Wie der Browser vor Fakenews warnt

Microsoft hat vor einiger Zeit eine Partnerschaft mit einem Unternehmen angekündigt, das sich dem Kampf gegen Fakenews verschrieben hat. Inzwischen ist daraus eine Browser-Erweiterung namens Newsguard geworden, die ihren Weg in den Edge-Browser gefunden hat. Es gibt sie auch für Firefox und Chrome.

Die Erweiterung klinkt sich in die Symbolleiste ein und zeigt ein Schild an. Bei CNN, washingtonpost.com oder theverge.com ist das Schildchen grün: «This website generally maintains basic standards of accuracy and accountability», heisst es in der Beschreibung («Diese Website hält im Allgemeinen grundlegende Standards für Richtigkeit und verantwortliche Berichterstattung ein»). Bei einer Website wie «Info Wars» des professionellen Verschwörungstheoretikers Alex Jones heisst es dagegen: «Proceed with caution. This website fails to maintain the basic standards of accuracy and accountability.» («Seien Sie vorsichtig. Diese Website hält die grundlegenden Standards nicht ein».)

Bei der Bewertung erhält man Hinweise zur Glaubwürdigkeit und Transparenz: Werden Fehler korrigiert, gibt es eine Unterscheidung zwischen Nachricht und Meinung? Werden irreführende Überschriften vermieden? Und erfährt man etwas zur Finanzierung? Ist Werbung klar gekennzeichnet? Werden Interessenkonflikte aufgeführt? Und gibt es Angaben zu den Urhebern der Inhalte?

Wer hätte das gedacht? Von Alex Jones sollte man sich besser nicht informieren lassen.

 

Newsguard markiert auch die Treffer bei einer Google-Suche mit grünen und roten Schildchen. Man sieht sofort, welche Quellen als zuverlässig gelten und welche man besser meidet.

Das Prinzip leuchtet selbstverständlich ein – und wahrscheinlich würden wir alle es so oder ähnlich machen, wenn wir den Auftrag hätten, im Internet vor Fakenews zu warnen. Trotzdem tue ich mich an dieser Stelle schwer, die Erweiterung zu loben oder nachdrücklich zu empfehlen. Das hat mit verschiedenen Faktoren zu tun:

  • Newsguard hat zu den grossen Plattformen eine Meinung. Aber viele kleinere werden neutral mit einem weissen Schild ausgezeichnet, weil sie noch nicht untersucht worden sind. Natürlich dieses Blog hier, aber auch deutschsprachige Plattformen wie tagesanzeiger.ch, 20 Minuten oder watson.ch.Bei einigen deutschsprachigen Sites wie Stern oder Zeit sei die Überprüfung im Gang. Aber dennoch ist die Erweiterung für nicht-englischsprachige Nutzer bislang kaum sinnvoll einzusetzen.
  • Selbst grosse englischsprachige Plattformen wie buzzfeed.com haben (zum Zeitpunkt, wo ich das schreibe) noch keine Beurteilung erhalten. Das schränkt den Nutzen ein. Denn gerade bei den kleineren Newssites ist die Vertrauenswürdigkeit oft schwer einzuschätzen. Es braucht somit eine riesige Datenbasis – und das wirft die Frage auf, ob eine Lösung wie Newsguard der Menge an Informationen im Netz überhaupt jemals gewachsen sein kann.
  • Websites mit nutzergenerierten Inhalten lassen sich bezüglich Zuverlässigkeit nur schwer beurteilen. Zu Wikipedia sagt Newsguard denn auch: «This website is a platform that publishes content from its users that does not vet. Information from this source may not be reliable.» («Diese Website ist eine Plattform, auf der Inhalte von Nutzern veröffentlicht werden, die nicht überprüft werden. Informationen aus dieser Quelle sind möglicherweise nicht zuverlässig.» Das ist natürlich ein berechtigter Einwand – trotzdem ist Wikipedia natürlich sehr vielen anderen Quellen im Netz vorzuziehen.
  • «Fox News» wird als zuverlässig eingestuft. Mit einigen Einschränkungen, zum Beispiel, dass Fehler nicht korrigiert werden. Man sieht an dem Beispiel schön, wie schwer es ist, die Vertrauenswürdigkeit unabhängig von der politischen Ausrichtung zu beurteilen. Ich unterstelle «Fox News», dass die Berichterstattung zwar faktisch meistens richtig, aber politisch stark gefärbt und in der Wirkung daher letztlich stark verzerrend ist. Das hat auch eine Studie so ergeben (Fox News viewers less informed than those who don’t watch news at all).
  • Fehleinschätzungen sind unvermeidlich. Wie ärgerlich die sein können, habe ich festgestellt, als ein Sicherheitsprogramm mein Blog aus fragwürdigen (und nicht nachvollzieh- oder behebbaren) Gründen blockiert hat (Trend Micro sucks). Eine unbegründete Warnung ist geschäftsschädigend. Es bräuchte ein Verfahren, um Fehleinschätzungen korrigieren zu lassen. Wahrscheinlich wäre auch ein Schiedsgericht unumgänglich, das bei Streitfällen angerufen werden kann. Doch ob solche Einspracheverfahren innert nützlicher First abzuarbeiten sind, ist mehr als fraglich. Es ist anzunehmen, dass jeder Verschwörungstheoretiker, der ein solches rotes Schildchen auf seiner Website vorfindet, sich ungerecht behandelt fühlt und auf Korrektur besteht.
  • Kann man eine Plattform global beurteilen? Es gibt auch auf den seriösen Sites immer mal wieder einzelne Inhalte, die den Qualitätsansprüchen nicht genügen. Diese erhalten einen Persilschein, wenn sie in einem als seriös beurteilten Medium erscheinen.
  • Und schliesslich verwenden auch viele Medien, die keine Fakenews betreiben, unseriöse Mittel – zum Beispiel die mangelnde Trennung von Nachricht und Meinung oder eine Titelei, die dermassen überzogen ist, dass es an Irreführung grenzt. Auch da ist es nach menschlichem Ermessen schwierig bis unmöglich, eine klare, konsistente Linie zu ziehen und zu entscheiden, wie viel davon es verträgt, bis aus wahren News Fakenews werden. Und ja, natürlich wäre es am besten, wenn die seriösen Medien damit aufhören würden, diese unseriösen Mittel einzusetzen.

Was bleibt als Fazit? Dem Kampf gegen Fakenews habe ich mich auch schon gewidmet, zum Beispiel im Tagi-Beitrag Selbst ist der Fake-News-Entlarver oder in der Sendung Eine Lektion in Medienkompetenz im Nerdfunk. Ich habe mir auch immer die technischen Lösungen angeschaut. Denn natürlich wäre es praktisch, wenn sich Faknews so wie Spam oder virenverseuchte Dateien ausfiltern liesse. Dann bräuchte man bloss Facebook und Twitter dazu zu zwingen, diese Filter zu installieren – und gelöst wäre das Problem.

Nur bin ich bei meinen Beiträgen immer zum Schluss gekommen, dass sich diese Aufgabe nicht an eine Software delegieren lässt. Das wichtigste ist nämlich die Bereitschaft des Nutzers, sich kritisch mit den konsumierten Medien und den benutzten Informationsquellen auseinanderzusetzen. Wenn jemand die herkömmlichen Medien nicht mag und sie zum Beispiel Lügenpresse nennt, dann wird auch ein rotes Warndreieck beim Besuch von Info-Wars mutmasslich nicht weiterhelfen. Und wenn jemand mit voller Absicht in die Welt der alternativen Fakten und Berichterstattung abtauchen will, dann wird eine entsprechende Markierung wahrscheinlich als Gütesiegel aufgefasst.

Klar, Newsguard richtet sich nicht an diese Leute, bei denen Hopfen und Malz verloren ist. Sondern an solche, die sich gut und richtig informieren möchten, sich aber bei der Quellenkritik schwertun. Aber da wäre wahrscheinlich doch mehr gewonnen, den Leuten bei dieser Einschätzung zu helfen und alles daran zu setzen, dass Medienkompetenz uns allen in Fleisch und Blut übergeht.

Beitragsbild: Hier geht man auf seiner Informationssuche besser nicht weiter (Jens/Pexels, CC0).

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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