Das Verdienst der Emoji

Was hat eine Schriftdatei auf dem Computer oder Smartphone und der Keilriemen der Vespa gemeinsam? Sie sind beide für den Betrieb des jeweiligen technischen Geräts unverzichtbar. Aber die meisten Leute interessieren sich einen feuchten Hundefurz kein bisschen dafür.

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Macht euch schon mal auf noch viel mehr typografische Farbfeuerwerke gefasst. (Screen: Colorfonts.wtf)

Ich schon. Ich habe zwar kein Flair für, aber ein Interesse an Typografie. Und darum hat sich bei mir neulich ein kleines Glücksgefühl eingestellt, als ich der Website Colorfonts.wtf begegnet bin. (Ganz zu schweigen von der Erkenntnis, dass es eine Top-Level-Domain .wtf gibt. Es sind schon grossartige Zeiten, in denen wir leben!)

Die Website klärt darüber auf, dass es nun auch farbige Schriften gibt. Wie gesagt – die meisten werden das schulterzuckend zur Kenntnis nehmen und vielleicht sogar fragen, inwiefern das eine Neuerung ist. Aber es ist tatsächlich so, dass klassische Schriftdateien (PostScript-Fontformate, TrueType, OpenType) nur Schriften in Schwarz ermöglichen. Oder, um es ganz genau zu formulieren: Die Formate beschreiben auf geometrische Weise die Schriftzeichen. Wie man die dann einfärbt, hängt von den Funktionen des Layout- oder Textverarbeitungsprogramms und dem Geschmack des Gestalters ab. In den besseren Programmen kann man sogar die Kontur und die Fläche unterschiedlich einfäben oder die Schriften mit Muster oder Verläufen ausstatten.

Aus typografischer bzw. gestalterischer Sicht reicht das völlig aus. Es gibt selten den Bedarf für mehrfarbige Schriftzüge. Und wenn, dann kann man sie realisieren, indem man einen Text in InDesign oder Photoshop mit einem Bild kombiniert (siehe z.B. Text mit Bild füllen).

So galt das zumindest, bis die Emojis die Welt heimgesucht beglückt haben. Die gibt es zwar in monochromer Ausprägung, aber so richtig zur Geltung kommen sie nur knallbunt. Denn Smileys sind nun einmal gelb, das schleckt keine Geiss weg. Die Emoji sind zwar im Unicode-Zeichenumfang standardisiert. Doch bislang mussten die Betriebssystemhersteller in Ermangelung eines technischen Standards improvisieren, um die Emoji bereitzustellen.

Darum ist es sinnvoll, dass es nun einen Standard namens OpenType-SVG gibt. Wie man bei der erwähnten Website Colorfonts.wtf nachlesen kann, ist er auf Initiative von Mozilla und Adobe entstanden. Und es scheint mir eine recht klevere Sache zu sein. OpenType, der Standard für Fonts, wird mittels SVG, dem Standard für Vektorgrafiken farbfähig gemacht. Entsprechend sollte die Sache rückwärtskompatibel sein: Programme, die mit bunten Schriften nichts anfangen können, zeigen die einfarbige Variante ein. Und in den anderen gibt es dann die ganze Farbenpracht. Die Schriften können Vektor- und Bitmapinformationen enthalten und nicht nur mit bunten Flächen, sondern auch mit Verläufen und Transparenz ausgestattet werden.

Das eröffnet, nebst noch mehr Emojis, auch einen einfacheren Umgang mit Symbolen, Logos, Piktogrammen und ähnlichen Dingen. Diese mussten bisher, sobald sie mehrfarbig waren, als Bilddateien abgespeichert werden. Doch mit chromatischen Schriften kann man sie alle einfach in einem Symbolfont ausliefern. Das ist elegant und benutzerfreundlich. Trotzdem wird es im Netz dann natürlich auch Auswüchse zu erdulden geben: Leute, die kein Flair für Gestaltung haben, werden jetzt noch mehr Möglichkeiten haben, diesem Umstand Ausdruck zu verleihen.

Mit der Kompatibilität ist es allerdings noch nicht weit her – da müssen wir die kommenden Updates der Betriebssysteme abwarten. Photoshop CC 2017 beherrscht sie aber schon, wie man hier nachlesen kann.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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