An Keksen überfressen

Neulich bin ich per Zufall auf die Website nw.de gelangt. Das ist die «Neue Westfälische»; eine Online-Zeitung, wie es andere auch gibt. Eine Besonderheit ist allerdings, dass eine sehr prominente Cookie-Warnung erscheint. Cookie-Warnungen – das sind diese lästigen Dinger, die gesetzlich vorgeschrieben sind, aber doch vor allem Zeit und Aufmerksamkeit rauben.

Üblich ist ein Banner am oberen oder unteren Rand der Seite: Es erlaubt einem, einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Man erkennt sogleich, ob einen die Sache interessiert – oder ob man gleich wieder von dannen zieht und sich den Klick auf den «Dann akzeptiere ich halt diese verfluchten Cookies»-Knopf sparen kann.

Doch bei nw.de verdeckt ein Popup-Element so viel von der Seite, dass man keine Chance hat, es zu ignorieren. Keine Frage: In Ostwestfalen nimmt man diese Cookies nicht auf die leichte Schulter.

Als erstes fällt einem ein Bekenntnis ins Auge: «Wir schätzen Ihre Privatsphäre!» verkündet nw.de. Was augenblicklich die Frage aufwirft, wieso dann überhaupt ein solcher Dialog nötig ist. Wer die Privatsphäre seiner Nutzer schützen möchte, kann das nämlich einfach tun – und zwar, indem er keine Daten über seine Nutzer erhebt. Ja, so einfach ist es. Niemand wird getrackt. Ende der Geschichte.

Aber so einfach ist es nicht, wie nw.de in extenso erklärt:

Wir möchten auf unserer Webseite Cookies und pseudonyme Analysetechniken auch unserer Dienstleister verwenden, um diesen Internetauftritt möglichst benutzerfreundlich zu gestalten.

Ausserdem möchten wir und unsere Dienstleister damit die Besuche auf unserer Webseite auswerten (Webtracking), um unsere Webseite optimal auf Ihre Bedürfnisse anzupassen und um Ihnen auf unserer Webseite sowie auch auf Webseiten in verbundenen Werbenetzwerken möglichst interessante Angebote anzeigen zu können (Retargeting).

Wenn Sie dieses Banner an- oder wegklicken, erklären Sie sich damit jederzeit widerruflich einverstanden (Art. 6 Abs.1 a DSGVO). Weitere Informationen, auch zu Ihrem jederzeitigen Widerrufsrecht, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

«Guten Tag, dürfen wir Sie mit ein paar Hundert Cookies belästigen?»

Man seufzt und findet, das Herumklicken im Web sei auch schon einfacher gewesen. Man hat nun die Möglichkeit, alle Cookes zu akzeptieren oder alle abzulehnen. Man kann auch Cookie-Gruppen in fünf Kategorien an- und abschalten. Und es gibt «erweiterte Einstellungen» – die ich, unvorsichtig wie ich bin, angeklickt habe.

Was ich dann gesehen habe, ist das abartigste Konfigurations-Ungetüm, dem ich in meiner ganzen Karriere je begegnet bin. Und das will etwas heissen. Die Liste der Anbieter fängt mit 1020 Inc, 1plusX, 2KDirect und 33Across an und hört mit zeotap GmbH, Zeta Global, Ziff Davis LLC und ZighZag auf. Und dazwischen finden sich mehr abstruse Namen als in einer 17-teiligen Fantasy-Reihe von George R.R. Martin. Und jedes einzelne Cookie könnte man an- und abschalten.

Ich habe ziemlich herumgeübt, um diese Monstrosität in ganzer Länge zu screenshotten. Denn sie ist ellenlang und als Overlay-Element konstruiert. So etwas fängt man nicht mit den üblichen Mitteln als Bildschirmfoto ein. Es hat schliesslich über die Entwicklerwerkzeuge von Firefox geklappt: Man lässt sich die HTML-Baumstruktur anzeigen und kopiert den Teil des Overly-Elements heraus. Den kopiert man in eine leere Datei, speichert sie, fügt die dazugehörenden Bilder zum Ordner hinzu und passt die src-Pfade an.

Das Resultat ist nun ein Screenshot mit 527 Pixeln Breite und 27’602 Pixeln Höhe: Das schmale graue Streifchen am rechten Rand ist die verkleinerte Variante davon, die irgendwie in dieses Blog hineinpasst, ohne dass alles kaputtgeht. Man kann es anklicken, um die grosse Variante zu sehen. Aber auf eigene Gefahr! (Hier der Link zur Grafikdatei.)

Die HTML-Datei ist übrigens 1,5 MB gross, die verlinkten Bilder 5,2 MB. Ich gehe nun nicht so weit, dass ich behaupten würde, dass die nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. Aber: HABEN DIE NICHT MEHR ALLE TASSEN IM SCHRANK?!

Ich habe  nicht im Detail nachgezählt, wie viele Cookies man hier ein- und ausschalten könnte – und aufs Auge gedrückt bekommt, wenn man so gedankenlos wie der typische Internetnutzer unterwegs ist und den Dialog mit einem Klick auf «Alle akzeptieren» loswerden will. Doch es müssen mehrere Hundert sein. (Im Ordner mit den dazugehörigen Dateien stecken jedenfalls 370 Bilddateien mit den Icons für die einzelnen Einträge.)

Ja, ich weiss: Wer im Glashaus sitzt, der soll nicht mit Steinen werfen. Auch hier im Blog findet ein gewisses Tracking statt – das scheint man dem Gespann von WordPress und Jetpack nicht ganz austreiben zu können. Und ich arbeite für Medien, die auch nicht ganz unschuldig sind, was das Sammeln von Nutzerdaten angeht. Aber es ist doch ein gewaltiger Unterschied zu dem Hirnriss, der auf nw.de stattfindet.

Um auf das Bekenntnis zurückzukommen, das zuoberst in diesem Dialog (übrigens angezeigt von consentmanager.net) steht: «Wir schätzen Ihre Privatsphäre!» Bin ich der einzige, der sich dabei ein bisschen verarscht vorkommt?

Beitragsbild: Cookies, von der psychopathischen Sorte (Steve Buissinne/Pixabay, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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