Ein Tipp für euch Künstler da draussen

Für den Artikel im heutigen Tagi habe ich die iPad-App Astropad gestestet. Sie macht, einfach gesagt, das iPad zu einem Grafiktablett für den Macintosh. So, wie die hier besprochene Duet-App das Tablet in einen externen Mac-Bildschirm verwandelt.

Das klingt nach einer Idee, die theoretisch voll überzeugt, in der Praxis aber nicht funktioniert, weil es an den Details krankt: Weil die Verbindung zwischen Mac und Tablet nicht flüssig läuft, weil die Verzögerung zu gross ist, weil das Einrichten umständlich ist oder irgend etwas ständig abstürzt.

Oder weil man mit Grafiktabletts generell wenig anfangen kann: Ich habe vor Jahren ein herkömmliches Modell am Windows-Computer hängen gehabt. Ich glaube, es war ein Intuos von Wacom. Ich habe das Experiment nach wenigen Wochen aufgegeben. Ich benötigte es zu selten, um gegenüber der Arbeit mit der Maus einen echten Vorteil herauszuholen. Und wenn man es nur sporadisch nutzt, dann geht es einem trotzdem die ganze Zeit im Weg herum.

Vor allem aber hat mich eine typische Eigenheit des Grafiktabletts gestört: Die billigen Modelle haben kein Display. Das heisst: Man zeichnet und malt auf einer bilden Fläche, während man die Bewegungen des Stifts am Bildschirm verfolgt. Da die Flächen für die Stiftarbeit und die Darstellung räumlich auseinanderklaffen, braucht man Übung, um diese Kluft mental zu überbrücken und den Stift dort zu positionieren, wo man ihn gerne hätte. Die Positionierung erfolgt absolut: Das heisst, wenn man den Stift rechts unten auf dem Tablet ansetzt, dann erscheint er auch auf dem Bildschirm rechts unten. Als Mausnutzer ist man sich gewohnt, dass man sein Zeigegerät auch anheben und verschieben kann – was gewissermassen einer relativen Positionierung entspricht. Wikipedia empfiehlt im Beitrag zum Thema denn auch, die Grössen von Bildschirm und Tablet aufeinander abzustimmen, weil bei einer grossen Bildschirmfläche und einem kleinen Tablett die präzise Arbeit schwierig wird.

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Mit dem Stift malt es sich einfacher als mit der Maus.

Trotz dieser Vorbehalte habe ich die 20 Franken aufgeworfen, die der Hersteller für Astropad haben will. Und mich gerne eines Besseren belehren lassen. Astropad hält sein Versprechen und macht das iPad zu einem improvisierten Grafiktablett, das für sporadische Arbeiten genauso gut ist wie ein richtiges. Respektive eigentlich besser: Denn weil das Tablet einen eigenen Bildschirm hat, fallen Anzeige- und Arbeitsfläche zusammen: Man sieht, wo man den Stift ansetzt und kann präzise arbeiten. Der Ausschnitt, den man am iPad von seinem Mac-Bildschirm sieht, lässt sich in der Grösse anpassen und verschieben – man kann Tablet-Grösse und Arbeitsbereich passend für seine Bedürfnisse aufeinander abstimmen.

Und: Die Verbindungsgeschwindigkeit ist so gut, dass die Verzögerung zwar spürbar ist, aber so klein ausfällt, dass sie nicht sonderlich stört – mich jedenfalls nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Geschmackssache ist und jemand, der häufig mit Papier und Bleistift skizziert, auch kleine Latenzen nicht goutieren mag. Aber der hat auch andere Dinge auszusetzen: Dass es minime Differenzen zwischen der Spitze des realen Stifts auf dem Bildschirm und der des virtuellen Zeicheninstruments auf der Zeichenfläche gibt. Dass die Glasoberfläche eine andere Struktur und nicht den gleichen Widerstand hat wie Papier. Dass das gemütliche Schabgeräusch des Bleistifts auf der Zeichenoberfläche fehlt. Und so weiter. Ob einem das Konzept grundsätzlich behagt, kann man jedenfalls gratis ausprobieren. Die Astropad-App fürs iPhone macht das Smartphone zu einem Mini-Grafiktablett. Und sie ist kostenlos.

was mich angeht, komme ich mit digitalen Eigenheiten des Astropads bestens zurecht (am meisten stört mich der Name, der mir zu nah an dümmlicher Esoterik dran ist). Was nun die Anzeige angeht, hat es der App-Hersteller geschafft, sie auf Geschwindigkeit zu trimmen. Astro-HQ nennt sie «liquid», was so viel heisst, dass bei grosser Bewegung die Auflösung herabgesetzt wird. Das Videofenster muss man daher minimieren, weil sonst die Anzeige am iPad zu grobpixelig daherkommt.

Ich habe die App mit Pixelmator gestestet (Bildbearbeitung abseits von Adobe). Es klappt natürlich auch mit Adobe Photoshop, Illustrator oder sogar Onenote von Microsoft. Besondere Voraussetzungen braucht das Programm nicht zu erfüllen, um per Astropad benutzt zu werden. Auf dem iPad kann man mit dem Finger arbeiten – aber dann gibt es auch grobe Striche auf der Zeichenfläche. Um einen Stift kommt man daher nicht herum. Welche Stifte Astro-HQ empfiehlt, sieht man hier.

Bleibt noch die Installation. Auch die ist unkompliziert. Nebst der iPad-App braucht es auf dem Mac ein Software-Gegenstück: Ein Hilfsprogramm, das seinerseits gratis zu haben ist. Dann Verbindet man Mac und Tablet per USB-Kabel – WLAN ginge ebenfalls, scheint mir bezüglich Geschwindigkeit aber weniger erfolgversprechend – und legt los.

Fazit: Eine tolle App, die für Gelegenheits-Zeichner ein separates Grafiktablett überflüssig macht. Einziger Nachteil, so weit ich das als künstlerisch wenig beleckter Tester sagen kann, ist die fehlende Drucksensitivität des Tabletts – Wacom-Tablets unterscheiden viele Druckstufen; 2048 sind es bei den Intuos-Modellen. Leider gibt es Astropad bislang nur für das Gespann Mac-iPad, nicht aber für Windows und Android.

Autor: Matthias

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