstration. Und es ist ideal für Leute, die in den sozialen Medien nicht ihr echtes Gesicht zeigen wollen. Sei es aus Scheu, sei es, weil sie mit einem Fake-Profil unterwegs sind.

Und auch die Ausstatter von Filmen und Serien werden ihre Freude an diesem GAN haben. Denn wenn in der Produktion Fotos von Opfern, Tätern oder von sonstwie Beteiligten gefragt sind, dann war es bislang bestimmt ein gewisser Aufwand, die aufzutreiben. Man musste Statisten anheuern, fotografieren und Model Release-Verträge unterschreiben lassen.

Wenn man auf Fotos von nichtexistierenden Leuten zurückgreifen kann, dann fällt das alles weg. Und es würde mich wundern, wenn man künftig nicht über diverse Parameter steuern könnte, wie das automatisch erzeugten Portrait aussehen soll: Geschlecht, Augen, Haarfarbe, Frisur, Alter, Teint, Lippen; und all die anderen Faktoren, die die Erscheinung eines Menschen prägen.

Und es stellt sich noch eine andere Frage: Kann ich die Fotos eigentlich hier im Blog verwenden? Oder anders gefragt: Haben diese Fotos einen Urheber, dessen Urheberrecht man verletzen könnte? Eigentlich nicht, oder? Denn ein Urheber ist typischerweise ein Mensch und kein Algorithmus. Der Programmierer der GAN kann auch nicht als Urheber gelten – sonst wären meine Eltern Inhaber des Urheberrechts von all den Werken, die ich den lieben langen Tag erschaffe.

Und noch allgemeiner gefragt: Kann man diese Fotos überhaupt als Foto bezeichnen? Natürlich nicht, weil sie nicht aus einer Kamera stammen und nicht von einem Fotosensor oder Film eingefangen wurden. Aber sie sind auch kein mit einem Bild oder einer Zeichnung vergleichbares Werk. Sondern eine neue Kategorie, für die wir uns noch eine Bezeichnung ausdenken müssten.

Also, es wird wohl Gerichtsurteile geben müssen, bis entschieden ist, wie mit solchen künstlich generierten Inhalten zu verfahren ist. Um mich nicht allzu weit auf die Äste hinauszuwagen, habe ich aus einigen Screenshots eine Collage gebastelt – so ist zumindest mein eigener künstlerischer Anteil an dem Werk unübersehbar. Bei der Kreation der Collage hat mir übrigens befunky.com (Funky me & Antiflickr) geholfen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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