Strichen am iPad Leben einhauchen

Eine neue Rubrik ist geboren: «Wenn ich einmal Zeit habe», heisst sie. Sie enthält Beiträge, wie den hier zu der App Animation Desk (kostenlos im iTunes Store, bzw. für 5 Franken als Premium-Version).

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So sieht es aus, wenn einer die Sache versteht: Alberto Ramirez mit Faje pianista.

Wie im Tagi-Beitrag So werden Fotos lebendig angedeutet, ist diese App dazu da, selbstgezeichnete Animationsfilme zu erschaffen. Im Kern ist Animation Desk eine Zeichen-App: Mit virtuellem Pinsel, Pleistift, Wachskreide oder Tusche geht man ans Werk und zeichnet und malt, was die Fantasie so hergibt. Sollte es mit der Fantasie nicht so weit her sein, lädt man ein Foto in die Zeichenfläche, um das abzupausen oder als Inspirationshilfe zu nehmen.

Da es nun darum geht, seine Zeichnungen zu animieren, fügt man über die Schaltfläche am rechten Rand der Animationsleiste Frames – Einzelbilder eines Films – hinzu. Nun zeichnet man das gleiche Motiv noch einmal, mit einer kleinen Veränderung bei der Haltung der Figuren oder der Anordnung im szenischen Setting. Denn so entstehen Animationsfilme: Indem aus Einzelposen nach und nach flüssige Bewegungen werden. Die Zeichentrickkünstler haben nichts anderes gemacht, seit Émile Reynaud, J. Stuart Blackton und Winsor McCay die Technik entwickelt und perfektioniert haben und sie mit Walt Disney weltweit populär wurde.

Man darf es wagen
Im Zeitalter des iPads wird das trotzdem so komfortabel, dass man sich auch als Laie an die Sache heranwagen kann. Die App unterstützt einen nämlich nach Kräften. Man braucht nicht mit Pauspaier zu hantieren, denn über den mit einer Glühbirne markierten Kippschalter links schaltet man das Onion-Skinning ein und aus. Es zeigt die umgebenden Frames leicht durchscheinend, sodass man die Bewegungsabläufe präzise weiterführen und zügig arbeiten kann. (Man kann in den Einstellungen die zwei vorherigen Frames, das direkt vorher und direkt nachher gelegene oder die zwei nächsten Frames anzeigen lassen.) Über das Drehrad wechselt man sehr schnell zwischen Frames und kann so zum Beispiel auch einzelne Elemente der Szene nacheinander im Bewegungsablauf zeichnen, statt sich Frame für Frame vorzuarbeiten.

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Und so sieht es aus, wenn ich die Animation Desk benutze.

Die App stellt einem drei Zeichenflächen für die räumliche Staffelung zur Verfügung. Im Vordergrund finden sich in aller Regel die zu animierenden Figuren und Objekte. Im Mittelfeld gibt es Elemente, meist statisch sind, die man bei Bedarf aber animieren kann. Im Hintergrund findet sich eine meist unveränderliche, statische Szene, die man aus den Fotos laden oder auch aus einer einfarbigen Fläche befüllen kann. Es gibt auch vorgefertigte dynamische Hintergründe, die man selbst erstellen oder über den Store erwerben kann. Während des Arbeitsprozesses kann man vordergrund, Mittelfeld und Hintergrund einzeln ein- und ausblenden, sodass man sich beim Zeichnen nur auf die «Action» und den Bewegungsablauf der Figuren konzentrieren kann.

Man kann es sich auch ganz einfach machen und, um den Prozess zu beschleunigen, auch Einzelframes kopieren lassen. Dann braucht man sie nicht von Grund auf neu zu zeichnen, sondern kann nur die veränderten Haltungen und Posen nachtragen. Diese Methode birgt allerdings die Gefahr, dass Bewegungsabläufe steril und das Resultat weniger organisch wirkt, als wenn die Figuren jeweils aus einem Guss gezeichnet sind.

Durch die Animationsleiste spielt man die Szene jederzeit ab und sieht so, ob die Bewegungsabläufe flüssig wirken.

Die App unterstützt einige Gesten, zum Beispiel, um den Vollbildmodus zu aktivieren, um Frames zu tauschen oder die Pinselgrössen zu ändern. Und es gibt eine Handballenauflage: Dort, wo man die eingeblendet hat, kann man seine Hand abstützen, ohne dass man so versehentlich seine Zeichnung verunstaltet.

Komfortabler als seinerzeit bei Disney
Soweit ich das als blutiger Laie in Sachen Animationskunst beurteilen kann, macht die App einen recht umfangreichen Eindruck: Es gibt einen Frame-Manager (Deutsch Rahmenverwaltung genannt), in dem man die gezeichneten Frames in der Übersicht sieht und in der Reihenfolge verändern, zwischenparken und austauschen kann. Der Toneditor erlaubt es, Musik und Aufnahmen einzufügen. Und über Projekt teilt man seinen Film in einzelne Szenen auf, die man separat bearbeitet. Schliesslich gibt es ein Videotutorial, das einen in die die Malfunktionen, den Umgang mit Frames und die Soundbearbeitung erklärt.

Ist man fertig, kann man sein Projekt aus der App heraus als Einzelfotos, Sequence-PDF, Arizone und AD-Paket exportieren. Ich bin nun nicht so weit gekommen, als dass ich bereits etwas Vorzeigbares produziert hätte – darum kann ich auch nicht sagen, welches der beste Weg darstellt. Ich nehme an, dass man den fertigen Film sinnvollerweise über die Cloud-Anbindung der App ausspielt. Animation Desk ist an die Kdan Cloud angebunden, über die man seine Projekte über mehrere Geräte synct, Daten mit anderen austauscht oder via anizone.kdanmobile.com/videosbe zur Schau stellt. Man erhält dort mit einem Gratis-Account 500 MB Speicherplatz. Beim Bezahl-Account (16 US-Dollar im Jahr) erhält man 500 GB und einige Extra-Features, beispielsweise die Konvertierung der Zeichentrickfilme in Formate wie ProRes (für die Weiterverarbeitung in Final Cut von Apple), MP4 oder Flash-Video (flv).

Klar: Animation ist eine aufwändige Sache. Man muss selbst für kurze Sequenzen, harte Arbeit leisten: Man kann seine Filme mit 3, 6, 12 und 24 Frames pro Sekunde animieren – bei 3 fps wird es allerdings sehr abgehakt, sodass man mindestens 6 oder 12 Bilder pro Sekunde produzieren sollte. Entsprechend benötigt ein Clip von nur zehn Sekunden mindestens 60 bzw. 120 Zeichnungen. Das schüttelt man nicht aus dem Ärmel. Andererseits: selbst banale Strichmännchen haben ihren Charme, wenn sie plötzlich zum Leben erwachen. Darum: wagt euch an Animation Desk, wenn ihr einmal Zeit habt!

Autor: Matthias

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