Schnitzeljagd durch die Jahrhunderte

Eine der Pflichten dieses Blogs ist es, Bücher über Zeitreisen zu besprechen. Und es ist höchste Zeit, diese Pflicht wieder einmal zu ehren. Was ich mit Paradox Bound (Amazon Affiliate) von Peter Clines hiermit gerne tue: Ihr solltet dieses Buch in der Gegenwart lesen. Oder in die Vergangenheit reisen, es dort lesen, damit es euch in der Gegenwart bereits beeinflusst hat.

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Die «faceless men» sehen komplett anders aus als auf diesem Bild. (Bild: Ed Gregory/stokpic.com, CC0)

Das ist, um es auf den kürzesten Nenner zu bringen, die Frage dieses Buchs: Was, wenn durch Zeitreisen ein Effekt noch vor seiner Ursache auftreten kann? Die Hauptfigur, Eli Teague, kommt dieser Frage auf die Spur, als er aus seinem etwas langweiligen Leben in der Stadt Sanders in Maine gerissen wird, weil er wieder dieser einen Frau begegnet, Harriette Pritchard alias Harry, die mit einem uralten Chevy einer Art Landstreicherdasein nachzugehen scheint. Clines verrät an dieser Stelle bereits eine simple, aber gerne verheimlichte Tatsache über uns Männer: Dass wir uns nämlich von kleinen Dingen zu grossen Taten anstiften lassen. Im Fall von Eli ist es ein heimlicher Blick in den Ausschnitt von Harry, der ihm überhaupt erst klar macht, dass Harry eine Frau ist – und dass er sich mit ihr und wegen ihr sehr gerne in Gefahr bringen würde.

Harry jagt einem (weitestgehend immateriellen) Schatz hinterher – quer durch die USA und durch die Geschichte hindurch, wie sie sagt. Es gibt nämlich viele «Slip-Spots», die es ermöglichen, von einem Jahrzehnt zum anderen zu hüpfen und so Hinweise zu sammeln und dem Schatz auf die Spur zu kommen, der 1963 entwendet wurde. Eli, der sich erst einmal auf die Suche nach Harry macht, stellt bald fest, dass es viele andere Schatzjäger gibt. Und die «faceless men», die den Schatz eigentlich hätten bewachen müssen. Sie sind eine Art «Men in Black», die für ihre Mission jedoch skrupellos morden und eine besondere Abneigung gegen die Schatzjäger haben.

So viel zur Geschichte. Ab zum Fazit: Ich mag Peter Clines und seine schrägen Bücher mit den nerdhaft verwickelten Handlungssträngen – warum, erkläre ich ja auch in Der hat meine Roman-Idee geklaut! und in Der King unter den Nerds. Er baut aus schrägen Scifi-Motiven solide Geschichten – und er hat tatsächlich gewisse King’sche Qualitäten. In «Paradox Bound» ist es die Liebe fürs Automobil und Harrys altem Model-A Ford, der steampunkmässig mit einem Wasservergaser aufgemotzt wurde. Und auch die gesichtslosen Männer haben ein bisschen was King-haftes. Auch wenn die mich, aus unerfindlichen Gründen und auch recht unpassend, an die grauen Herren in Michael Endes «Momo» erinnert haben. Clines ist sicher nicht der beste Stilistiker, der die Literaturwelt in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft bevölkert haben wird, und seine Figuren sind zwar sympathisch, aber nicht gerade tief oder vielschichtig.

Aber er hat Humor und hat es geschafft, mich von der Leere zu befreien, die mich befallen hatte, nachdem ich mit J. K. Rowlings komplettem Potter- und Nicht-Potter-Lesestoff durch war. Klar, Rowlings Fantasie ist bunter, ihre Plots sind schärfer, ihr literarisches Herz grösser, ihre Gewalt tut mehr weh und ihre Figuren sind menschlicher. Aber wenn ein Autor einen Leser auf Rowling-Entzug nicht krachend auf den Boden fallen lässt, sondern aufzufangen vermag, dann ist das gar keine so geringe Leistung.

Und auch ganz ohne Vergleiche zu Stephen King vermag Peter Clines für sich selbst zu bestehen. Er hat eine gute Zeitreise-Geschichte mit einem hübschen Paradox geschrieben. Das ist gar nicht so einfach. Denn man denkt zwar, Zeitreise-Geschichten würden einem Autor eine unendliche Vielfalt an möglichen Plots eröffnen, so sind es doch nur eine Handvoll Szenarien, die sich aufdrängen: In der Vergangenheit einen Fehler korrigieren oder den Lauf der Geschichte verändern (Jesus und die Katze von Schrödinger, Back to the Future für Erwachsene, Den kalten Krieg zum Verschwinden gebracht). Ein lustiges Paradox erzeugen wie zum Beispiel in «Predestination» (Paradoxon par excellence). Oder Varianten seines eigenen Lebens durchprobieren, bis das Optimum gefunden ist (Jahrzehntlich grüsst das Murmeltier). Oder einfach in Nostalgie schwelgen (Die grösste Hürde einer Zeitreise ist die Zeit). Oder die unmögliche Liebe der von der Zeit Getrennten (The Time Traveler’s Wife).

Clines hat es wie erwähnt geschafft, den Abenteuerroman mit der Zeitreise zu verknüpfen. Und wenn ich hier doch noch etwas spoilern sollte …

Achtung, jetzt wird gerade massiv gespoilert!

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Das fällt übrigens Getty zum Stichwort «Paradox» ein. Das ist es überhaupt nicht paradox, oben ein völlig unpassendes Beitragsbild zu verwenden.

… dann war es eine klevere Idee, einen Schatz zu erschaffen, der sich bringt selbst zum Verschwinden, weil sich die Suche nach ihm in die Vergangenheit erstreckt und die Auswirkungen somit zur Ursache werden. Natürlich, den Schatz «Amercian Dream» zu nennen und ihn von einem ägyptischen Gott erschaffen zu lassen, war eine etwas gar schräge Idee – genauso, wie den von Johnny Cash besungenen Volkshelden John Henry als Eisenbahnfan auferstehen zu lassen. Aber wenn man das unter Nerdhumor abbucht und sich ein maliziöses Lächeln auf den Lippen des Autors ausmalt, dann tut es der Unterhaltung keinen Abbruch. Im Gegenteil!

Autor: Matthias

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