Bild. Punkt.

Es passiert mir ab und zu, dass ich Programme auf meiner Festplatte finde, ohne zu wissen, wie die dorthin gekommen sind. Vielleicht wurden sie mir von einem Hacker untergejubelt. Womöglich habe ich sie aber auch selbst heruntergeladen, mit der Absicht, einen Softwaretest abzuhalten. Doch wie es so geht – es kommt etwas dazwischen, der Softwaretest findet nicht statt, aber das Programm bleibt an Ort und Stelle liegen.

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Bitte ohne Blinzeln 30 Sekunden lang in dieses Auge schauen. (Originalbild: Skitterphoto/pexels.com, CC0)

Das ist mir neulich mit dem Programm Vectoraster 6 so gegangen. Nach einer zufälligen Wiederentdeckung habe ich mich entschlossen, das Programm hier zu besprechen. Es befriedigt zwar ein ziemlich spezielles Bedürfnis. Aber es tut es auf eine so befriedigende Weise, dass sich eine Besprechung allemal lohnt. Nachdem ich also diverse Screenshots angefertigt und einen ausführlichen Test abgehalten hatte, stellte ich durch Googeln fest, dass die Version 6 nicht mehr aktuell ist und man nun die Version 7 benutzen müsse. Tja, Künstlerpech.

Also, Vectoraster 7 gibt es für den Mac. Die Vollversion kostet 42 US-Dollar. Und die Aufgabe des Programms ist es, Pixelbilder in Vektorraster umzuwandeln. Das klingt ein bisschen so, als ob es dem hier besprochenen Webdienst Konkurrenz machen würde. Dem ist aber nicht so. Vectoraster erzeugt Raster, die wie man sie beim Drucken verwendet. Bei den so genannten Halbtonbildern1 werden mit verschieden grossen Druckpunkten unterschiedliche Graustufen simuliert. Denn wenn man genau hinschaut, sieht man, dass ein (monochromer) Drucker keine unterschiedlichen Grautöne ausgeben kann. Er beherrscht nur schwarz, und darum wird das menschliche Auge getäuscht.

Nun passiert die Aufrasterung in den Druckern automatisch, sodass man sich als Anwender nicht mit diesem Thema herumzuschlagen braucht. Vectoraster 7 ist denn auch kein Drucker-Utility, sondern ein Kreativwerkzeug: Halbtonraster lassen sich als kreatives Gestaltungsmittel einsetzen: Sie reduzieren das Motiv auf Schwarz und Weiss, benötigen entsprechend starke Kontraste und lassen sich gut mit kräftigen Farbflächen und plakativer Typografie kombinieren. Je gröber das Raster, desto grösser die Abstraktionswirkung. Man fühlt sich an die Pop Art und an Roy Lichtenstein erinnert. Und wenn ich mal Künstler werden sollte, dann geht es bei mir garantiert in die Richtung.

Bei Vectoraster startet man mit einem Ausgangsbild. Das muss natürlich auch schwarzweiss und in niedriger Auflösung funktionieren – denn durch die Aufrasterung gehen feine Details verloren. Darum ist Vectoraster übrigens auch ein hervorragendes Hilfsmittel, wenn man kaschieren möchte, dass man ein Bild nur in einer viel zu niedrigen Auflösung vorliegen hatte: Das sieht man dem fertigen Werk nicht mehr an, und man kann behaupten, das sei Kunst und gehöre so.

Das Ausgangsbild wird links bei Sources bestimmt. Unter Document gibt man die Grösse des fertigen Bildes an. Diese Einstellung hat eine Auswirkung darauf, wie grob oder fein das Raster wirkt. (Schalten Sie für eine schnelle Anpassung die Option Scale Raster Parameters ab.) Über die Option Show background lässt man (mit wählbarer Deckkraft) das Original durchscheinen. Das kann auch ganz attraktiv wirken, entspricht aber nicht der reinen Lehre.

Rechts gibt man bei Points and raster an, wie die Aufrasterung erfolgen soll. Typischerweise sind die Druckpunkte rund. Man darf aber auch Rechtecke, Polygone, Sterne oder eigene Formen verwenden. Mir gefällt das Linienraster sehr gut, das das Motiv parallele Striche zerlegt, wobei je nach Kontrast des Originalbildes die Strichstärke variiert. Und stellt man bei Point type die Option Text Character ein, verwandelt man sein Bild in ASCII Art. Dass ich davon ein Fan bin, kann man im Beitrag Ein Bild besteht aus 1000 Worten oder unter Zehn Völlig Lupenrein Cuule Tricks für VLC nachlesen.

Bei Point size bestimmt man die Grösse der hellsten und der dunkelsten Punkte. Das beeinflusst das Kontrastverhältnis, und falls das Motiv nicht sehr gut erkennbar ist, sollte man hier nachhelfen. Normalerweise erfolgt der Übergang von hell nach dunkel linear. Über das Symbol mit den beiden Achsen rechts oben in diesem Abschnitt kann man aber auch einen nicht-linearen Verlauf einstellen, bei dem die Mitteltöne heller oder dunkler werden. Beim Motiv mit der Frau war das ein entscheidender Eingriff, weil das sehr helle Gesicht sonst überhaupt nicht zu erkennen gewesen wäre.

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Hier musste man am Kontrastverhältnis schrauben, damit Nase und Wangen überhaupt erkennbar sind. (Originalbild: Engin_Akyurt, pixabay.com, CC0)

Mit Remove some points kann man auch Punkte entfernen, zum Beispiel die sehr hellen und kleinen – dadurch neigt das Motiv aber zum «Auseinanderfallen».

Bei Raster verändert man die Anordnung der Punkte. Die erfolgt typischerweise anhand eines Gitters. Man kann die Punkte aber auch versetzt (Alternativ grid) oder kreisförmig anordnen, zufällig variieren oder beim Linienraster mit überschneidenden Linien operieren. Hübsch auch die Spirale.

Bei Raster Distortion verzerrt man das Raster, zum Beispiel wellenförmig. Man kann es auch ausbeulen oder verdrehen. Wenn man hier Experimentierfreudigkeit zeigt, geht das Resultat irgendwann Richtung Guilloche. (Siehe Beitrag Brioches? Nein, leider nicht.)

Bei Raster Transformation schliesslich verändert man den Ausgangspunkt des Rasters, was gerade bei sehr groben Rastern einen Einfluss darauf haben kann, wie gut das Motiv zu erkennen ist. Man kann das Raster auch drehen. Bei Linienrastern ist das wichtig, wenn man keinen horizontalen Verlauf haben möchte.

Fazit: Wie gesagt, eine Nischen-Anwendung. Die mir aber ausgezeichnet gefällt: Sie widmet sich ihrer Nische mit einer Ernsthaftigkeit, die man bei vielen Mainstream-Programmen vergeblich sucht. Und mit ihren diversen Optionen eröffnet sie einem kreativen Geist ein riesiges kreatives Tummelfeld.

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Ein bisschen Farbe ist schon drin – CMYK-Fans kommen aber nicht auf ihre Rechnung. (Originalbild: TheHilaryClark, pixabay.com, CC0)

Schade ist, dass keine farbige Aufrasterung möglich ist. Beim Druck hat die bekanntlich die Farbe Einzug gehalten. Sie wird erzielt, indem die vier Farben Magenta, Cyan, Gelb und Schwarz übereinander gedruckt werden – siehe CMYK-Farbmodell. Was die Rasterung angeht, eröffnet das wiederum ein riesiges Tummelfeld. Man wandelt die Daten, die typischerweise in RGB vorliegen, separiert sie und druckt sie übereinander – und zwar in leicht verschobenen Rastern und Ausrichtungen, damit die Farbpunkte möglichst nicht direkt übereinander zu liegen kommen. Ganz ohne Frage hat das sehr viel Experimentierpotenzial. Immerhin: Man kann bei Point fill die Punkte gemäss ihrer Ursprungsfarbe einfärben (Fill points und Use source). Das ist nicht ganz so Roy Lichtenstein-mässig wie echte Farbseparation, aber auch ganz okay.

Der Export der Bilder aus Vectoraster erfolgt im Vektorformat als EPS oder PDF. Man erhält eine Datei, bei der man jeden einzelnen Punkt in Illustrator oder Inkscape (siehe Vektoren kostenlos zurechtbiegen) nachbearbeiten. Abgesehen davon gibt es auch die Pixelformate Tiff, JPG und PNG zur Auswahl, wobei JPG für diese Art Grafik gänzlich ungeeignet ist.

Und auch CSV wird angeboten. Das heisst, wenn man Programmierer ist, kann man ein Bild in Rohdaten verwandeln, mit denen man dann irgend etwas berechnet. Mir fällt nun gerade keine Situation ein, wo das sinnvoll sein könnte – aber es klingt auf alle Fälle spannend und hochgradig nerdisch!

Footnotes

  1. Update vom 26. Januar 2018: Peter hat mir zu meiner Verwendung des Worts «Halbtonbild» einen langen Kommentar zukommen lassen:

    Mir ist ein (fachlicher) Fehler, der wohl ein Übersetzungsfehler ist, aufgefallen. Im Deutschen ist ein Halbtonbild ein Bild mit echten Halbtönen, also mit beliebig vielen (SW- oder Farb-Negaitv-Film oder Diaposititiv) resp. auf dem Computer mit 256 Tonwertabstufungen pro Farbkanal (8 Bit für Graustufen-, 24 Bit für RGB-Bilder). Das steht übrigens auch im Wikipedia-Link, den du angegeben hast. Dort steht u.a.: «Bei einem Halbtonbild gibt es im Gegensatz zum Strichbild bzw. zur Volltonabbildung Helligkeitsabstufungen des Motivs in einer Tonwertskala von Weiß bis Schwarz (Graustufenbild).» Weiter oben wird der Raster erklärt: «Wird mit diesen Druckverfahren [u.a. Offsetdruck] eine Halbtonabbildung reproduziert, muss die Vorlage bei der Bildreproduktion mittels eines Rasters in Rasterpunkte zerlegt (gerastert) werden, d. h. ein gerastertes Bild ist im Prinzip ein Strichbild, das ein Halbtonbild vortäuscht.» Nebendran wird dann auch der Unterschied zwischen einem Halbtonbild mit Verlauf von Hell zu Dunkel gezeigt im Vergleich mit einem Raster, der die Helligkeitsunterschiede nur simuliert, indem kleine (hell) und grosse (dunkel) Punkte verwendet werden.

    Dummerweise bedeutet aber das englische Wort Halftone Rasterbild! Und die von dir besprochene Software Vectoraster 7 macht nun effektiv aus Halbtonbildern Rasterbilder. Wenn nun in einer englischen Beschreibung «Halftone» steht, muss in der deutschen Version «Raster» stehen!

    Konkret heisst also der erste Satz der Meldung in Download: «Vectoraster 7 verwandelt Pixelvorlagen in Rasterbilder.» Und im Absatz auf Clickomania beschreibst du zwar im Absatz, wo du den Link auf Halbtonbild eigefügt hast, die Wirkung des Raster richtig, nur ist der Begriff Halbtonbild falsch. Du müsstest wohl diesen Absatz korrigieren … Ehrlich gesagt ist die Wikipedia-Seite, auf die du verweist, nicht sonderlich gut, aber inhaltlich ist sie korrekt. Sie erklärt aber ganz schlecht, was es mit den Bildbeispielen rechts auf sich hat.

    Peter hat natürlich recht. Ich habe Halbtonbild im Sinn der englischen Halftone dots verwendet. Das erschien mir intuitiv sinnvoller, denn das, was in Deutsch Halbtonbild heisst, würde ich einfach Graustufe nennen. Meinen Wortgebrauch erkennt man auch daran, dass ich wenig später den Begriff «Halbtonraster» verwende.

    «Rasterbild» ist in dem Kontext eben ein ganz schlechter Begriff, weil man den häufig synonym für Pixelbild verwendet. Das führt wiederum auf die falsche Spur, denn das Resultat der ganzen Bemühungen kann man sich auch als Vektordatei ausgeben lassen. Und die hat die Eigenschaft, eben gerade kein Raster- oder Pixelbild zu sein.

    Fazit: Ich glaube, mit dieser ausführlichen Ergänzung ist der Sache Genüge getan. Denn dass Halftone sehr oft einfach mit Halbton übersetzt wird, hat natürlich mit dem Wortgebrauch in der Musik zu tun und ist auch einfach naheliegend. Daran werde ich nichts ändern, indem ich päpstlicher als der Papst bin. 😉 ^top

Autor: Matthias

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