So geht entfreunden

Ich bilde mir ein, ziemlich umgänglich zu sein. Nicht nur im richtigen Leben, sondern auch online. Das führt dazu, dass ich in sozialen Medien selten unversöhnliche Gräben aufreisse und höchstselten entfreundet oder geblockt werde. Man könnte sich sogar auf den Standpunkt stellen, dass ein Journalist mit einer pointierten Meinung mehr anecken müsste. Denn klare Positionen einnehmen und von allen geliebt werden, das geht nun einmal nicht.

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Naja, ganz so schlimm ist es nicht. (Bild: geralt/pixabay.com, CC0)

Immerhin: Vor Jahren habe ich es geschafft, von @freichgeist geblockt zu werden. Das allerdings noch nicht einmal wegen einer öffentlich ausgetragenen Meinungsverschiedenheit, bei der ich es ihm so richtig gezeigt und er als schlechter Verlierer nur noch eins zu tun wusste. Nein, es ging um einen Retweet. Ich weiss den Inhalt nicht genau, aber weil ich noch einen kurzen eigenen Kommentar dazu schreiben wollte, habe ich den Tweet auf eine Weise gekürzt, die ihm nicht gefiel. Heute wäre das kein Problem, weil man Tweets zitieren kann: Der Originaltext bleibt erhalten, und man hat fast die volle Zeichenzahl (280 statt wie damals nur 140) für seinen eigenen Senf zur Verfügung. Man kann also sagen, dass dank des technischen Fortschritts die Welt auf Twitter eine friedlichere ist. Bzw. wäre, wenn es auf Twitter nicht so viele Idioten gäbe.

Was nun @frechgeist angeht, habe ich mich, wie ich das auch im richtigen Leben getan hätte, entschuldigt. Doch das hat ihn nicht gerührt – weswegen ich heute dazu neige, ihn für mich @kleingeist zu nennen.

Aber darum geht es heute gar nicht. Sondern um den Fall von Facebook, wo mich das Schicksal des Entfreundetwerdens neulich ereilt hat. Und dieses Mal offenbar tatsächlich wegen unterschiedlicher Ansichten. Eine Dame hat mir den sozialmedialen Laufpass gegeben, mit der ich mich vorher oft und leidenschaftlich über Nobillag und die libertäre Weltanschauung gestritten habe. Was nun genau der Grund für die Trennung war, weiss ich nicht. Vielleicht hat sie im Nerdfunk gehört, wie ich eine Metaebene zu dieser Debatte aufgemacht habe. Natürlich unter Wahrung der Anonymität und alles. Trotzdem könnte ich verstehen, dass ihr das nicht gefallen hat. Wobei auch dann wäre die beste Reaktion, das zu thematisieren. Und sich dann von mir gleich in eine Sendung einladen zu lassen, weil IMHO sowohl die Ebene als auch die Metaebene ein interessantes Gesprächsthema ergeben hätten. Oder es war ein Akt der Nächstenliebe. Denn die Debatten waren zeit- und kräfteraubend, ohne dass viel dabei herumgekommen wäre.

Aber darum geht es heute auch nicht. Aufgefallen ist mir, dass erstens Facebook einem in kleinster Weise sagt, wenn man entfreundet worden ist. Ich verstehe, warum: Herr Zuckerberg will, dass alle Nutzer möglichst viel Zeit auf Facebook verbringen und sich dort maximal wohl fühlen. Wenn man entfreundet oder sogar blockiert wird, trübt das die Laune. Und die schlechten Gefühle könnten auch auf Facebook abfärben. Ein Sensibelchen, das zwei-, dreimal hintereinander abserviert wird, könnte sich sogar entschliessen, seinerseits Facebook in die Wüste zu schicken. Und das darf natürlich nicht passieren, findet Herr Zuckerberg.

Was meines Erachtens von Unreife zeugt. Wenn das Befreunden dazu gehört, dann ist auch das Entfreunden unvermeidlich. Abgesehen davon findet man es sowieso heraus, wenn man mit der fraglichen Person intensiv kommuniziert hat, so wie das bei mir der Fall war: Wenn ich mich nicht mehr zweimal täglich über ein hanebüchenes Argument der Nobillag-Initianten aufregen muss, dann fällt mir die plötzliche Ruhe natürlich auf. Da könnte Facebook auch gleich eine Benachrichtigung loslassen mit dem Inhalt: «Frau Hugentobler legt keinen Wert mehr auf Kontakt mit dir. Sie lässt ausrichten, es liege an ihr, nicht an dir.»

Aber selbst darum geht es in diesem Blogpost nicht. Worum es mir geht, ist das: Wenn man entfreundet wurde, dann hat man keinen Zugriff mehr auf die Beiträge und Kommentare, die man mit der Entfreunderin ausgetauscht hat. Auch die Nachrichten beim Messenger sind weg. Zumindest selbst sieht man sie nicht mehr. Ob sie bei der Entfreunderin selbst noch vorhanden sind, weiss ich nicht, aber ich vermute nicht. Das ist einer der Gründe (nebst dem einzelnen Löschen von Kommentaren), weswegen man bei Facebook immer wieder auf Threads stösst, wo offensichtlich nur noch die eine Seite der Konversation vorhanden und die andere fehlt. Auch das ist unbefriedigend. Wieso nicht die Beiträge stehen lassen und zum Beispiel mit «Gelöschter/Entfreundeter Nutzer» anschreiben?

Ich habe nun wie angedeutet, einiges an Zeit in die Diskussion gesteckt und, so bilde ich mir ein, auch das eine oder andere gute Argument ins Feld geführt. Es könnte nun durchaus passieren, dass ich das eine oder andere noch einmal benutzen möchte. Doch das ist nicht möglich, weil sie nicht mehr existieren oder für mich nicht mehr zugänglich sind.

Und das ist ein starkes Stück und zeigt, dass man bei Facebook nicht Herr seines eigenen Contents ist. Ob die verschwundenen Beiträge nun wichtig oder irrelevant, hohe Literatur oder Trash waren, ist völlig nebensächlich: Es sind meine Gedanken, die mir hier weggenommen werden – und das mag ich überhaupt nicht.

Damit bin ich wieder bei der Unreife: Dieser Zuckerberg kapiert einfach nicht, wie Beziehungen funktionieren. Wenn man auseinandergeht, dann dividiert man den Besitz auseinander. Jean-Jacques Goldman hat einmal ein schönes Stück dazu gemacht: «Reprendre, c‘est voler», hiess das. Das ist eine gute Handlungsanweisung, selbst wenn die Facebook-Beziehung im Vergleich virtuell, oberflächlich und letztlich eine Randnotiz war. Man nicht nur eine Benachrichtigung erhalten, dass man entfreundet wurde, sondern auch sein ganzes Zeugs, Texte, Fotos, Kommentare, mit einem Schleifchen umwickelt, zurückerhalten. Damit man es selbst wegwerfen oder in die Kiste legen kann, wo man Lebenserfahrung in materieller Form versorgt.

Autor: Matthias

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