Wenn es unterm Aluhut hervorknistert

«Da kannst du auch gleich mit dem Hammer auf ein Wespennest schlagen», hat mich neulich ein Freund auf Facebook getadelt. Und recht hat er. Was ich getan habe, war mit offenen Augen ins Verderben zu rennen. Wobei das Verderben in diesem Fall die Form einer epischen sozialmedialen Diskussion ohne Erkenntnisgewinn annahm. Respektive fast ohne Erkenntnisgewinn.

180223-tin-foil-hat.jpg
Genau, die Leute. (Bild: 309/365 – its so they cant read your miiiiind maaaaan, B Rosen/Flickr.com, CC BY-ND 2.0)

Die Ausgangslage war ein Beitrag, bei dem ich mich ein bisschen darüber aufregte, dass sich manche Leute ständig über Zensur beklagen, dabei aber kontinuierlich den Beweis erbringen, dass hierzulande eben keine Zensur stattfindet. Denn gäbe es Zensur, wären die Plattformen blockiert, die besagte Leute vornehmlich für ihr Gejammer benutzen:

Die Folge war ein aufgescheuchter Wespenschwarm und ein Thread, der mehr als zweihundert (Sub-)Kommentare und zwei Blockierungen nach sich zog. Und wie gesagt: Viel rumgekommen ist nicht, weil man – wie schon vorher klar war – man mit Verschwörungstheoretikern nicht diskutieren kann.

Ein Ding war aber doch bemerkenswert – und darum lohnt es sich an dieser Stelle auch, über die ganze Sache zu bloggen. Ich habe nämlich im Verlauf der Diskussion folgende Feststellung gemacht:

Nur weil es Verschwörungen gibt, heisst das nicht, dass alles eine Verschwörung ist.

Daraufhin gab einer der Diskutanten ein bemerkenswertes Statement ab:

Alles die Welt Verändernde ist bis zum Beweis des Gegenteils eine Verschwörung.

Und:

Bei Terrorismus gilt dasselbe. Weil davon immer sehr viele profitieren bloss nie die (angeblichen) Terroristen, läuft Terrorismus bis zum Beweis des Gegenteils immer unter falscher Flagge ab.

Überlegen wir doch, wie diese Umkehr der Beweislast konkret funktionieren müsste: Jeder, der nur im weitesten Sinn für eine terroristische Tat oder eine «die Welt verändernde Tat» in Frage kommt, müsste beweisen, dass er es nicht war. Und wenn am Schluss nur der Hauptverdächtige übrig bleibt, dann – und nur dann – kann man davon ausgehen, dass er die Tat tatsächlich begangen hat.

Das ist deswegen perfid, weil es in der Regel unmöglich ist zu beweisen, dass etwas nicht existiert. Um zu beweisen, dass es Giraffen gibt, muss ich lediglich in den Zoo gehen und dort mit dem Finger auf eine der Giraffen zeigen. Um zu beweisen, dass keine grünen Giraffen existieren, müsste ich sämtliche Giraffen auf ihre Farbe hin überprüfen. Und selbst wenn ich nicht fündig werden würde, ist nicht ausgeschlossen, dass grüne Giraffen so selten sind, dass nur alle 1000 Jahre einmal eine über den Globus wandelt und ich das Zeitfenster verpasst habe.

Analog kann man in den allermeisten Fällen nicht wasserdicht beweisen, dass hinter einem Ereignis keine Verschwörung steckt. Wenn es keine Anzeichen dafür gibt, hat man einfach nicht tief genug gebuddelt. Und bekanntlich behaupten die Verschwörungstheoretiker bei offiziellen Untersuchungen ohne wunschgemässes Resultat, dass diejenigen, die diese Untersuchung vorgenommen haben, selbst Teil der Verschwörung sind.

Daraus ergibt sich eine Erkenntnis, die ebenfalls nicht neu ist, die sich anhand des vorligenden Beispiels aber sehr gut nachvollziehen lässt: Die Verschwörungstheoretiker wollen gar nichts beweisen oder widerlegen. Ihnen gefällt, wenn alles schön im Vagen bleibt. Denn die Evil Overlords sind eine praktische Instanz, die man für alles verantwortlich machen kann, was einem nicht passt. So wie man als gläubiger Mensch mit einem Gebet seine Sorgen und Nöte an Gott delegiert.

Diese Parallele zur Welt des Glaubens ist übrigens nicht zufällig. Viele der Verschwörungstheoretiker benutzen gerne pseudoreligiöse Begriffe wie «Erleuchtung», nach der sie angeblich streben. Viele hatten eine Erweckungserfahrung, die ihnen die Augen öffnete. Und das macht sie zu einer ganz besonderen Gruppe: Der Gruppe der Eingeweihten. Sie hebt sich von der grossen, dummen Mehrheit ab, die noch im Dunkeln tappt und die auch gerne mit dem Wort Sheeple bedacht wird. Schliesslich gefällt sich manch einer dieser Verschwörungstheoretiker auch in der Rolle des Messias. Der Verkündiger der Wahrheit, der seine Aufgabe trotz allen Widerständen erfüllt und sogar Unverständnis und Diffamierung erträgt. Ein waschechtes Martyrium.

Dass Aufklärung und Wahrheitsfindung trotz gegenteiliger Beteuerungen eben nicht das Ziel der Verschwörungstheoretiker ist, merkt man auch an ihrem Modus Operandi (auch der ist im obigen Facebook-Thread exemplarisch nachzuvollziehen): Typischerweise werden ellenlange, pamphletartige Posts mit unzähligen Details, Namen, Zitaten und Fachbegriffen auf die Sheeples abgefeuert. Oft bekommt man drei, vier oder noch mehr Links zu Youtube-Videos um die Ohren gehauen. Um sachlich darauf einzugehen, müsste man sogleich einmal einige Stunden in Lektüre, Visionierung und Recherche investieren. Und dabei würde man sich unweigerlich auf die Gedankenwelt des Verschwörungstheoretikers einlassen. Oder, um es etwas plakativer zu sagen: Man soll genötigt werden, bis übers Knie in diesen Sumpf einzusteigen.

Das ist eine Troll-Technik. Wer ernsthaft diskutieren will, wird mit dieser Methode schachmatt gesetzt. Unentschlossene werden vielleicht sogar angefixt. Das hat auch damit zu tun, dass einem die Verschwörungstheoretiker zu verstehen geben, man sei gar nicht für eine Diskussion qualifiziert, so lange man nicht diese Abhandlung gelesen, jenes Referat gesehen und Daniele Ganser persönlich die Füsse geküsst hat. Kurz: Um mit einem Verschwörungstheoretiker zu diskutieren, muss man erst ein Grundstudium in Verschwörungstheologie Verschwörungstheorie-Theorie absolvieren.

In einen solchen Psiwar kann man nur eintreten, indem man die Diskussion auf die Metaebene verlagert und die Trollhaftigkeit der Methode anprangert. Das hat aber zur Folge, dass der eigentliche Quatsch unwidersprochen bleibt. Weswegen hier nur bleibt, ein Fazit zu ziehen, das schon von vornherein auf der Hand lag: Man bietet den Leuten ein Forum und eine Plattform für ihren Schwachfug, und sollte es darum lassen.

Eines sollten sich die Verschwörungstheoretiker dennoch bewusst sein, finde ich – zumindest wenn sie nicht völlig skrupellos sind. Nämlich: Sie unterstützen genau diejenigen, die sie angeblich bekämpfen. Sie machen sich zum Handlanger der Evil Overlords und der geheimen Strippenzieher. Sie sind wunderbar instrumentalisierbar, wenn es darum geht, Energien vernünftiger Leute zu binden und die Allgemeinheit von echten Problemen und wahren Missständen abzulenken. Sie sind willfährige Helfershelfer von jedem echten Verschwörer, der sich nicht die geringsten Sorgen zu machen braucht, dass ihm einer auf die Schliche kommt.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Kommentar verfassen