Neue Ideen für Europa

Ich bin ein überzeugter Europäer und würde mich jederzeit für den Beitritt dieses Landes zur EU aussprechen – auch, weil ich eine Abneigung gegen Nationalstaaten und all die Dinge habe, die diese «Nationen» so mit sich bringen. Aber es ist unbestritten, dass es im Moment schwierig ist, Leidenschaft für die europäische Idee aufzubringen. Es gibt einfach zu viele, die sie schlechtreden. Natürlich die Nationalisten und die Isolationisten. Die Fremdenfeinde und Verkäufer einfacher Lösungen.

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Einsamer Rufer. (Bild: slon_dot_pics/pexels.com, CC0)

Aber es ist eben so, dass auch diejenigen, die sich zur europäischen Union bekennen, das im Moment enorm lustlos tun. Es gibt schwer, gegen Schlagworte wie Bürokratie, Regulierungswahn und (vor allem) Demokratiedefizit anzukommen. Das Demokratiedefizit sehe ich auch. Wie Europa mit Griechenland umgesprungen ist, hat mich zutiefst irritiert. Dass im Moment das Kapital, die Banken und die Interessen der Wirtschaft Vorrang vor den Interessen der Bürger haben, ist stossend. Und … naja, es braucht an dieser Stelle nicht mehr Beispiele. Dass jeder genügend davon kennt, ist genau das Problem.

Ich glaube nun aber daran, dass die EU trotz all ihrer Defizite besser ist als keine EU, und dass man sie deswegen leidenschaftlich verteidigen müsste. Dafür bräuchte es ein positives Narrativ – das hat der Historiker Matthias von Hellfeld in Holger Kleins Podcast Geschichtsunterricht immer mal wieder ausgeführt. Ich mag das Wort Narrativ nicht sonderlich (von Hellfeld glaube ich auch nicht), aber es ist klar, was gemeint ist: Eine Legende, ein schöner Mythos, eine Geschichte: Irgend etwas, das nicht auf den Kopf, sondern aufs Herz zielt und eine verbindende Wirkung hat.

Die Schweizer Geschichte ist voll solcher Mythen – da gibt es einen von einem Deutschen besungenen Helden, der historisch umstritten ist. Da gibt es einen Schwur auf einer Wiese, dessen damalige Bedeutung heute massiv verklärt wird. Und es gibt die Schlachten, bei denen wir «den Österreichern» eins auf den Sack gegeben haben. Manche der Schlachten scheinen noch nicht einmal stattgefunden zu haben. Das hindert aber niemanden daran, sie in der Schule zu lehren und die Leute dazu zu bringen, voller Stolz auf die Schweizer Fahne zu blicken.

Ich weiss nicht, wie eine solche Legende entsteht, und ob das im Zeitalter von Internet, Wikipedia und Social Media überhaupt noch möglich ist – vielleicht ja, wenn man es nicht Legende nennt, sondern Meme. Wahrscheinlich bräuchte Europa einfach ein gutes Meme. Oder möglichst viele davon. Jeden Tag zwei, drei wäre gut.

Jedenfalls hat besagter Holger Klein einen langen Podcast gemacht, in der es darum geht, ein positives Narrativ zu Europa zu kreieren. In der Sendung Die europäische Republik wird genau die Idee vertreten: Die Idee einer europäischen Republik, was mir auch besser gefällt, als wenn man es «vereinigte Staaten» nennen würde. Die Republik ist nämlich die öffentliche Sache, die Vereinigung der Menschen, nicht von politischen Ordnungen.

Klein spricht in der Sendung mit Ulrike Guérot, die so leidenschaftlich über Europa spricht, wie ich es schon lange nicht mehr gehört habe – und für mich sehr schlüssig und nachvollziehbar erklärt, weswegen man für die EU sein sollte, selbst wenn es einem nicht passt, dass dort die Krümmung der Banane reguliert wird.

Kurz und gut: Das ist einer der wirklich wichtigen Podcasts, die ich in letzter Zeit gehört habe – und ich höre viele Podcasts. Guérot kennt sich enorm gut aus mit der Materie, ist nicht nur mit Deutschland, sondern auch mit Frankreich gut vertraut, kennt die Philosophen, die Weltgeister und die Freunde der offenen Gesellschaft – und sie hat eine gesunde Abneigung gegen die Leute, zu deren Agenda es gehört, die EU weghaben zu wollen. Also: Viel Spass beim Anhören, Verinnerlichen und bei der Meme-Kreation. 😉

Autor: Matthias

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