Die Steinzeit der Computerberichterstattung

Vor Kurzem war das 35-Jahr-Jubiläum des Macintosh. Tim Cook hat keine Kosten und Mühen gescheut und dieses Ereignis mit einem – Achtung! – Tweet gefeiert.

Ich habe mir überlegt, einen Artikel dazu zu machen. Nach einigem Nachdenken habe ich den Gedanken verworfen. Der Mac wurde oft genug als Wegbereiter des PCs gefeiert. Er hat die Rolle natürlich zu recht. Aber der Sockel ist bereits hoch genug – da braucht man den Mythos nicht noch weiter zu untermauern.

Natürlich kann man das Jubiläum zum Anlass nehmen, in die Zukunft zu blicken. Denn es fragt sich, ob der Mac eine Zukunft hat.  Apple bekennt sich  immer mal wieder zum Mac, aber nicht alle mögen das wirklich glauben. Denn gleichzeitig erzählt man in Cupertino gerne, das iPad sei ein vollwertiger Computer und alles, was Profis für ihre Arbeit brauchen. Es gibt immer wieder Spekulationen, dass das Mac OS mit iOS verschmolzen werden sollTim Cook dementiert das. Aber solche Dementis gelten bekanntlich immer genau so lange, bis es sich der CEO anders überlegt.

Aber eben: Diese Dinge sind bereits Ad nauseam diskutiert worden und müssen nicht unbedingt nochmals breitgetreten werden. (Auch wenn ich es der Vollständigkeit gerade getan  habe.) Meine letzte Idee für einen Artikel zum Macintosh war die Frage, wie der Mac hierzulande aufgenommen worden ist. Waren die Leute euphorisch? Haben die Newsportale Live-Ticker am Laufen gehabt und war die Tagesschau mit einer Sondersendung on air?

Nun, ich nehme die Pointe nicht vorweg, wenn ich sage, dass das nicht der Fall war. Zumal es 1984 noch keine Live-Ticker auf Newswebsites gab. Und natürlich auch noch keine News-Websites. Ja, liebe Kinder, damals waren gedruckte Zeitungen eine tragende Säule des Informationswesens. Nebst dem Radio und einer vergleichsweise sehr rudimentären televisionären Berichterstattung. Aber immerhin auf den Teletext hätte man schon ausweichen können. Den gab es schon ab 1981. (Ja, ich war auch überrascht, als ich das eben bei Wikipedia nachgelesen habe.)

Das Problem für eine Untersuchung auf die Schnelle ist nun, dass auch die meisten elektronischen Zeitungsarchive nicht so weit zurückreichen. Nur die «NZZ» ist von der ersten Ausgabe ab 1780  digitalisiert abrufbar. Der «Tagesanzeiger» ist in der Schweizer Mediendatenbank erst ab 1996 mehr oder weniger vollständig vorhanden. Vorher findet man nur einzelne Ausschnitte, die ironischerweise aus dem Ringier Dokumentationszentrum stammen. Um zu wissen, wie die Berichterstattung im Tagi aussah, hätte ich somit in die Kellergruft hinabsteigen und mich ans Mikrofilmlesegerät setzen müssen. Aber dazu ist es bis jetzt nicht gekommen.

Also, auch wenn das möglicherweise an meinem Ruf als hart recherchierender Blogger kratzt, stützt sich diese Investigativrecherche hier nur auf das, was in der Schweizer Mediendatenbank abrufbar ist. Und dort ist fürs fragliche Jahr eben nur die NZZ greifbar. Deshalb tue ich meinen damaligen Kollegen eventuell Unrecht. Aber wahrscheinlich nicht, weil die NZZ damals sicher eine der umfangreichsten Berichterstattungen überhaupt hatte.

Und jetzt also die Ausbeute für das ganze Jahr 1984. Wie viele Treffer in der NZZ gibt es zum Macintosh? Hunderte? Tausende gar? Zum Vergleich: Im letzten Jahr, 2018, hat die NZZ immerhin 117-mal über das iPhone geschrieben.


Ich wurde auf Facebook zu Recht darauf hingewiesen, dass der legendäre Röbi Weiss den Mac am 25. Januar 1984 beim Schweizer Farbfernsehen in der Sendung «Karussell» vorgestellt hat.

Gut, ohne weitere Verzögerungsmätzchen und Spannungsbögen: Es gibt 23 Treffer. Was erstaunlich viele sind. Zumindest auf den ersten Blick. Klickt man den ersten Treffer an, dann ist das ein Inserat. Der zweite auch. Und das dritte ebenso. Auch das vierte.

Um jetzt zur Pointe zu kommen: Es gibt keinen einzigen redaktionellen Beitrag zum Macintosh. Einzige Ausnahme: Eine Meldung der SDA vom 24. August 1984 mit dem Titel «Thorens-Plattenspieler: Deutsche Herstellerfirma im Konkurs»:

Die Firma Thorens wurde vor gut hundert Jahren in Sainte-Croix (VD) gegründet. Ihre Nachfolgerin, die Thorens-Franz AG, ist nur noch eine Handelsfirma, die an der deutschen Geräteherstellerin eine Minderheitsbeteiligung hält. Neben dem weltweiten Vertrieb der Marke Thorens wirkt die Thorens-Franz AG auch als Generalvertreterin von ausländischen Hi-Fi-Marken in der Schweiz. Demnächst wird sie unter anderem die Schweizer Vertretung für die US-Marke MacIntosh übernehmen.

Es ist aus heutiger Sicht kaum zu verstehen, wo schon die absurdesten Gerüchte Wellen schlagen, sofern sie nur am Rand ein bisschen etwas mit Apple zu tun haben. Aber es ist so: Damals war Apple eine kleine Klitsche und für die normalen Medien nicht relevant.

Wenn es Reaktionen gab, dann haben die in Fachmedien stattgefunden. Aber da müsste man erst einmal herausfinden, welches die Fachmedien für die Computerbranche waren. Gab es schon Computerzeitschriften? Ja, «Chip» zum Beispiel ist 40 Jahre alt. Ich nehme an, dass man das Magazin damals auch an Schweizer Kiosken kaufen konnte und dort über den Mac berichtet wurde. Ich habe mich anfangs der 1990er für Computerzeitschriften zu interessieren begonnen – und da war die Auswahl am Kiosk schon beachtlich.

Und hier also die Inserate, die es damals zu sehen gab. Inklusive ein ganzseitiges von Apple!

Beitragsbild: Tuur Tisseghem/Pexels, CC0

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Die Steinzeit der Computerberichterstattung“

  1. Da liegt wohl ein kleiner Irrtum vor: Die erwähnte Uebernahme der Vertretung ist wohl nicht für den Apple Macintosh sondern eher für die High-End HiFi-Marke „McIntosh“ zu verstehen.

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