Wo tote Betriebssysteme wiederauferstehen

archiveos.org ist eine der Websites, die von normalen Menschen höchstens versehentlich aufgerufen wird. Sollte das geschehen, wird ein normaler Mensch mit den Schultern zucken und den Reiter im Browser schliessen oder schnurstracks ein Lesezeichen bemühen, um eine sinnvolle Seite aufzurufen: «20 Minuten», zum Beispiel.

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Remix OS, Linux mit Android-Apps, war kein Blockbuster.

Ich allerdings würde bei archiveos.org hängen bleiben und so viel Zeit dort zubringen, dass ich keinesfalls zwanzig Minuten oder auch nur zehn Sekunden für etwas anderes übrig hätte.

Archive of Operating Systems mission is saving the great job of many great people whose created Open Source and/or Freeware operating systems.

Auf der Website werden Betriebssysteme archiviert. Man findet schräge Dinge wie Remix OS: Eine Linux-Variante, mit der man Android-Apps auf dem Desktop hat laufen lassen können – dieses weltbewegende Projekt wurde im Sommer 2017 eingestellt. Man entdeckt Betriebssysteme, die einen wegen des Namens faszinieren: Debris, EasyPeasy oder, mein Favorit, Kaboot. Da soll keiner sagen, er sei nicht vorgewarnt worden, wenn das Betriebssystem Daten zerstört oder die Hardware kabootmacht.

Man findet Betriebssysteme aus dem Bereich der freien und offenen Software. Das sind dann vor allem Linux- und BSD-Varianten. Es gibt aber Open-Source-Produkte bei Solaris und DOS. Aber es gibt auch Exoten wie Plan 9, das zwischen 1985 und 2002 einen neuen betriebssystemarchitektonischen Ansatz durchexerziert hat und, wie archiveos.org schreibt, Unix-Usern extrem bekannt vorkommen dürfte und gleichzeitig recht fremd wirkt.

Es gibt auch OpenDarwin und BeOS, der gescheiterte Hoffnungsträger. Dieses Betriebssystem tauchte Mitte der 1995er-Jahre auf und überzeugte damals durch seine überragenden Multimedia-Fähigkeiten. Es hätte durchaus das Potenzial gehabt, sich gegen Windows durchzusetzen, zumal auch damals schon viele Nutzer Microsoft-müde waren. Ich hatte BeOS seinerzeit während einer kurzen Dauer installiert und war beeindruckt. Mangels Kompatibilität zu den für mich wichtigen Programmen konnte ich dann aber wenig bis nichts mit meinem BeOS-PC anstellen.

Es wird auch anderen so gegangen sein. Und das Unternehmen, Be Incorporated, hatte keinen ausreichend langen Schnauf, dass nichts aus der Windows-Verdrängung geworden ist. Und auch Steve Jobs hat sich entschieden, das nächste Apple-Betriebssystem auf Basis von Next zu entwickeln. Das war, wie man in Walter Isaacsons Buch Steve Jobs (Amazon Affiliate) nachlesen kann, ein knappes Rennen. Offenbar hält das aber sogar der Erfinder von BeOS, Jean-Louis Gassée, im Nachhinein für einen guten Entscheid.

Leider ist archiveos.org keine umfassende Sammlung von Betriebssystemen – klar, aus urheberrechtlichen Gründen können kommerzielle Closed-Source-Programme nicht einfach zum Download angeboten werden, obwohl es schön wäre, auch OS/2 aufleben lassen zu können. Oder das AmigaOS (siehe auch Ein Versäumnis aus den 90ern ausbügeln). Ich bin jedenfalls immer wieder fasziniert, was es bei Wikipedias Betriebssystem-Kategorie alles zu entdecken gibt.

Übrigens: OS/2 findet man bei archive.org, ebenfalls eine gute Anlaufstelle für alte Programme.

Bei archiveos.org darf man die Betriebssysteme herunterladen. Toll wäre natürlich auch, wenn man sie im Browser ausführen könnte, um sie «live» zu erleben. Das wäre technisch möglich, wie diverse Websites zeigen, die alte Browser, DOS- und Windows-Games oder das Klassik-Mac-OS (siehe Alte Games im Browser spielen) wiederaufleben lassen. Auch die erwähnte Website archive.org führt die umfangreiche The Internet Archive Software Collection, wo man zum Beispiel auch Atari-Spiele wie Pac Man von 1981 vorfindet.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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