Eine App, die mein Baby stillt?

Ein Blogbeitrag über Apps für werdende und frischgebackene Eltern. Und über Leserkommentare. Und dieses ewige, ärgerliche Verbödungsargument.


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Im letzten Patentrezept-Video stelle ich (ja, aus betroffenheitsjournalistischen Gründen) Apps für werdende und frischgebackene Eltern vor. Und einmal mehr zeigt sich, dass Service-Artikel ein heikleres Genre sind, als man gemeinhin glauben würde. Einerseits sollte man den Leuten etwas erzählen, was sie noch nicht wissen. Andererseits muss es nah genug an ihrer Lebenswirklichkeit sein, dass sie sich darauf einlassen wollen. Das ist mir im vorliegenden Fall anscheinend nicht so gut gelungen – zumindest, wenn man den Kommentatoren Glauben schenken mag:

Gute Güte!!! Wie habe ich meine beiden Kinder bloss ohne iPhone und Apps gross bekommen (heute 26 und 23). Als mir vor einiger Zeit eine junge Mutter von einer «Still-App» erzählte, habe ich ehrlich gemeint, sie nimmt mich auf den Arm. Verblöden wir langsam oder sind wir es schon?

Man kann sich fragen, ob die Frau das Konzept einer Still-App wirklich verstanden hat oder ob sie denkt, die App sei dazu da, dem Baby die Milch zu verabreichen und die Mutterbrust überflüssig zu machen. Auch ist es natürlich kein Wunder, dass sie ihre Kinder vor mehr als zwanzig Jahren ohne App-Hilfe aufziehen musste: Das Konzept einer Smartphone-App war damals gänzlich unbekannt und nur eine Zeitreisende hätte davon profitieren können.

Ich gebe zu, dass es mir auch nach Jahren der Leserkommentare noch immer schwerfällt, gewisse Kommentare so hinzunehmen, wie man es tun müsste: Mit stoischer Ruhe und als Ausdruck gelebter Meinungsfreiheit. Gerade in dem Fall liegen mir diverse Entgegnungen auf der Zunge:

Dass man etwas früher nicht hatte, ist kein gutes Argument: Es gab im Mittelalter keine Ultraschalluntersuchungen für Mütter und keine Vitamin-K-Behandlung für Neugeborene. Wir nutzen diese Dinge heute, weil sie sinnvoll sind. Die eigentliche Frage lautet also: Sind die Apps sinnvoll oder nicht? Und die Frage muss dann halt doch die Zielgruppe beantworten. Also die Leute, die hier und heute ein Kind grossziehen.

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Links: Richtig angezogen mit Baby Wetter.
Rechts: Richtig unterwegs mit Baby Places.

Und auch in der Zielgruppe wird es unterschiedliche Meinungen geben: Manche Leute finden die Apps nützlich. Andere wenden sich lieber an ihre Eltern. Oder sie greifen zu einem Elternratgeber in Buchform – der in vielen Fällen ganz ähnliche Informationen enthält wie die vorgestellte App BabyCenter, aber wahrscheinlich nicht als «Verblödungsgefahr» eingestuft wird.

Überhaupt, dieses Verblödungsargument: Das lese ich in den Kommentaren oft (z.B. auch hier oder hier). Es ist oft Ausdruck einer Abneigung gegenüber Veränderungen und dem Fortschritt. Wer eine App braucht, um sein Kind aufzuziehen, muss ja etwas hohl im Oberstübchen sein. Denn kluge Menschen schaffen das ganz allein.

An dieser Stelle kann und darf man einwerfen, dass das Leben damals, vor 25, 30 Jahren noch ein bisschen anders ablief. Die Rollen waren bei vielen Eltern anders verteilt: Mama betreut die Kleinen und den Haushalt, Papa schafft die Kohle ran. Böse Zungen würden sagen: Ja, wenn sie sich voll und ganz um die Kinder kümmern kann, dann braucht sie womöglich keine Baby-App. Jetzt bringt es aber dieser schon erwähnte Fortschritt mit sich, dass heute immer mehr Partnerschaften abseits des klassischen Familienbilds gefplegt werden. Bei denen arbeiten beide, und sie teilen sich Haushalt und Kindererziehung.

Eben, und in so einer Konstellation sind App dann doch nicht ganz so dumm. Zum Beispiel Baby Connect. Sie zeigt, wann der Partner den Nachwuchs zum letzten Mal gefüttert und gewickelt hat. So braucht man ihn nicht zu fragen, sondern kann ihn des Nächtens schlafen lassen, wenn man selbst Baby-Nachtdienst hat. Und das fördert nicht die Verblödung, sondern seine Ausgeschlafenheit, wenn er am nächsten Tag wieder zur Arbeit muss. Und das hilft bei der Bewältigung des Alltags.

Autor: Matthias

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