Wenn Spotify dir deine T-Shirts klaut

Ja, diese Leier wird langsam alt: Mein Gejammer hier im Blog darüber, wie nervig das Streaming ist, weil Inhalte ständig verschwinden. Ich habe dieses Klaglied neulich im Beitrag Mord in Island, Ärger bei Netflix angestimmt. Da ging es darum, dass der Streaminganbieter unseres Vertrauens uns nicht erlaubte, eine im Ferienland angefangene Serie zu Hause anzuschauen.

Nun gibt es das gleiche Lamento mit leicht anderen Vorzeichen. Es geht um Spotify und den unerfreulichen Umstand, dass Wiedergabelisten plötzlich dezimiert oder komplett leer sind.

Mir ist das im Zusammenhang mit einem Gadget aufgefallen, das im Beitrag Eine Lautsprecherbox fürs Kinderzimmer besprochen wird. Das ist dazu da, das Kinderzimmer mit Hörspielen und Musik zu beschallen. Ich habe Spotify-Wiedergabelisten mit den Lieblingstiteln meiner Tochter angelegt und über ein seltsames Phänomen gewundert:

Man findet die passenden Titel bei Spotify und fügt sie einer Wiedergabeliste hinzu. Dann sieht man sich die Wiedergabeliste an und stellt fest: Sie ist leer. Man zweifelt ein bisschen an sich und wiederholt den Vorgang. Spotify warnt nun von doppelten Songs und fragt, ob man ihn trotzdem hinzufügen wolle. Wenn man in der Liste nachsieht, ist die aber weiterhin leer. Könnte das ein Synchronisierungsproblem sein? Ein Bug in der App? Ein Nutzerfehler?

Eine Anfrage bei @SpotifyCares wird mit dem Link auf den Support-Beitrag Nicht verfügbare Musik und Podcasts beantwortet:

Wir möchten dir auf Spotify gerne alle Songs und Podcasts, die es gibt, zur Verfügung stellen, aber die Verfügbarkeit kann sich mit der Zeit von Land zu Land unterscheiden, je nach Genehmigungen der Rechteinhaber.

Klar, die Rechteinhaber mal wieder. Die können keinen Tag vorbeiziehen lassen, ohne uns Konsumenten und Nutzer auf den Wecker zu fallen. Doch abgesehen von dieser hinlänglich bekannten Tatsache sind zwei Dinge auffällig an dieser Angelegenheit:

Erstens der Umgang mit dem Problem. Die meisten Streaminganbieter (Netflix und Amazon, siehe hier oder Audible, siehe hier) blenden nicht verfügbare Inhalte einfach aus. Auch Spotify tut das offenbar.

Das ist aber aus Sicht des Nutzers und des Bedienungskomforts komplett die falsche Herangehensweise. Es führt zu unsinnigen Fehlermeldungen wie im Fall von Spotify, wo man eine Warnung vor doppelten Songs in einer Playlist erhält, die als leer angezeigt wird. In den Fehlermeldungen kann auch von einem falschen Zahlungsmittel die Rede sein – jedenfalls habe ich noch nie gesehen, dass ein Dienst wirklich transparent informieren würde.

Meist gibt es jedoch gar keine Meldung und Inhalte verschwinden einfach. Das ist typischerweise der Fall, wenn man erst ohne Anmeldung bei einem Anbieter sucht. Nachdem man eine Serie, ein Hörbuch oder Video gefunden hat und sich mit seinem Nutzerkonto anmeldet, verschwindet der Treffer, als ob es ihn nie gegeben hätte.

Ist den Anbietern bewusst, wie unfreundlich das ist? Man stelle sich das gleiche Phänomen einmal vor, wenn man in einem Kleiderladen steht und sich ein schönes T-Shirt ausgesucht hat. Nachdem man festgestellt hat, das es passt, geht man zur Ladentheke zum Bezahlen. Dort nimmt der Verkäufer das T-Shirt, wirft es auf einen Stapel hinter sich und sagt: «Tut uns leid, dieses Produkt gibt es bei  uns nicht.»

Das gibt Ärger mit der Tochter: Lückenhafte Spotify-Playlist.

Natürlich könnte man es besser machen: Die Titel sollten weiterhin angezeigt werden und zwar mit einem klaren Vermerk zur Rechtelage. Darunter verstehe ich einen Link zu dem Inhaber der Rechte, der zwingend eine Supportabteilung führen müsste, bei der man sich als Kunde erkundigen bzw. beschweren könnte.

Spotify hat eine Option, die zumindest diese lästige Ausblenderei beseitigt. In den Einstellungen findet man im Abschnitt Anzeigeoptionen die Checkbox Nicht verfügbare Songs in Playlists anzeigen (in Englisch: Display Options > Show unavailable songs in playlists).

Zweitens die «Volatilität». Während ich die Wiedergabeliste für meine Tochter aktualisiert habe, ist es mehrfach vorgekommen, dass Titel Tage später, nachdem ich sie hinzugefügt habe, nicht mehr verfügbar waren.

Teils verschwanden sie noch nicht einmal aus der Wiedergabelisten  oder wurden ausgegraut, sondern waren einfach nicht mehr abspielbar (hier das fragliche Beispiel). Eine Nachfrage bei @SpotifyCares ergab die Bestätigung, dass auch das mit den Rechten zu tun hat:

We’re afraid the tracks from the playlist is (sic) currently (sic) unavailable in your area at the moment (sic). Sometimes content gets temporarily removed because of licensing changes.

Das ist deswegen seltsam, weil die Wiedergabeliste aus dem Jahr 2014 stammt. Man sollte meinen, dass sich da die Situation mit den Lizenzen einigermassen zurechtgerüttelt hat. Typischerweise gibt es Probleme mit neuen Inhalten, die auf gewissen Kanälen exklusiv vertrieben werden. Diese Exklusiv-Deals sollten IMHO irgendwann einmal auslaufen – und dann müssten die Inhalte breit verfügbar werden.

Offensichtlich ist die umgekehrte Situation genauso häufig. Warum dem so ist, dürfte mir Spotify gerne erklären: Bitte nutzt dafür gerne die Kommentarfunktion hier im Blog!

Jedenfalls geht es schlicht nicht, Leuten Inhalte aus ihren Wiedergabelisten wegzunehmen.

Nochmals der Vergleich mit dem T-Shirt: Das wäre so, wie wenn der Verkäufer nach dem Kauf des T-Shirts zu mir nach Hause käme, sich vor meinem Kleiderschrank aufstellen würde, dort nach dem T-Shirt suchen und es wieder mitnehmen würde.

Klar, ich weiss, dass der Vergleich hinkt – lizenzierte Inhalte sind keine gekauften Inhalte. Aber trotzdem. Es untergräbt die Daseinsberechtigigung der Streamingdienste, wenn man als Nutzer plötzlich Lücken in seinen Wiedergabelisten vorfindet – vor allem, wenn es liebevoll zusammengestellte Wiedergabelisten sind, bei denen jeder Song seine Bedeutung hat und der Ablauf eine ausgeklügelte Dramaturgie aufweist.

Darum müsste es so sein, dass man uns Konsumenten einen einmal lizenzierten Inhalt nicht mehr wegnehmen kann. Das heisst: Hat man in Spotify einen Track einmal abgespielt, dann hat man das Wiedergaberecht auf diesen Track unwiderruflich erworben – ganz gleichgültig, wie sich die Rechtesituation für diesen Song verändern sollte.

Desgleichen in Netflix: Eine in den Ferien angefangene Serie darf man zu Hause fertig sehen – und jederzeit wieder ansehen –, ganz egal, ob die Serie in Heimatland allgemein verfügbar ist oder nicht.

Und ebenso muss es bei Audible sein: Hat man eine Buchreihe angefangen, dann darf man sämtliche Fortsetzungen kaufen. Und zwar selbst dann, wenn diese Fortsetzungen andere Lizenzbestimmungen haben und für einen an sich nicht verfügbar wären.

So einfach wäre es, die Kunden für voll zu nehmen.

Beitragsbild: Die Hälfte davon ist demnächst weg (Kai Pilger/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

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