Das ist das langsamste Programm der Welt

Meine epische RAW-Konverter-Testreihe gipfelte neulich im Tagi-Artikel So einfach werden Ferienfotos verbessert. Man könnte annehmen, dass die Sache nun gut ist. Doch nein. Raw Therapee muss nun auch noch sein.

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«Keine Rückmeldung» – das ist bei diesem Programm quasi der Normalzustand.

Raw Therapee ist ein Programm aus der Open-Source-Welt. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es während und nach dem Start meinen Computer für einige Zeit fast komplett blockiert. Wer mich kennt, weiss, dass mich das nicht für eine Software einnimmt. Ich verstehe, dass ein Programm dieser Art zwangsläufig einen beträchtlichen Leistungshunger an den Tag legt. Aber ich mag es trotzdem nicht, wenn ich während des Starts noch nicht einmal ein paar Wörter in den Texteditor (Notepad!!!) eintippen kann.

Auch bei simplen Interaktionen mit der Oberfläche wird der Rechner sogleich träge und reagiert nurmehr schlecht. Der Taskmanager zeigt keine übertriebene Auslastung. Es könnte damit zu tun haben, dass in der Dateiverwaltung auch die Ordner der Laufwerke im lokalen Netz abgesucht werden und das den Computer bremst. Ich also tunlichst darauf, bei Dateiverwaltung nichts anzuklicken.

Die Oberfläche ist schwarz und dreigeteilt, wie es sich gehört. Links die Navigation zur Ordnerauswahl, dazwischen die Liste der Bilder, die sich nach Farben und Sternchen filtern lässt. Rechts der Metadaten-Filter, mit dem man Bilder anhand ihrer Exif-Daten selektiert. Das macht es sehr einfach, Bilder auszuwählen, die mit einem bestimmten Objektiv, einer gewissen Verschlusszeit, Blende oder Brennweite aufgenommen worden sind. Die Funktionen für die Verwaltung der Dateien auf der Festplatte sind überschaubar.

Leider ist auch das Blättern durch die Liste und fast jede Interaktion mit dem Programm so unerträglich langsam und für den ganzen Rechner blockierend, dass ich bereits an dieser Stelle entscheide, mal ein Bild aufzumachen, einen Screenshot aufzunehmen und den Test dann abzubrechen. Denn egal wie toll die Software auch sein mag – diese Arbeitsgeschwindigkeit ist unzumutbar. Es ist denkbar (bzw. sogar recht wahrscheinlich), dass das Programm unter Linux deutlich zügiger läuft als auf einem Windows-Rechner und die Portierung einen Leistungsverlust bewirkt. Mein Eindruck ist, dass alle fensterbezogenen Aktionen Verzögerungen auslösen. Das würde darauf hindeuten, dass das Problem tatsächlich bei der Portierung liegt. Aber ich bin nun einmal Windows- und Mac-Anwender. Wenn eine Software unter Linux schnell läuft, nützt mir das nichts. Und ich werde auch keine Linux-Installation einrichten, nur um diese Software hier zu testen oder zu nutzen.

Es mag auch sein, dass ich eine falsche Version erwischt habe, ein individuelles Systemproblem vorliegt, oder mein Computer schuld ist und andere Nutzer mit akzeptabler Geschwindigkeit arbeiten können. Der PC ist nicht mehr brandneu und wegen der vielen Softwaretests auch nicht in Top-Verfassung. Aber alle anderen Kandidaten haben sich unter diesen Umständen zumindest akzeptabel geschlagen.

Zurück zum Test: Das Programm bietet drei Module: Die Dateiverwaltung, in der man seine Bilder auswählt. Die Warteschlange, wo eine grössere Zahl von Bildern abgearbeitet wird und der Editor, in dem man seine Änderungen vornimmt. Schafft man es endlich, ein Bild zu laden, sieht man rechts eine Werkzeugpalette, die in die Rubriken Belichtung, Details, Farbe, Erweitert, Transformieren, RAW und Metadaten. Man kann die über Tastaturkürzel aufrufen, was eine sehr zügige Arbeitsweise ermöglichen würde, wenn… ihr wisst schon.

Das Angebot der Regler ist recht umfangreich. Bei Belichtung findet man die üblichen Verdächtigen wie Helligkeit, Kontrast und Sättigung vor, aber auch Dinge wie Lichterkompression und Dynamikkompression. Letztere helfen bei HDR-Aufnahmen oder RAW-Bildern mit hoher Bittiefe, bei der Reduktion auf die 8-Bit pro Farbkanal des JPGs Ausreisser zu vermeiden. Das ist hilfreich, und auch Dinge wie der Grauverlaufsfilter würden zum Experimentieren einladen. Gut gefällt mir auch der Bereich L*a*B-Anpassungen mit den Reglern Helligkeit, Kontrast und Chromatizität. Der LAB-Farbraum ist bei vielen Leuten (auch bei mir) beliebt, weil er Farbe und Helligkeit trennt und eine Änderung der Helligkeit ermöglicht, ohne dass die Farben und die Sättigung beeinflusst würden.

Bei der Arbeit mit den Reglern versinkt die Software beim Aktivieren des Reglers in tiefes Nachdenken, was sich dadurch äussert, dass in der Titelleiste «Keine Rückmeldung» steht. Nachdem sie sich damit abgefunden hat, dass der Nutzer nun einen Regler bedienen will, reagiert sie meist mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Doch das rettet die Sache nicht, sodass der Test an dieser Stelle vorzeitig zu Ende ist.

Fazit: Das war nichts. So interessant die Funktionen auch aussehen, so umfangreich das Funktionsangebot zum Beispiel auch für die Kantenglättung, Mikrokontraste und lokale Kontraste sind und so gern ich mit den erwähnten LAB-Reglern arbeiten würde – es hilft alles nichts, wenn das Arbeitstempo nicht stimmt. Unter dem Vorbehalt, dass andere Nutzer womöglich eine bessere Erfahrung machen, kann ich diese Software nicht empfehlen: Raw Therapee bräuchte dringend ein strenges Fitnesstraining und eine Konditionstherapie, bevor man dieses Programm sinnvoll nutzen kann.

Autor: Matthias

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4 Gedanken zu „Das ist das langsamste Programm der Welt“

  1. Danke für den Testbericht!

    RawTherapee ist in C++ geschrieben, das wäre eigentlich eine Basis für schnelle Anwendungen. Das Problem könnte mit der GUI zusammenhängen: um plattformübergreifend zu funktionieren, wurde dafür GTK+ verwendet. Dieses kommt von Linux und die Implementation auf Windows ist milde ausgedrückt nicht ideal.

    Man sieht dieses Problem auch bei GUI-lastigen Java-Anwendungen oder solchen, die mit einem anderen Framework geschrieben wurden (Gupta etc.).

    Wenn Du die Musse hast, könntest Du es unter Linux testen. Da sollte es schneller sein.

  2. Ich glaube, du hast recht. Im Moment fehlt mir die Zeit, um ein Linux-Testsystem aufzusetzen. Aber vielleicht gebe ich der Software auf dem Mac eine Chance. Der ist etwas näher mit Linux verwandt (X11 trauere ich noch immer nach) und darum vielleicht die bessere Wahl.

  3. Habe auch keine Zeit für grosse Tests und gerade kein nicht-virtuelles Linux vorliegen, aber der Gwunder war stark und so habe ich es unter dem Windows Subsystem for Windows unter Windows 10 ausprobiert.

    So rein gefühlt ist die Performance gut. Die Oberfläche reagiert sofort ohne Ruckeln. Fährt man mit dem Regler hin- und her, steigt die CPU-Auslastung an, aber es bleibt flüssig.

    Wobei man noch erwähnen muss, dass beim WSL die Grafik über X11 übers Netzwerk geht (wenn auch nur lokal zu lokal). Unter einem richtigen Linux sollte es noch etwas schneller sein.

    Jetzt, wo es endlich einen sinnvollen Einsatzzweck für WSL gibt, schlage ich das gleich für einen Tagi-Artikel vor. 🙂

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