Facebook ist der Steingarten des Internets

Ich überlege mir, eine neue Rubrik ins Leben zu rufen. Sie würde «Facebook-Seiten, die eigentlich ein Blog sein müssten» heissen – und Facebook-Seiten vorstellen, die im freien Internet viel besser aufgehoben wären.

Es gibt schon einige Beiträge in diesem Blog, die in diese Rubrik passen würden. Zum Beispiel «The Vault of the Atomic Space Age», vorgestellt im Beitrag So schön wird die Retrozukunft gewesen sein. Vier weitere Beispiele, darunter die nach wie vor grossartigen «Hooligans gegen Satzbau», finden sich in der Liste meiner liebsten Anti-Idioten-Facebook-Seiten.

Eine weitere Perle, die auf Facebook ein bisschen vor die Säue geworfen wirkt, ist Gärten des Grauens. Hier wird dem seltsamen Trend der Steingärten ein Negativdenkmal gesetzt.

Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass es diese Steingärten schon seit 1773 gibt. Doch nicht nur ich habe den Eindruck, dass dieses Phänomen in letzter Zeit an Aufwind gewonnen hat. Ich nehme an, weil die Leute zu faul für einen richtigen Garten sind. Klar, der macht auch richtige Arbeit – nämlich die so genannte Gartenarbeit. Ausserdem hat man womöglich das Problem, dass man Gemüse und Früchte ernten und dann auch verbrauchen muss – selbst in Situationen, wo man lieber eine Pizza bestellen würde. Mir wäre das auch lästig. Ich würde mich deswegen aber niemals für einen Steingarten entscheiden. Es gibt für Leute wie uns schliesslich Mietwohnungen, bei denen sich der Abwart um die floralen Auswirkungen eines allfällig vorhandenen Gartens kümmert.

Also, die Steingärten sind unschön bis grotesk hässlich. Sie sind auch nicht sehr ökologisch. Und alle, die etwas davon verstehen, halten sie für fragwürdig. Hier hat einer zu einer epischen Tirade angesetzt:

Es ist eigentlich klar, dass derart verunstaltete Vorgärten nicht mehr nur eine Frage des Geschmacks einzelner Gartenbesitzer sind. Sie sind ein Affront. Ein Angriff auf die Sinne. «Über Geschmack lässt sich nicht streiten», sagt man. Stimmt! Entweder man hat Geschmack oder man hat keinen. Interessanterweise funktioniert die Geschmacksbildung in der Mode besser. Jeder, der in unpassender Kleidung vor die Tür gehen will erhält Tipps: «Querstreifen machen Dich noch dicker!»

Auf der Facebook-Seite werden nun besonders grässliche Bilder von solchen Steingärten veröffentlicht und an den sozial-medialen Pranger gestellt. Und sie werden mit ätzender, aber umso treffenderer Kritik eingedeckt: «Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden Eiserner Vorhang und Todesstreifen bundesweit zur Privatsache.» (hier)

Oder hier: «Und während hinterm Haus der Mähroboter auf dem einheitsgrünen Kurzflorrasen für Igel-Geschnetzeltes sorgt, beweist Annegret K. im Vorgarten ihre ganze Empathie für unsere wilden Mitgeschöpfe und errichtete ein Denkmal für den heimischen Braunbrustigel (Erinaceus europaeus).»

Klar, ich verstehe schon: Dieses Thema funktioniert sehr gut auf Facebook, weil das Publikum dort auf unkomplizierte Weise eigene Fotos einreichen und am Projekt teilhaben kann. Trotzdem – ich bin und bleiben ein Fan des freien Internets. Die Blogs, die Webseiten, die kleinen Webauftritte – sie sollten genauso spriessen wie die Blumen auf einer mageren Fettwiese…

Beitragsbild: Ist doch viel schöner so (mvp/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Facebook ist der Steingarten des Internets“

  1. Eigentlich sind Steingärten der konsequente Nachfolger des Rasens: Rasenflächen hatten früher die reichen Leute, um den Nachbarn zu zeigen, dass sie es sich leisten können, Land zu besitzen und darauf nichts produktives anzubauen. Mit Steinen geht das auch und man hat sogar noch weniger Unterhalt.

    Dabei ginge es noch einfacher und günstiger: als uns der Garten zu mühsam wurde, haben wir eine Blumenwiese („Bienenweide“) gesäät. Muss nur einmal im Jahr gemäht werden. Nicht bewässern, nicht düngen. Seither haben wir wieder Heuschrecken, Schmetterlinge und sogar Libellen im Garten. Geht also auch ohne Hauswart. 🙂

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