Ich pfeife auf Immersion

Aus beruflichen Gründen (nämlich zur Herstellung des Artikels Ultrahochauflösende Inhalte sind ultrarar) habe ich mich mit 4K bzw. UHD beschäftigt. Das ist der Nachfolger des hochauflösenden Fernsehens, der die vierfache Pixeldichte bietet: Satte 3840 × 2160 Pixel, oder in Zukunft sogar noch mehr. Ausserdem sind schnellere Bildwiederholraten und höherer Kontrast möglich. Stichwort dazu ist HDR-Fernsehen.

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Ist bei dieser Wüstenschönheit in Full-HD nicht scharf genug? (Bild: Trailer)

Erstens fällt auf, dass ein Begriffswirrwarr herrscht: 4K, UHD oder auch Ultra-HD. Ist es wirklich zuviel verlangt, dass sich die Branche auf eine eindeutige Nomenklatur einigt? Gut, darauf kann ich mir die Antwort gleich selbst geben: Ja, es ist zu viel verlangt. Wir müssen froh sein, wenn es keinen neuen Formatstreit gibt.

Zweitens stellt sich die Frage: Braucht es das neue Format wirklich, oder ist es reine Zwängerei der Hersteller, nun nach der erfolgreichen Umstellung auf HD und dem 3D-Debakel nun schon die nächste audiovisuelle Eskalationsstufe in den Markt drücken zu wollen? Klar, jeder versteht, dass die Marketingabteilungen ständig nach neuen Schlagworten gieren, mit denen man Produktiterationen anpreisen und Nutzungszyklen seitens der Käufer verkürzen kann. Denn wo kämen wir hin, wenn die Leute ihren Kram auf Fernsehern schauen würden, die fünf Jahre oder noch älter sind. (Randbemerkung: Mein Fernseher ist 7½ Jahre alt.)

Aber das heisst ja nicht, dass die Konsumenten auch mitspielen müssen. Die SRG jedenfalls fühlt sich offenbar nicht bemüssigt, beim SRF den Sprung auf UHD so bald durchzuziehen, und auch die Filmfans scheinen nur wenig angetan, auf die Ultra HD Blu-ray umzusteigen – das war das Resultat meiner Tagi-Recherche.

Eigentlich einleuchtend: Es braucht einige Investitionen, um 4K-Inhalte auf den Bildschirm zu bringen. Für einen Mehrwert, der auf dem Papier zwar enorm klingt – 8,3 Millionen statt 2,07 Millionen Pixel! –, der in der Praxis dann aber doch nur unter idealen Umständen zum Tragen kommt. 4K ist enorm beeindruckend. Wenn man 40 Zentimeter vom Bildschirm entfernt steht. Dann ist es wie Kino, wo man seinen Blick über die Leinwand wandern lassen kann. Oder wie die Wirklichkeit, in der man seine Aufmerksamkeit auf ein Detail seiner Wahl heftet.

Nun entspricht dieses Showroom-Setting aber nicht der Situation im eigenen Wohnzimmer. Dort will man sich nicht derartig dicht vors Fernseh-Panel setzen. Und man möchte mutmasslich auch kein 3,5-Meter-Monster-Display aufbauen, das dann die gute Stube noch stärker dominiert, als es der Fernseher eh schon tut. Das heisst: Die zusätzliche Auflösung verpufft. Besonders in meinem Fall, wo der Flaschenhals meine kurzsichtigen Augen sind.

Kommt etwas zweites dazu: Immersion, das heisst Eintauchen in die Welt der audiovisuellen Unterhaltung, ist gar nicht immer gefragt. Ich zum Beispiel möchte nach einem fordernden Arbeitstag nicht unbedingt mit Haut und Haar in fiktionale Welt hineingezogen werden – das ist nämlich anstrengend, weil man sich mit der Bilderflut und der Soundlawine auseinandersetzen muss. Das Schöne am nicht-immersiven Fernsehen ist, dass es einem unbenommen bleibt, mit seinem iPad zu spielen, die Gedanken wandern zu lassen, wegzudösen oder einzupennen. Aus diesem Grund habe ich beispielsweise auch kein hochgezüchtetes Soundsystem: Der Brutalbass, der bei Actionszenen oder emotionalisierenden Soundtracks gern eingesetzt wird, hat mitunter nämlich etwas Übergriffiges.

Mit anderen Worten: Immersion ist toll, wenn man Lust auf sie hat – und sich beispielsweise explizit für einen Kinobesuch entscheidet. Ich bin darum nicht sicher, wieweit ich Lust auf HDR habe. Das ist der höhere Kontrast, bei dem helle Dinge wie die Sonne, Scheinwerfer oder Lichtreflexionen stärker strahlen – ein bisschen mehr so, wie sie das in Wirklichkeit tun. Aber will ich am Abend wirklich von meiner Glotze angestrahlt und geblendet werden. Ich glaube nicht. Das stört wiederum beim Dösen – und sich bei moderatem Flackern nicht gross vom Programm behelligen zu lassen, ist eines der schönsten Fernseherlebnisse überhaupt.

Autor: Matthias

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