Die Cloud ist ganz schön bevormundend

Ganz früher war die Foto-Ablage einfach: Man hat seinen fertigen Film entwickelt zurückbekommen und die Abzüge in einer Schuhschachtel verstaut. Oder, wenn man ein Streber war, hat man ein Album gekauft und die Abzüge dort eingeklebt. Leute, die Diafilme vollgeknipst haben, mussten die Magazine irgendwo unterbringen – möglichst so, dass sie für die gefürchteten Diaabende griffbereit waren.

Dann kamen die Digitalkameras. Das Archivieren war wiederum einfach: Man hat die Bilder auf die Festplatte kopiert und, wenn man ein Streber war, mit Schlagworten versehen (siehe Wo künstliche Intelligenz den Alltag erleichtert, Abschnitt «Vergebene Liebesmüh»). Doch es ging auch gut ohne. Man wusste in allen Fällen, wo die Bilder sind und hatte sie einigermassen vernünftig sortiert. Eine thematische oder chronologische Ordnerstruktur auf der Festplatte ist zwar ein primitives Ordnungsverfahren – aber es ist immerhin eines.

Dann kam die Cloud mit ihren grossartigen Versprechen: Die übernimmt den ganzen Aufwand für uns. Sie kümmert sich ums Speichern, verschlagwortet den Kram mittels Bilderkennung und hält ihn auf Abruf bereit. Könnte es schöner und bequemer sein?

Das klingt in der Theorie toll. In der Praxis entsteht ein fürchterliches Tohuwabohu.  In meinem Alltag gibt es zwei Gründe für Chaos – und ich bin mir sicher, dass, je nach äusseren Umständen, noch mehr Problemquellen existieren.

Erstens, die Speicherkapazität.

Wenn das Smartphone nicht genügend Platz für die ganze Fotosammlung hat, muss man einen Teil davon auslagern. Das ist bei Apple quasi unmöglich: Wenn man Bilder vom Telefon löscht, dann werden die überall entfernt. Also zum Beispiel auch auf dem Computer, wo womöglich ausreichend Platz vorhanden wäre. Dieses Problems muss man sich bewusst sein, sonst entsorgt man womöglich Fotos, die man sicher auf dem Computer gespeichert wähnte.

Die Synchronisation der ganzen Fotosammlung via iCloud praktiziert Apple seit der Einführung der Fotos-App. Sie ist praktisch, wenn man gewillt ist, ein iPhone mit viel Speicherplatz zu kaufen und Geld in die iCloud zu investieren. Denn mit den fünf Gigabyte, die man standardmässig zugeteilt erhält, kommt man nicht weit.

Für alle anderen Situationen wäre der klassische Weg nach wie vor praktischer: Man überträgt die Bilder vom Gerät mit dem beschränkten Speicherplatz auf ein Gerät mit viel Kapazität und löscht sie dann am Ursprungsort. Das macht ein bisschen Arbeit, ist aber weitestgehend gefahrlos.

Mit der iCloud ist dieser alte Weg quasi unmöglich: Man müsste die Bilder am Computer aus der Fotos-App herausziehen, um sie aus der Cloud zu entfernen und damit auch das iPhone zu entlasten. Doch will man für die Offline-Archivierung eine zweite Anwendung benutzen. Alternative: Man kann die Fotos als verknüpfte Bilder in der Fotos-App haben. Apple schreibt zu diesen verknüpften Bildern folgendes:

Verknüpfte Dateien werden nicht automatisch in iCloud geladen und dort gespeichert und sie werden nicht zusammen mit deinen übrigen Dateien gesichert, wenn du eine Sicherungskopie deiner Fotomediathek erstellst – du musst sie manuell sichern.

Um Bilder verknüpft zu speichern, entfernt man in den Einstellungen der Fotos-App in der Rubrik Allgemein das Häkchen bei Objekte in die Fotomediathek kopieren.

Die Fotomediathek ist in der Theorie eine grosse Erleichterung, in der Praxis ist sie knifflig zu zähmen.

Dumm nur: Sind die Fotos schon in der Fotomediathek, ist es äusserst umständlich, sie in verknüpfte Bilder zu verwandeln: Man muss sie herauskopieren, dann in der Fotos-App löschen und als verknüpfte Bilder neu importieren. Das ist doch Quatsch. Wieso nicht eine Option Dieses Foto/Album nur lokal?

Zweite Möglichkeit: Man legt eine weitere Fotomediathek an. Diese weiteren Fotomediatheken werden nicht via iCloud synchronisiert. Apple erklärt das so:

Denke daran, wenn du iCloud-Fotos verwendest, dass nur die Fotos und Videos in deiner Systemfotomediathek in iCloud geladen werden. Denke daran, alle Fotomediatheken zu sichern.

Das wäre eine gute Sache, wenn man Bilder leicht von einer Fotomediathek in die andere verschieben könnte, zum Beispiel via Drag&Drop. Da man nur eine Mediathek aufs Mal öffnen kann, geht das scheinbar nicht. Auch hier muss man exportieren und neu importieren. Oder ein Programm wie Power Photos nutzen (29 US-Dollar). Ich habe das bislang nicht getestet und kann darum nicht sagen, ob es etwas taugt. Aber die Funktion zum Verschieben von Alben und Fotos müsste unbedingt eingebaut sein.

Übrigens versucht die iCloud inzwischen, dieses Problem in Eigenregie zu lösen: Wenn auf einem Gerät die Kapazität fehlt, werden einige Bilder nur in niedriger Auflösung vorgehalten und bei Bedarf in voller Auflösung geladen. Auch dafür ist natürlich genügend Platz in der iCloud Voraussetzung. Natürlich führt dieser Mechanismus auch zu Problemen: So kann zum Beispiel das Hintergrundbild verschwinden, wenn es «wegrationalisiert» wird.

Das grundsätzliche Problem bleibt, wenn man der Cloud genügend misstraut, um unbedingt eine vollständige Sammlung aller Fotos auf einem eigenen, lokalen Datenträger speichern zu wollen. Dann ist der einfachste Weg, ab und zu die ganze Fotomediathek aus der iCloud herunterzuladen.

Zweitens, die Foto-Duplikate.

Meine Frau und ich haben die Gewohnheit, Fotos auszutauschen – manchmal via Airdrop. Oder, ausserhalb der Reichweite, per Messenger. Das führt dazu, dass sich unsere Foto-Ablagen vermischen. Das ist einerseits schön, weil jeder die schönsten Fotos unserer Tochter auf dem Gerät hat.

Andererseits führt es auch zu doppelten Fotos. Das ist kein Problem, so lange man die beiden Ablagen nicht lokal speichert und vielleicht sogar zusammenführen möchte. Tut man das, weil man ein schönes digitales Familienarchiv aufbauen will, hat man viel Arbeit vor sich. Man muss die Duplikate mühsam ausfiltern. Dafür gibt es Programme. Dumm nur, dass einzelne Bilder bearbeitet, in der Grösse verändert oder in ein anderes Format überführt wurden (z.B. von HEIF in JPG oder umgekehrt).

Chaos liesse sich über Metadaten vermeiden: Zum Beispiel durch eine eindeutige ID, anhand der doppelte Aufnahmen ausgefiltert werden könnten. Oder über eine Angabe, auf welchem Gerät oder mit welcher Apple-ID ein Bild aufgenommen worden ist. Natürlich – da tun sich Risiken für die Privatsphäre auf. Eine harmlose Methode indes wäre, jedes gesendete Bild im Dateinamen mit dem Zusatz _received zu markieren: Dann könnte man diese Bilder durch eine einfache Dateisuche aussortieren.

Verhindern kann man das, indem man Fotos nicht verschickt, sondern freigibt: Siehe Geteilte Alben in Fotos verwenden. Allerdings ist auch das nicht gänzlich ohne Risiko: Denn manchmal werden Fotos mit einem geteilt, die man sehr wohl selbst lokal sichern möchte: Zum Beispiel dann, wenn ein Freund, dessen Fotos mich normalerweise nicht interessieren, an einem meiner Familienfeste fotografiert und mir seine Bilder freigibt.

Eine weitere Quelle für Dubletten sind Bilder, die man von einer Fotokamera aufs Smartphone kopiert, zum Beispiel via Eyefi-Karte. Die landen dann in der iCloud-Fotomediathek. Wenn man sie auf herkömmlichem Weg von der Speicherkarte auf den Computer transferiert, entsteht dort eine separate Kopie. Das ist im harmlosesten Fall bloss Platzverschwendung. Wenn Bilder ab Speicherkarte und von der iCloud am gleichen Ort zusammenlaufen, hat man diese Fotos doppelt. Auch nicht so toll.

Fazit: Die Cloud macht das alles nur scheinbar einfacher. Schaut man genauer hin, wird alles komplizierter. Vor allem dann, wenn man sicher sein möchte, dass man seine Fotos auch noch hat, nachdem Terroristen Apples Datencenter in die Luft gejagt haben. Ich würde mir eine einfache Möglichkeit wünschen, Fotos am Smartphone in die richtigen Bahnen zu lenken. Das könnte eine Archiv-Angabe in den Metadaten sein, die festlegt, wo und wie ein Bild lokal gesichert wird. In den meisten, vielleicht sogar allen Fällen könnte man diese Angabe automatisch vergeben – und ein Programm die Archivierung dann auch gleich vornehmen. Das wäre Cloud-Freiheit anstelle von Cloud-Bevormundung!

Beitragsbild: Früher war alles einfacher. (kaboompics.com, CC0)

Autor: Matthias

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Ein Gedanke zu „Die Cloud ist ganz schön bevormundend“

  1. Das habe ich auch mal durch-evaluiert. Am Ende hat trotz allem iCloud gewonnen. Adobe? Kann auch vier Jahre nach der Einführung keine Live Bilder (diese werden in ein jpeg und ein .mov gesplittet, unbrauchbar). HEIF wird beim Import nach jpeg umgewandelt, das ist auch nicht gut. Zudem gibt es (wie bei Apple) keine Familien-Fotosammlung. Synology? Die neue Anwendung „Moments“ kann keine Live Bilder und keine HEIF Bilder, für iPhone Nutzer leider nicht brauchbar. Es würde aber sehr schön eine Familien-Fotosammlung unterstützen. Für Android Nutzer ist dies sicher eine gute Lösung.

    Im Moment bin ich deshalb tatsächlich daran, alle meine Fotos aus Lightroom in die iCloud zu migrieren, damit ich das Lightroom Abo danach kündigen kann.

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