Abgesang auf eine Lieblings-App

180511-protube-1.jpg
ProTube auf dem iPad.

ProTube gehört seit Jahren zu meinen Lieblings-Apps: Eine Alternative zu der Standard-Youtube-App mit vielen nützlichen Funktionen. Ich habe sie seinerzeit aufgrund hervorragender Funktionen für die bessere Youtube-App erklärt. Zu diesen geschätzten Funktionen zählen die Möglichkeit, die Wiedergabegeschwindigkeit zu ändern, die Videoauflösung einzustellen und die Option, nur den Ton bei gesperrtem Telefon abzuspielen. Bei Vorträgen oder Videopodcasts spielt das Bild oft keine wesentliche Rolle, sodass man darauf verzichten kann. Früher gab es bei ProTube auch eine Möglichkeit, Videos für den Offline-Konsum herunterzuladen. Diese Funktion musste der Entwickler auf Druck von Youtube jedoch entfernen.

Als ich neulich ein neues Telefon in Betrieb nahm, ist mir aufgefallen, dass die App gar nicht mehr zur Verfügung steht. Apple hat sie aus dem Store genommen, und in seinem Blog erklärt Entwickler Jonas Gessner, weswegen:

This comes after multiple requests and threats by YouTube which ultimately led Apple to suddenly pulling the app from the App Store. ProTube and many other 3rd party YouTube apps on the App Store have been targeted by YouTube with takedown requests.

Youtube hat sich an vielen Funktionen gestört und gefordert, das die entfernt werden müssten. Gessner zählt die Möglichkeit auf, Videos mit 60 fps wiederzugeben, Inhalte im Hintergrund zu spielen (d.h. das Video weiterlaufen zu lassen, während man mit einer anderen App arbeitet) und er erwähnt den Nur-Audio-Modus: Also genau die Möglichkeiten, die die ProTube-App zu dem gemacht haben, was sie ist. Da Jonas Gessner keine App anbieten wollte, die keinerlei Vorteile gegenüber der normalen App hat und er auch nicht vom Videogigangen vor Gericht gezerrt werden wollte, hat er die App endgültig aus dem Verkehr gezogen.

Aus dem Blogpost wird klar, dass ihm das nicht leicht gefallen ist. Die App war einträglich für ihn, aber sie ist auch auf sehr grosse Resonanz gestossen:

It reached #1 in the paid app charts in 11 different countries and the top 10 in 57 countries. When I released ProTube in November 2014 the app debuted at #12 in the US App Store charts, which is an amazing achievement by itself. The last version of ProTube (2.5.9) received over 2900 reviews with an average rating of well over 4.5 out of 5 stars. Despite the app being almost 3 years old it was still doing extremely well (which makes the fact that the app is gone now even more painful).

Das Ende ist auch ein grosser Verlust für die Nutzer. Nun steht es den Youtube- und Google-Managern natürlich frei, wie streng oder locker sie die Kontrolle der eigenen Plattform handhaben. Ich verstehe durchaus, wenn gewisse Funktionen in Dritt-Apps nicht goutiert werden: Eine App, die Youtube-Videos komplett werbefrei anbieten würde, wäre unfair gegenüber den Youtubern, die sich über Werbung finanzieren möchten. (Abgesehen davon, dass Youtube selbst es den Youtubern schwer macht, ihre Arbeit über Werbung zu finanzieren.)

180511-protube-2.png
Trotz dem Rückzug aus dem Store kann man die App weiter benutzen – allerdings nur mit dem eingeschränkten alternativen Player…

Aber darum geht es ja nicht. Die Funktionen, die ProTube auszeichnen, lassen sich so implementieren, dass das Geschäftsmodell der Plattform in keinster Weise gefährdet wird. Und die App zeigt auf, dass Offenheit Innovation hervorbringt. Nutzer haben mehr Möglichkeiten, Inhalte so zu konsumieren, wie sie es für richtig halten – und Youtube selbst könnte seine Plattform sinnvoll weiterentwickelt. Statt bessere Alternativen wie ProTube aus dem Markt zu drängen, hätte Youtube ja auch einfach die guten Funktionen für die eigene App übernehmen können. Das hätte deren Attraktivität erhöht und Leute wie Jonas Gessner womöglich zu weiteren kreativen Ideen angespornt.

Ironisch ist übrigens, dass Youtube in der eigenen Youtube Go-App eine Offline-Funktion anbietet. Allerdings nur in einzelnen Ländern und unter gewissen Umständen. Da finde ich es wiederum gut, dass sich das Herunterladen der Videos, das «Youtube-Ripping», technisch nicht komplett verunmöglichen lässt.

Es gibt noch zwei weitere Punkte. Erstens beschreibt Gessner, wie er versucht hat, eine Einigung auszuhandeln, aber kein Gehör und keinen Ansprechpartner gefunden hat. Das ist auch meine Erfahrung: Auf meine Kritik im Beitrag Ein Stinkefinger für Youtube und bei der Recherche für den Artikel Youtube steckt in der Krise habe ich auch über die Google-Pressestelle nur verspätete und ausweichende Antworten erhalten. Und eine simple Anfrage zur Auszahlung von Werbeerlösen (Google, hat bei euch einer noch den Durchblick?) brachte den Konzern an den Rand seiner kommunikativen Leistungsfähigkeit.

180511-protube-3.png
… eine Neuinstallation ist allerdings nicht möglich.

Zweitens zeigt sich ein Problem des App Stores. Auf den Geräten, bei denen man ProTube vor dem September 2017 installiert hat, ist die App nach wie vor nutzbar. Zwar funktioniert die Wiedergabe nur mit dem alternativen Player, der allerdings viele Funktionen nicht hat, die ProTube auszeichnen – trotzdem kann man der App die Treue halten, wenn man das möchte. Beim Umstieg auf ein neues Gerät steht die App nicht zur Verfügung: Bei der Migration werden die Apps nämlich nicht vom alten Gerät auf das neue übertragen, sondern aus dem Store geladen. Bei Apps, die entfernt wurden, erscheint dann nur eine Fehlermeldung.

Das ist ein Rückschritt gegenüber der Software, die man selbst installiert. Wenn man bei der die Installationsdatei aufbewahrt, kann man die Software weiterverwenden, selbst wenn sie offiziell nicht mehr verfügbar ist – so lange, wie sie kompatibel zum Betriebssystem bleibt. Mit Tricks wie virtuellen Maschinen kann man selbst Uralt-Programme am Leben erhalten, selbst wenn ich das nicht unbedingt empfehle.

Fazit: Ich bin unzufrieden mit den Machtverhältnissen, die einerseits uns Nutzer und andererseits unabhängige Entwickler wie Jonas Gessner benachteiligen. Wer eine so dominante Plattform wie Youtube betreibt, sollte das Ökosystem zu schätzen wissen, das um diese Plattform herum entsteht. Ich kritisiere die Art und Weise, wie Google mit den Drittentwicklern umspringt und Nutzerbedürfnisse ignoriert. Aber es passt ins Bild dieses Unternehmens, das sich immer mal wieder recht arrogant gebärdet – dass kleinen Youtubern die Möglichkeit der Monetarisierung genommen wurde, habe ich bereits erwähnt. Doch auch die Interessen der User werden gering geschätzt.

PS: Auf Cydia scheint es die App noch zu geben. Ein Jailbreak kommt für mich aber nicht in Frage.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.