Bipolare Geschichtsstörung

Ich habe mich mit zwei Alternativweltgeschichten herumgeschlagen. Erstens Underground Airlines von Ben Winters (Amazon Affiliate) und zweitens The Man in the High Castle (Amazon Affiliate) (Das Orakel vom Berge; Amazon Affiliate) von Philip K. Dick.

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Es gibt «The Man in the High Castle» auch als Fernsehserie von Amazon. Zu der habe ich bislang aber noch keine Meinung. (Bild: Amazon)

Im ersten Buch hat der Bürgerkrieg in den USA nie stattgefunden und die Sklaverei nur in Teilen der USA abgeschafft. Vier Staaten halten Sie aufrecht. Im zweiten Buch hat das dritte Reich den zweiten Weltkrieg gewonnen und massiv expandiert. Die Welt ist quasi zweigeteilt. Das japanische Reich die Teile der Welt, die die Nazis nicht unter ihr Joch gebracht haben, also den fernen Osten und ein bisschen von Südamerika. Die USA sind dreigeteilt. Der Osten steht unter deutschem Einfluss, dazwischen gibt es den mittleren Westen, wo nicht gerade viel los ist. Und die Westküste wird von den Japanern beherrscht. Nur Kanada scheint sich so etwas wie Unabhängigkeit bewahrt zu haben. Juden und Schwarze sind weitgehend ausgerottet und die USA sind kulturell unbedeutend; das einzige, was einen gewissen Wert hat, sind amerikanische Antiquitäten aus der Vorkriegszeit. Auch technisch hat die Entwicklung einen anderen Verlauf genommen. Es gibt Flüge zum Mars, aber kein Fernsehen.

Im ersten Buch geht es um Victor, der selbst ein Befreiter, jagt für den United States Marshals Service flüchtige Sklaven. Im zweiten verfolgen wir diverse Protagonisten in ihrem Alltag auf diesem ungemütlichen Planeten. Frank Frink, ein versteckt lebender Jude, der Antiquitäten fälscht und sich selbst eine Existenz als Schmuckfabrikant aufbauen will, aber auffliegt und nur durch das Eingreifen einer anderen Figur entkommt. Das ist Mr. Tagomi, der Handelsminister für das japanische Reich ist und in dieser seltsamen Welt aus (für uns nicht unerfindlichen) Gründen unter Panikattacken leidet. Er wiederum bekommt es mit Baynes zu tun. Das ist ein schwedischer Geschäftsmann, der in Tat und Wahrheit Rudolf Wegener heisst und Mr. Yatabe, den Chef des japanischen Generalstabs vor einem Atomschlag der Nazis warnen soll. Das dritte Reich möchte sich (einleuchtenderweise) auch noch den Rest der Welt einverleiben. Wegener könnte ein Verräter sein. Doch vielleicht führt er lediglich Instruktionen jener Teile der Nazi-Chefetage aus, die keinen Krieg mit Japan führen wollen – die gibt es nämlich auch.

Robert Childan ist ein Amerikaner, der sich in japanisch geprägten Teil der USA mit ungewohnten kulturellen Gepflogenheiten herumschlagen muss. Das macht ihm sehr zu schaffen. Er verkauft nämlich amerikanische Antiquitäten, die allerdings häufig gefälscht sind. Er geifert der Frau eines Ehepaars hinterher, das sich die Wohnung von ihm einrichten lässt, was ihm nur noch mehr das Gefühl von Minderwertigkeit gibt. Erst am Schluss schafft er einen Befreiungsschlag: Er lehnt nämlich das Ansinnen eines japanischen Geschäftsmannes ab, seine zusammen mit Frank Frink handgefertigten Schmuckstücke als billige Amulette massenproduzieren zu lassen.

Eine wichtige Rolle spielt auch Frinks Exfrau Juliana Frink. Sie lebt im Niemandsland von Colorado als Judolehrerin. Sie hat häufig wechselnde Beziehungen und lernt Joe Cindella kennen. Der ist angeblich Italiener und macht sie mit dem Buch «The Grasshopper Lies Heavy» vertraut. Das ist eine Alternativweltgeschichte, in der die Nazis den Krieg verloren haben und sich die Amerikaner zur dominierenden Weltmacht aufschwingen konnten. Das Buch ist in den von Nazideutschland dominierten Teilen der Welt verboten. Und die Nazis planen den Mord am Autor Hawthorne Abendsen (er ist übrigens der Mann, der mal in einem hochgelegenen, gut gesicherten, burgähnlichen Haus gewohnt hat, the man in the high castle). Cindella ist nämlich ein gedungener Mörder, Schweizer obendrein, der sich mit Julianas Hilfe an Abendsen heranmachen will. Das Unterfangen scheitert, weil Cindella Juliana Drogen verpasst, die sie wiederum dazu bringen, ihm die Aorta, pardon, die Arteria carotis durchzutrennen.

Im Vergleich der beiden Bücher kann man schön herausarbeiten, wann Alternativweltgeschichten funktionieren und wann nicht. «Underground Airlines» ist IMHO trotz positiver Besprechungen (hier oder hier) gescheitert. Das liegt daran, dass es sich auf Victors Perspektive beschränkt. Und das ist die Weltsicht eines Mannes, der als Kopfgeldjäger im Untergrund lebt, ein Getriebener ist und keine Zeit hat, sich für die grösseren Zusammenhänge zu interessieren.

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Ein Autor, der sich einen anderen Geschichtsverlauf ausdenkt, muss auch die dazu passende Weltkarte zeichnen können.

Doch genau diese grösseren Zusammenhänge sind das Interessante an Büchern, die einen kontrafaktischen Geschichtsverlauf voraussetzen. Ich will bei solchen Büchern nicht bloss die subjektive Mikro-Ansicht eines einzelnen Mannes erleben – die kann in irgend einem Szenario interessant oder langweilig sein. (Und ich fand Victors Geschichte nun eher langweilig.)

Nein, bei Alternativweltgeschichten will ich die Makroperspektive, den Blickwinkel von oben. Es braucht einen Detailreichtum beim Szenario und Evokation bei den Beschreibungen. Man will als Leser in diese alternative Welt versetzt werden und sich überlegen, wie der eigene Alltag dort ablaufen würde. Dazu muss der Autor uns die gesellschaftliche Mechanik spüren lassen: Wie lebt und fühlt das Volk unter diesen Umständen, was bleibt an Hoffnung, an Ängsten?

Das arbeitet Philip K. Dick in «The Man in the High Castle» sehr schön heraus, bei fast allen Figuren. Bei «Underground Airlines» habe ich mich zur zynischen Notiz hinreissen lassen, dass vier Staaten, die an der Sklaverei festhalten, gar keinen so grossen Unterschied zur tatsächlichen US-amerikanischen Gesellschaft machen. Die ist auch so rassistisch genug. … hm, wo ich das jetzt ausformuliere, kommt mir die Notiz überhaupt nicht mehr zynisch vor.

Fazit: «Underground Airlines» kann man sich getrost schenken, «The Man in the High Castle» ist die Lektüre wert. Besonders gelungen ist der Kniff mit dem Alternativweltbuch «The Grasshopper Lies Heavy» – da wird quasi unsere Realität in der erfundenen Welt gespiegelt. Wobei es eben keine 1:1-Realität ist, sondern das Gedankenkonstrukt eines (ausgedachten) Autors, das sich in markanten Details von der wahren Wirklichkeit unterscheidet: Hitler hat sich nicht umgebracht und Churchill blieb im Amt, bis er alt und tatterig war. Die Sowjetunion erlebte ein schnelles Ende und China wird zum verlässlichen Partner – klar, für Hawthorne Abendsen ist sein Buch eine Utopie, die nicht durch Unschönheiten wie der kalte Krieg geschmälert werden soll.

Im direkten Vergleich mit Fatherland (Mit den Ohren lesen; Amazon Affiliate) hat mich Robert Harris’ Buch noch mehr gepackt als Philip K. Dicks. Das mag daran liegen, dass «Fatherland» im Herzen des nun wahrscheinlich tatsächlich 1000 Jahre andauernden dritten Reichs spielt. Diese bedrückende Grundstimmung ist dem Thema angemessen – und sie fehlt bei «The Man in the High Castle». Da sind die asiatischen Einflüsse (I Ching, Wu) dominanter als die deprimierende, stumpfe Nazi-Ideologie.

Eine hier öfters geäusserte Kritik noch am Hörbuch. Das wird gelesen von Jeff Cummings, der leider überhaupt nicht in der Lage ist, die deutschen Einsprengsel im Buch auch nur ansatzweise glaubwürdig vorzutragen. Dinge wie die komplett falsche Aussprache des Wortes «Löwenzahn», die holperige Rezitation des Erlkönigs oder die unglaubwürige Imitation von deutschen Akzenten versauen unsereins die Freude an dem Buch. Wenn in einem Buch Fremdsprachen vorkommen, dann braucht es in Gottesnamen einen Sprecher, der diese Fremdsprachen einigermassen glaubwürdig rüberbringt. Auch wenn das in dem Fall zugegeben etwas schwierig ist, weil nebst Deutsch auch Japanisch zu beherrschen wären.

Update vom 29.11.2017

Mir ist bei der ursprünglichen Rezension die Anspielung an «Underground Railroad» von Colson Whitehead entgangen (siehe z.B. hier). Wie die beiden Bücher im Vergleich zu beurteilen sind, wäre natürlich höchst interessant…

Autor: Matthias

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