A fucking mystery

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Wo Herr Segel recht hat…

Dieser wunderbare Ausschnitt stammt aus dem Film «Sex Tape» (Wiki, IMDB, Amazon), über den hier allzuviele Worte zu verlieren, vergebene Liebesmühe wäre. Sagen kann man immerhin, dass er nicht ganz so grauenvoll ist, wie man befürchten muss. Die Prämisse, dass ein Ehepaar das über die Jahre flau gewordene Liebesleben mit einem Erwachsenen-Heimvideo aufpeppen will, ist ja soweit plausibel. Gut, man fühlt sich etwas an Zack and Miri Make a Porno (Amazon) erinnert. Aber bei welchem Hollywoodfilm fühlt man sich schon nicht an irgend etwas anderes erinnert? Und begrüssenswert ist auch, dass Jason Segel (Jay) und Cameron Diaz (Annie) die Geschichte locker genug spielen, damit man Spass haben kann. (Wenn man will.)

Wtf?
Die technischen Aspekte handkehrum sind höchst unglaubwürdig. Damit die Geschichte überhaupt aufgeht (Achtung, leichte Spoiler), ist es nötig, dass der Videoclip, bei dem Annie und Jay alle Stellungen von The Joy of Sex (Amazon) durchprobieren, auf diversen iPads landet. Diese iPads sind bei Freunden, Verwandten, dem Postboten und Annies zukünftigem Chef verteilt. Im Verlauf des Films versuchen Annie und Jay die zurückzubekommen, noch bevor der Besitzer sich den Film ansehen konnte.

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Auch der Siri-Witz muss für ein Product Placement (für *$) herhalten.

Denn Filme leben nun einmal von einer echten Handlung. Filme sind eher wenig ergreifend, wenn man jemandem dabei zusieht, wie er versucht, einen Clip von Youtube oder Youporn zu löschen1. Ein Film, bei der Annie und Jay bei Google das Formular zum Recht auf Vergessen ausfüllen, wäre mutmasslich ebenfalls kein Hit an der Kinokasse. Darum eben der Kniff mit den iPads, der nebenbei Tür und Tor für schamloses Product Placement öffnet. Einmal fliegt sogar ein iPad aus dem Fenster, worauf Jay es liebevoll streichelt und festhält, wie robust es doch sei. Da heisst es zwar immer, Apple zahle nichts für solche Produktplatzierungen, sondern stelle lediglich Geräte zur Verfügung. Ich vermag das nicht zu glauben. Denn im Rahmen einer Produktion wie «Sex Tape», die laut Wikipedia ein Budget von 40 Millionen US-Dollar hatte, sind zwei, drei iPads nun wirklich a spit in the ocean. Ich meine, rechnen wir es doch mal durch: Fünf iPads kosten die Filmproduktion höchstens 5000 Dollar – mal abgesehen davon, dass man auch mit drei iPads durchkäme, die man sich von den Crewmitgliedern leihen kann2. Doch wenn man die 5000 Dollar postuliert, kommt man auf 0,000125 Prozent des ganzen Budgets.

Sich diesen mickerigen Anteil von Apple in Form von Gerätespenden sponsoren zu lassen, ist sinnlos. Allein schon deswegen, da Jason Segel ja doch wohl eine kräftige Gagenerhöhung einstreichen wird, weil er den iPad-Werbekasper macht. Mit 5000 Dollar wird er sich dafür nicht abspeisen lassen. Also: Wenn für die iPads in dem Film nicht mindestens eine sechs- bis siebenstellige Summe geflossen ist, fresse ich Jason Segels getragene Unterhose. (Und nein, das ist kein abartiger Fetisch von mir.)

Also, zurück zu der Geschichte: Damit die Story ihren Lauf nehmen kann, landet der Clip also nicht in der Cloud – weil: Nobody understands the cloud. The Cloud is a fucking mystery! Stattdessen wird er über eine Software namens Frankensync auf die ausgeliehenen Geräte synchronisiert. Die Idee dahinter ist, dass Freunde, Verwandte, Bekannte und der Pöstler sich die Playlisten von Jay anhören können, der seines Zeichens DJ bei einem Radiosender ist.

Faktencheck bei Hollywood
Wenn wir nun pingelig sein wollen – und es gibt keinen Grund, nicht pingelig zu sein –, dann ist das aus diversen Gründen interessant.

  • Von wegen fucking mystery. Frankensync nutzt die Cloud für die Synchronisation. Denn wenn Jay erst iPad für iPad an iTunes hätte hätte hängen müssen, wäre das Problem in der geschilderten Form wohl kaum aufgetreten. Mag sein, dass Jay nicht begriffen hat, dass der Sync via Netz oder meinetwegen über eine private Cloud stattfindet. Wahrscheinlicher ist, dass die Filmemacher dem Publikum diese Information vorenthalten wollten, um es nicht zu verwirren. Aber trotzdem: Das ergibt so keinen Sinn.
  • Wenn Frankensync nicht bloss Inhalte pusht – und wieso sollte Frankensync das tun? – könnte man den Clip bei Jays Master-iPad löschen und das Problem wäre gelöst. Der Clip würde daraufhin von allen Geräten entfernt. Eben, wegen des Syncs in Frankensync3.
  • iPads erlauben es eben gerade nicht, unterschiedliche Inhalte wie Playlists, Musik und Videos zu synchronisieren. Man kann zwar Videos durch Apps mit Fotosicherung in die Cloud bringen, aber Playlists müsste man separat, zum Beispiel über Spotify anderen zur Verfügung stellen. Ein App-übergreifendes Datenmanagement ist wegen der Sicherheitsmechanismen bei iOS nicht möglich. Die Apps laufen in Sandboxen und daher sind deren Daten für ein Drittprogramm nicht einfach zugänglich. Diese Limitation lässt sich wahrscheinlich umgehen. Trotzdem ist es eigentlich eine Frechheit, ein Product Placement genau an der Funktion aufzuhängen, die das fragliche Gerät eben nicht bietet.
  • Die Betreiber von Youporn dürften nicht so leicht aufzuspüren sein. (Im Verlauf des Films landet das Video wegen eines bösartigen kleinen Nerds dann doch noch im Internet.
  • Frankensync existiert übrigens, offenbar als Tribut für den Film. Allerdings nur für Android.
  • Jay verteilt seine ganze Musik in der ganzen Verwandtschaft. Das läuft wohl nicht mehr unter einer Privatkopie. Und selbst wenn es das tun würde, wissen wir ja, dass Hollywood diese Privatkopie noch so gerne abgeschafft sähe. Darum entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der sympathische Jay in diesem Film ganz unverfroren die Musik-Piraterie propagiert4.
  • Und überhaupt: Tape? Schon mal eine Videokassette ins iPad eingelegt?

Fazit: Natürlich, Hollywood-Autoren biegen sich die Realität so zurecht, dass sie in ihr Skript passt – eher das, als umgekehrt. Das ist aber keine Entschuldigung. Und es täuscht nicht darüber hinweg, dass noch fahrlässiger mit den Fakten umgegangen wird, sobald es um Technik geht. Denn wen kümmern die paar Nerds im Publikum, die es besser wissen? Die haben vermutlich eh keine Kinokarte gelöst, sondern den Film illegal heruntergeladen. (Ich habe ihn legal bei Netflix geschaut.)

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Der Klugscheisser-Nerd-Junge hat das mit der Synchronisiererei begriffen.
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… aber leider ist er auch – absolut Nerd-untypisch – ein mieser Erpresser. (Der Satz endet mit «… to Youporn»)

Das Publikum will unterhalten, nicht unterrichtet werden
Offensichtlich stört sich das Publikum nicht daran: Es will unterhalten und nicht unterrichtet werden. Das macht es IMHO nicht besser, weil es letztlich von einer Geringschätzung zeugt. Eben: Was kümmern uns schon die paar informierten Nasen?! Man kann Hollywood auch zugute halten, dass es ja nicht nur Tech-Experten im Publikum gibt, sondern Experten für jegliche Fachgebiete. Müsste man sie alle zufriedenstellen, wäre das Korsett für die Drehbuchautoren extrem eng. Die künstlerische Freiheit ist für gute Geschichten unverzichtbar.

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Trotz aller Kritik: Ich habe mich amüsiert.

Was natürlich stimmt. In dem Fall hätte man sich einfach mehr Mühe geben müssen. Statt auf den sinnlosen iPads wäre der Film halt aus Versehen auf eine DVD gerutscht, die zum Versand an Verwandte, Bekannte und den Postboten in einer kleinen Auflage hergestellt worden wäre. Oder er wäre auf einem USB-Stick in die Post gelangt…

… aber diese Geschichte hat, mit einer VHS-Kassette, halt schon Road Trip (Amazon) erzählt5.

Footnotes

  1. Ohne zu viel zu verraten: Das passiert gegen Ende des Films dann doch noch. Allerdings nicht so, wie jeder vernünftige Mensch es getan hätte – nämlich mit einer DMCA-Takedown notice. Eine dumme Hauptfigur macht viele Drehbuchschwächen wett. ^top
  2. Gut, gegen Ende wird auch ein MacBook plattgemacht. ^top
  3. Der creepy Nerdnachwuchs weist auf diese Tatsache hin. ^top
  4. Nebenbei wird auch der Konsum von Kokain verharmlost. ^top
  5. Trotz des ganzen Gemeckers hier habe ich mich hervorragend amüsiert. ^top

Autor: Matthias

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