Paris ist schön und das Internet auch

Neulich haben meine beiden Kollegen Matze Möller, Rafael Zeier und ich in einem vielbeachteten Stück eingeräumt, dass wir manche Errungenschaften aus der Technikwelt nicht so richtig durchdringen. Da gibt es die Erfindungen, deren Funktionsweise wir nicht kapieren. Und dann gibt es die Dinge, die wir zwar grundsätzlich begriffen haben, deren Sinn und Zweck uns aber nicht einsichtig werden will.

Wenn ich an dieser Stelle einen kleinen medienkritischen Schlenker einlegen darf: Die interne Kritik an dem Stück war bezeichnend, fand ich. «Was soll das bringen?» lautete die kurz zusammengefasst. «Vor allem, wo wir keine Alternativen vorschlagen?»

Nun stimmt es tatsächlich, dass wir für ein Ressort arbeiten, das «Service» heisst. Da ist es naheliegend, der Welt die nützlichen und nicht die unnützen Dinge zu präsentieren. Allerdings ist es genau unser Ressort, das schon seit Jahren und Jahrzehnten das tut, was erst neulich als konstruktiver Journalismus zu einem Hype wurde, der in meinen Augen bizarre Züge angenommen hat: «Aahh, wir wollen nicht immer nur die sein, die alles kleinreden! Nein, wir wollen jetzt als die wahrgenommen werden, die sich aktiv für eine Verbesserung der Welt einsetzen.»

Also, unter uns gesagt, war das vor allem ein Medienfurz, mehr nicht. Darum wundert es nicht, dass die meisten dieser Initiativen schon längst wieder erlahmt sind. Und IMHO würde man besser daran tun, die Service-Ressorts etwas mehr wertzuschätzen.

Die kommen in der redaktionellen Hackordnung typischerweise ganz am Schluss – hinter den Ressorts wie In- und Ausland, sowie Wirtschaft, wo routinemässig verkündet wird, wie der Hase zu laufen hat. Und auch noch nach Ulkveranstaltungen wie dem Sport. Dabei wären sie eben entscheidend, wenn es darum geht, dass die Öffentlichkeit uns Journalisten nicht als die wahrnimmt, die vom hohen Ross herab ihre Meinung daherposaunen. Sondern die sich als Dienstleister am Publikum verstehen.

Wenn man diese Haltung verinnerlicht, ist man sich nicht zu schade, die Dinge zu erklären, die man verstanden hat. Und man ist bereit, auch über die Wissens- und Verständnislücken zu sprechen. Das macht Mathias Möller wunderbar, wenn er beschreibt, wie die Blockchain in seinem Kopf aussieht. Das muss man so stehen lassen und auf gar keinen Fall mit einem «Aber statt der Blockchain kann man auch dieses oder jenes verwenden» relativieren.

Eines der Mysterien, das ich beschreibe, ist Reddit. Nun bin ich just zu den Recherchen für den Artikel einem interessanten Subreddit (und so langsam hört sich diese Bezeichnung nicht mehr ganz so sinnlos an) begegnet. Der heisst /r/InternetIsBeautiful/ und stellt kleine Perlen aus dem Netz vor.

Wie bei Reddit nicht anders zu erwarten, ist viel Nerdkram dabei, mit dem ein vernüftiger Mensch mit Fug und Recht nichts anzufangen weiss. Aber es gibt auch hübsche Fundstücke. Zum Beispiel diese Gigapixel-Aufnahme hier, die – wenn ich nicht völlig falsch liege – auf dem Eiffelturm in Paris aufgenommen wurde.

  • Oder die Website relatedwords.org, die in englischer Sprache verwandte Begriffe anzeigt. Oder hier: Man zeichnet aus dem Handgelenk einen Kreis und lässt sich sagen, wie nahe man am idealen Kreis dran ist.
  • Oder listentoamovie.com, wo an sich Filme anhört. Es gibt nur die Tonspur, nicht aber das Bild. Klingt nutzlos – und genau nach etwas, das ich früher oder später mal benutzen werde.
  • Oder conservethesound.de: hier wird für die Nachwelt festgehalten, wie alte Geräte geklungen haben. Das weckt nostalgische Gefühle. Und ist unverzichtbar, wenn man ein Hörspiel produzieren möchte, das in der Vergangenheit spielt.
  • Oder timelineofearth.com. Hier gibt es genau das: Eine Zeitleiste der Erde.
  • Oder rave.dj, wo man automatisch Songs ineinandermischt.
  • Oder die Datenvisualisierung hier, die für Filme, die angeblich auf einer wahren Geschichte basieren, Szene für Szene aufschlüsseln, was wahr ist und was nicht.
  • Oder der Youtube-Geofinder, der Videos anhand ihres Aufnahmeorts aufspürt.
  • Oder die Site hier, wo man ein 3D-Modell seines Gesichts anhand eines einzigen Fotos erstellen lassen kann.

Oder, oder. Zum Abschluss diese Seite hier, ruinmysearchhistory.com: Sie führt zufällige, sinnlose Suchanfragen mit der bekannten Suchmaschine durch. Die Idee ist, wie der Name sagt, die Suchhistorie zu ruinieren, sodass Google keine sinnvollen Rückschlüsse mehr über einen ziehen kann. Eine schräge, anarchistische Idee, die wunderbar zu Reddit passt.

Beitragsbild: Von dem Turm in der Mitte stammt das erwähnte Gigapixel-Bild (Chris Molloy/Pexels, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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