So hilfsbereit kann das Smartphone sein!


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Sich Texte vorlesen lassen, vom Handydisplay nicht allzusehr anstrahlen zu lassen und das Telefon babysicher machen – das sind nur ein paar der Möglichkeiten mit den Bedienungshilfen.

Pionier bei den Bedienungshilfen ist ohne Zweifel Microsoft. Schon zur Hochzeit von Windows hat der Softwarekonzern grosse Anstrengungen unternommen, um das Betriebssystem auch für Behinderte nutzbar zu machen. Da sind zum Beispiel die unterstrichenen Buchstaben in allen Menüs: Sie ermöglichen es, die Befehle auch ohne Maus auszulösen. Windows ist, grafische Anwendungen und Spiele einmal komplett ausgenommen, komplett per Tastatur bedienbar. Das schätzen die Nerds, doch es ermöglicht eben auch Nutzern, die keine Maus bedienen können, die Arbeit mit Windows.

Und es gibt in der Systemsteuerung bei Erleichterte Bedienung das Center für erleichterte Bedienung. Dort finden sich Dinge wie die Bildschirmlupe, die Sprachausgabe, die Bildschirmtastatur und den hohen Kontrast. Sie sind für Behinderte gedacht, können aber auch allen anderen das Leben erleichtern. Die Grenzen sind ja fliessend, wie die Brillenträger unter uns wissen. Bei Windows hatten sie die Nebenwirkung, dass sie gelegentlich versehentlich eingeschaltet wurden. Gerade der besagte hohe Kontrast konnte die Nutzer sehr überraschen, wie ich von diversen panischen Zuschriften an die Kummerbox weiss.

Jedenfalls fand ich das immer sympathisch an Microsoft, dass sie sich in dieser Sache so ins Zeug legten. Natürlich, es gibt gesetzliche Vorgaben, und ein Engagement in diesem Bereich lässt sich öffentlichkeitswirksam hervorstreichen. Doch Madelyn Bryant McIntire, mit der ich seinerzeit (im Februar 2004) ein Interview zu dem Thema gemacht habe, die hat sich damals aus Überzeugung für das Thema stark gemacht. Durchaus selbstkritisch:

Wir machen keinen guten Job, was das Marketing in diesem Bereich anbelangt. Wir haben nicht annäherungsweise das getan, was wir hätten tun können und tun sollen, um den Leuten verständlich zu machen, welche Möglichkeiten in den Produkten stecken. Es geht nicht darum, mehr Produkte zu verkaufen – die Leute, die profitieren könnten, sind bereits unsere Kunden.

Es ist manchmal spannend, nach Jahren, bzw., in dem Fall, fast anderthalb Jahrzehnten einen alten Artikel auszugraben und zu sehen, was aus dem Thema geworden ist. McIntire hat damals gesagt:

Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Solange die Entwickler an der Hochschule nichts über Accessibility hören, wird es schwierig sein, ihr am Arbeitsplatz Gehör zu verschaffen. Accessibility gehört auf den Lehrplan der Hochschulen. Wenn junge Entwickler über ihre Karriere nachdenken, dann gehts ihnen um einen beeindruckenden Lebenslauf, um akademische Meriten, die Anerkennung in der Branche einbringen. Die Accessibility hat noch nicht diesen Status.

Und daran hat sich nichts geändert. Apple macht einen guten Job, finde ich – das beweist das Video oben. Es führt vor, wie viele Bedienungshilfen in Apples Smartphone drinstecken. Von Google bin ich weniger überzeugt: In Android gibt es nur die nötigsten Funktionen, und die sind, wenn ich so sagen darf, nicht sehr benutzerfreundlich (hier eine Übersicht von Googles Accessibility-Features in allen Produkten). Ob sie wenigstens den Kernzweck erfüllen, müssen Nutzer beurteilen, die wirklich behindert sind. Für ein Feedback dazu in den Kommentaren bin ich sehr dankbar!

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Die Zoomfunktion hilft mit sehr kleinen Elementen weiter.

Aber abseits der Betriebssysteme sieht es duster aus. Webdesign beispielsweise wird in allermeisten Fällen in völliger Unkenntnis des Themas Barrierefreiheit betrieben: Wie oft sehe ich ultradünne Schriften in Hellgrau auf Weiss, oder ähnlich unleserliche Farbkombinationen. Natürlich, da sind viele Amateure am Werk, die es nicht besser wissen. Doch auch bei professionellen Gestaltern wird das Thema oft komplett vernachlässigt.

Darum nehme ich die Gelegenheit wahr, hier in Erinnerung zu rufen, wo man sich informieren kann:

Bei access-for-all.ch zum Beispiel. Oder auch Barrierefreie Webseiten]hier bei ch.ch[/url]. Wenn man ein CMS aufsetzt, dann nimmt man in aller Regel eine pfannenfertige Design-Vorlage (Theme). Da lohnt es sich, vorab zu evaluieren, wie es um die Barrierefreiheit steht. (Und ja, ich weiss, der Accessibility-Checker hier stellt dieser Website auch kein allzu gutes Zeugnis aus.) WordPress führt z.B. eine Accessibility Review durch, sodass man Themes findet, mit denen die Website hinterher optimal zugänglich ist – hier gibt es eine Übersicht.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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