Eine Beleidigung für jeden Zeitschriftenleser

Neulich fühlte ich eine Abenteuerlust in mir aufsteigen, bei der mir sofort klar war, dass sie die nur durch eine besonders tollkühne Aktion gestillt werden würde. Ich habe mich also entschlossen, wieder einmal eine Zeitschrift zu kaufen. Und zwar in digitaler Form.

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Schlecht lesbar: Die Standard-Ansicht mit einer Doppelseite.

Das Versuchsobjekt war die aktuelle Ausgabe vom «PC Magazin». Klar, die könnte man auch auf Papier kaufen. Als Schweizer sollte man das jedoch nur tun, wenn man unter akutem Geldüberschuss leidet. Das Heft kostet in Deutschland 5,40 Euro und in der Schweiz 10.60 Franken: Das sind 9,90 Euro, was einem Plus von 83 Prozent entspricht. Da kann ich nur wiederholen: Boykottiert Zeitschriften!

Kauft man das Heft als Epaper auf ikiosk.de, kommt man deutlich günstiger weg: 2,99 Euro bezahlt man, egal aus welchem Land. So weit, so erfreulich. Doch die Begeisterung erlahmt recht schnell. Man erhält für dieses Geld nicht etwa ein PDF – so, wie das bei einem früheren Versuch der Fall gewesen war. Nein, es gibt ein Faksimile, das so unglaublich unbrauchbar ist, dass man sich doch wundert, was für eine Klitsche diesen Schrott wohl verbrochen hat. Vermutung: Das muss ein Teilzeitprogrammierer mit einer Leseschwäche gewesen sein. Schaut man im Impressum nach, erfährt man, dass man es mit Axel Springer SE zu tun hat. Das ist «eines der grössten Verlagshäuser in Europa mit einer Reihe multimedialer Medienmarken».

Äh, aha. Aber was sollte ein Verlag auch vom Lesen am Bildschirm verstehen! Darum hier gerne einige Hinweise, warum dieses digitale Produkt hier eine Beleidigung für jeden Zeitschriftenkonsument ist:

  • Die Übertragung der Seiten als Bilder ist langsam. Bei einem PDF dauert das Laden am Anfang etwas Zeit, doch dann kann man relativ flüssig blättern, weil die Seiten im Hintergrund geladen wurden. Hier wartet man bei jedem Klick auf den Vorwärts-/Zurück-Knopf einige Sekunden.
  • Die Totalansicht der beiden Magazin-Doppelseiten ist fürs Lesen am Bildschirm zu klein. Klickt man auf eine Seite, wird eine 100-Prozent-Ansicht geöffnet. Diese Ansicht ist fürs Lesen am Bildschirm zu gross. Ausserdem gibt es beim Laden dieser 100-Prozent-Ansicht noch einmal eine Verzögerung.
  • Man kann über den Schieber am oberen Rand zwar stufenlos zoomen, muss das aber nach jedem Blättern wieder tun.
  • Die Navigation innerhalb der Seite ist träge und unzuverlässig. Man muss den Bildausschnitt bei gedrückter Maustaste verschieben. Nutzt man ein Trackpad, kommt man fast nicht vom Fleck.
  • Es gibt keinerlei Naviationshilfen, wie zum Beispiel ein automatisches Folgen des Spaltenumbruchs per Klick oder ein automatisches Zoomen auf einen Artikel.
  • Es gibt kein Inhaltsverzeichnis, in dem man per Klick direkt zu einem Artikel springen könnte.
  • Die Übersicht, eine Wäscheleinendarstellung mit Seitenminiaturen, ist ebenfalls langsam. Auf den kleinen Bildchen kann man nur die ganz grossen Titel lesen. Kleinere Überschriften sind nicht lesbar, Bilder meist nicht zu erkennen. Das hilft grad gar nichts.
  • Da man es mit Grafiken zu tun hat, kann man auch keinen Text kopieren oder markieren.
  • … oder per Twitter oder Facebook teilen. Auch nicht mit Link auf die Originalquelle, der andere Leute dazu animieren könnte, die Zeitschrift auch zu kaufen.
  • … und natürlich ist diese Darstellung auch nicht barrierefrei. Im Gegenteil: Ein Blinder oder Sehbehinderter kann mit diesem «Epaper» nichts anfangen. Aber wieso sollten Blinde auch digitale Zeitschriften lesen wollen, wird man sich bei Axel Springer, «einem der grössten Verlagshäuser in Europa» wohl gesagt haben.
  • Natürlich kann man die Zeitschrift in dieser Form auch nicht herunterladen und offline archivieren. Genausowenig ist es möglich, die Zeitschrift aufs iPad zu transferieren, um sie im Zug zu lesen.
  • Es gibt eine Druckfunktion – aber die druckt nicht. Weder am Mac noch unter Windows.
  • Die Suchfunktion kommt noch nicht einmal auf die Idee, einem eine Übersicht der Suchtreffer anzuzeigen. Alles, was man tun kann, ist von einer Fundstelle zur nächsten zu springen.

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Schlecht lesbar: Die 100-Prozent-Ansicht, die man per Klick erhält.

Also, nochmals zum Mitschreiben: Das ist ganz grosser Mist. So hat niemand Lust, selbst den spannendsten Artikel aller Zeiten zu lesen. Und es geht auch anders. Auch wenn ich kein grosser Fan des Tagesanzeiger-Epapers bin, so kann man damit doch wenigstens die Zeitung lesen.

Damit sind wir zur Erkenntnis gelangt, dass man sich eigentlich nicht zu wundern braucht, wenn die Leute keine Zeitschriften mehr lesen. Am Kiosk werden sie beim Preis über den Tisch gezogen. Und am iKiosk erhalten sie ein unlesbares Produkt. Na dann, prost!

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Überhaupt nicht lesbar: Die Wäscheleine mit den Seitenminiaturen.

Update

Inzwischen gibt es die Magazine wieder als PDF. Ob dieser Beitrag etwas dazu beigetragen hat, kann ich nicht sagen, aber wenn man sich die Kommentare ansieht, ist es nicht ganz ausgeschlossen.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Eine Beleidigung für jeden Zeitschriftenleser“

  1. Hallo Herr Schüssler,

    vielen Dank für die ausführliche, vernichtende und konstruktive Rezension. Wir würden uns sehr gern direkt mit Ihren Verbesserungsvorschlägen auseinandersetzen – zugegeben, nicht bei allen Punkten können wir widersprechen, aber bei einigen haben wir zumindest eine Erklärung. Falls Sie Interesse haben melden Sie sich gern bei service@ikiosk.de
    Wir würden uns freuen!

    Viele Grüße,

    Ihr iKiosk Team

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