Die Tücken der Ästhetik

Das iPhone 7 hat mich als von Apple zur Verfügung gestelltes Testgerät erreicht. Stellt sich die Frage: Gibt es dazu noch etwas zu sagen, was nicht andernorts bereits gesagt wurde? iPhone-Testberichte gehören nicht gerade zu den raren Textsorten.

Die Antwort ist: Eigentlich nein, aber dieses Blog hier will ja irgendwie gefüllt werden. Darum meine Hauptbeobachtungen:

Das nur sanft überarbeitete Design wurde kritisiert. Ich habe die Jet black-Variante zur Verfügung gestellt bekommen. Das ist die tiefscharze, leicht glänzende und angeblich sehr kratzanfällige Ausprägung des Telefons. Bei mir hat das Telefon bislang noch keinen Kratzer abbekommen, was erstaunlich ist. Ich schaffe es nämlich sonst meistens, spätestens eine halbe Stunde nach dem Auspacken ein Gerät unglücklich fallen zu lassen, sodass es schon nicht mehr neu ausschaut.

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Das Ziel von Jony ist klar: Die perfekte Blackbox.

Jedenfalls ist es schick, dass das Gehäuse jetzt wie ein erratischer schwarzer Block wirkt – wie die sprichwörtliche Blackbox: Ohne Kanten, ohne sichtbare Nähte wie etwa für die Antenne und, bei dunklem Display, ohne erkennbare Anzeigefläche. Ich verstehe Jony Ives Bestreben, ein Gerät zu schaffen, dem man nicht ansieht, dass es aus einzelnen Bestandteilen zusammengebaut wurde. Ein Telefon aus einem Guss ist ein Faszinosum. Es wirkt nicht mehr wie ein technisches Gerät, sondern vielmehr wie eine Art Amulett: Ein magischer Gegenstand, der sich dem Verständnis entzieht. Nicht hier auf der Erde geschaffen (bzw. in China von Billiglohnarbeitern zusammengeschraubt), sondern vom Himmel gefallen. Er geht an, leuchtet, macht wunderbare Dinge, von denen der Nutzer nicht verstehen muss, wie sie passieren – seine Aufgabe ist, davon begeistert zu sein.

Das ist einerseits natürlich ein fragwürdiger, objektvergötternder Anspruch. Andererseits trifft das auch bei mir einen Nerv: Ein Gerät, das einfach alles kann, und mir gehorcht, wie Aladins Wunderlampe – das ist so viel toller als ein schnöder techischer Gegenstand, bei dem man sich um die iCloud-Speicherkapazität, um Updates, um Megapixel und Gigabyte, um Synchronisation und Backups und um meine Passwortverwaltung kümmern muss. Und es erklärt, warum mir das iPhone, allem Apple-Ärger zum Trotz, noch immer besser gefällt als diese nüchternen, von jeglichem Zauber befreiten Android-Klötze.

Das iPhone 7 zeigt auch, dass Ives Vision noch längst nicht vollkommen ist. Noch viele technische Notwendigkeiten stören die reine Silhouette des Objekts: Die Schalter an der Seite, die Schlitze für die Lautsprecher, der Lightning-Anschluss und vor allem der Home-Knopf. Da wundert es nicht, dass Apple über Möglichkeiten nachdenkt, den Home-Button loszuwerden. Die virtuelle Sim-Karte würde jenen Slot eliminieren. Durch eine drahtlose Lademöglichkeit würde man auch Lightning irgendwann mal einsparen können.

Es bleibt die Kameralinse – wenn Jony Ive es schafft, die unsichtbar zu machen, dann darf er sich leichten Gewissens in den Ruhestand verabschieden.

Apples Sinn für Ästhetik hat auch ihre negativen Seiten. Über die Eliminierung der Kopfhörerbuchse wurde viel geweint. Mich trifft sie nicht so hart, weil ich inzwischen drahtlose Kopfhörer verwende (siehe Kabellos kopfhören). Den lächerlichen Klinke-zu-Lightning-Adapter werde ich aber garantiert in weniger als einem Monat verloren haben. (Der Ersatz kostet 9 Euro.)

Allerdings passiert mir zu oft folgendes: Ich greife nach dem Telefon und halte mir die Rückseite vor die Nase, weil die genauso uniform schwarz ist wie die Vorderseite – unterscheidbar nur durch das Apple-Logo hinten und den Ring des Home-Knopfs vorn. Auch fühlt sich die Rückseite nicht anders an als die Vorderseite, sodass man haptisch und ohne hinzusehen nicht sagen kann, wo vorne und hinten ist. Ich nehme an, auf Dauer werden sich die Fingerspitzen daran gewöhnen, unwillkürlich nach dem (spürbaren) Apple-Logo oder den Lautstärke-Knopfen oder dem Ein-/Aus-Taster zu tasten, um auch blind herauszufinden, ob man das Telefon richtig hält. Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass Ives Ideal-iPhone vorne und hinten ein Display braucht, damit man es nicht ständig wenden muss.

Gewöhnt habe ich mich auch an den neuen Home-Knopf, der kein richtiger Knopf mehr ist, sondern kapazitiv funktioniert und mittels Vibration das Gefühl auslöst, man habe tatsächlich einen Knopf gedrückt. Es passiert mir allerdings immer mal wieder, dass ich unerwünschterweise Siri starte, weil mir nicht klar ist, dass ich bereits drücke. Eine Frage des Trainings, denke ich.

Fazit: Hübsch ist es, das iPhone 7. Das allein wäre für mich kein Grund, ein iPhone 6S oder 6 unmittelbar auszuwechseln. Aber wenn man von einem älteren Gerät umsteigt, dann macht das neue Modell schon Spass…

PS: Mit einem Baby ist «Hey Siri», auch ohne Stromversorgung, wirklich praktisch!

Autor: Matthias

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