Breaking News in Sachen Internetporn

«Don Jon» (IMDB, Wikipedia, Amazon Affiliate) ist ein Film aus dem Jahr 2013, der sich mit der Internetpornografie beschäftigt.

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Sie erklärt ihm, wie der Hase hoppelt.

Pornografie gehört zum Internet wie ein Popel unter eine Kindernase. Das rechtfertigt einen Film zum Thema, und Leute wie ich, die sich beruflich mit dem Internet beschäftigen, haben entsprechend eine professionelle Verpflichtung zur Rezeption des Films. Als pflichtbewusster Mensch habe ich mich also hingesetzt und in der Hoffnung auf neue, interessante Erkenntnisse Netflix angeworfen.

Und auch wenn es mir etwas widerstrebt, hier schon gleich am Anfang – als Antiklimax und Lustkiller quasi – die Katze aus dem Sack zu lassen, so gebietet es mir mein professioneller Impetus, nicht weiter um den heissen Brei herumzureden:

Diese Erwartung wurde nicht erfüllt, die Erkenntnisse blieben aus.

«Don Jon» ist zwar ein durchaus unterhaltsamer Film und gut gespielt. Joseph Gordon-Levitt als Jon «Don Jon» Martello Jr. ist eine in ihrer prolligen Weltsicht und ihren einfallslosen Macho-Ritualen gefangene Hauptfigur, über die man sich mit inbrünstiger Lust aufregt: Was für ein Trottel! Welcher Neandertaler! Dazu muss man noch nicht einmal eine emanzipierte Frau sein. Schon ein aufgeklärter Mann mit normalen Umgangsformen empfindet die Testosteron-Ausdünstungen des Protagonisten als Zumutung. Man ist noch nicht einmal eifersüchtig, dass Don Jons plumpe Anbaggermaschen verfangen und er an den meisten Wochenenden irgend eine Discoschönheit abschleppt und nach dem immergleichen Muster zuerst auf dem Tanzboden dryhumpt, um dann in seiner Wohnung den Horizontalmambo durchzugeben.

Denn Don Jon empfindet nicht wirklich Lust dabei. So richtig auf seine Kosten kommt er nur mit den Clips aus dem Web. Aus diesem Grund ist der Startup Chime seines Macs auch stimulierender als jede Frauenbekanntschaft. Denn Porn am Bildschirm verspricht mehr, als der Sex im richtigen Leben je halten könnte.

Das ist dann natürlich ein Problem für Don Jon. Als er die tussihafte und furchtbar gestelzte Barbara (Scarlett Johansson) kennenlernt, besteht die darauf, nicht belogen zu werden. Und sie hat obendrein die Angewohnheit, Jons Browserverlauf anzuschauen.

Es kommt, wie es kommen muss. Wegen Jons internetpornobedingter Beziehungsunfähigkeit geht seine Verlobung mit Barbara in die Brüche und er muss sich erst von Esther – einer älteren Frau, die er an seiner Abendschule kennengelernt hat – erklären lassen, dass eine richtige Beziehung im Gegensatz zum Internetporno etwas Gegenseitiges ist, wo man sich aufeinander einlässt und nicht bloss gegenseitige Masturbation betreibt.

Was letztlich eine etwas moralinsaure und reichlich banale Erkenntnis ist. Aber vielleicht bin ich auch schon zu alt, um zu erkennen, dass das für die Generation Y und Z Breaking News darstellt. Trotzdem gut gemacht und einigermassen differenziert gespielt – denn das Drehbuch und Joseph Gordon-Levitt schaffen es immer wieder, der Hauptfigur auch überraschende Facetten abzugewinnen: So zielstrebig, wie Jon seine Abendschule verfolgt, weiss man, dass er zu mehr fähig ist als zu dumpfem Machotum, und nachdem man seinen Vater (Tony Danza) kennengelernt hat, kann man ihm seine breitspurige Art auch nicht mehr so richtig zu Vorwurf machen. Und PS: Die Szene im Beichtstuhl ist köstlich.

Darum: Ansehen, wenn nichts Besseres in der Netflix-Warteschlange hängt. Und vielleicht gelingt es den Bildungsbürgern, die im Gegensatz zu mir das Don Juan-Motiv gut kennen, der Geschichte noch die eine oder andere klassische Referenz abzugewinnen. Denn obwohl auch das nicht verkehrt gewesen wäre, ist Don Jon keine Anspielung auf Don Johnson (wie ich vermutet hatte), sondern eben an Frauenheld aller Frauenhelden

(Wie immer Merci an Peter fürs Lektorat.)

Autor: Matthias

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