Die Liebe ist ein Videospiel

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Sieht so ein glückliches Paar aus?

Zwei weitere Nerdflicks, meine Lieben! Einer, dem man gute Absichten unterstellen darf, der aber trotzdem als gescheitert betrachtet werden muss. Und ein zweiter, der mein Nerd-Herz erwärmte und meinen Geist amüsierte…

Flop: Gefangen in Youtube
Die Idee ist amüsant: Wie wäre es, in Youtube gefangen zu sein und mit den Videos zu interagieren – und zwar auch mit denen, die man selbst aufgenommen und hochgeladen hat? Das ist der Plot bei Smosh: The Movie (Amazon-Affiliate-Link).

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Genauso haben wir uns den Youtube-Hauptsitz immer vorgestellt.

Die Ausgangslage: Anthony steht auf Anna. In der Highschool hat er die Sache vermasselt, doch glücklicherweise ergibt sich fünf Jahre später anlässlich des Ehemaligentreffens eine zweite Chance. Wäre da bloss nicht dieses Youtube-Video, in dem sich Anthony völlig zum Affen macht. Mit seinem Kumpel Ian, der noch ein grösserer Loser ist als Anthony, macht er sich auf zu Youtube, um das Video löschen zu lassen. Doch der Chef des Ladens, Steve YouTube (der heisst tatsächlich so), zeigt sich wenig kooperativ. Er hilft den beiden insofern, als er ihnen zeigt, wie sie sich in die Welt der Youtube-Videos hineinbeamen, dort von Clip zu Clip hüpfen und diese natürlich auch verändern: Es tut sich via Youtube eine Art Paralleluniversum auf.

Es gibt, wie es sich für eine solche Geschichte gehört, ganz viele platte Witze. Die kann man zumindest teilweise als Parodie auf die vielen schlechten Youtube-Clips nehmen – siehe Butt Massage Girl. Trotzdem ist dieser Film nur hartgesottenen Trash-Liebhabern bis am Ende zuzumuten: Das liegt vor allem an der abgrundschlechten schauspielerischen Leistung. Anthony Padilla und Ian Hecox wären bei einem Schwank im Dorftheater eine halbwegs akzeptable Besetzung, doch einen Spielfilm tragen sie nicht. Bitte nicht!

Top: Fulminante Mischung aus Videospiel, Comic und Teenager-Liebesdramakomödie
Die Geschichte von Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (Amazon-Affiliate-Link) geht laut Wikipedia auf eine Comicserie zurück. Das merkt man dem Film schon allein deswegen an, weil klingelnde Telefone, Faustschläge oder niedergehende Drumsticks onomatopoetische Wortfetzen auf die Leinwand (Pardon, iPad-Bildschirm) den werfen. Die Geschichte ist auch ein Videospiel, in dem die Hauptfigur, der von Michael Cera gespielte Scott Pilgrim, seine Nebenbuhler in Martial-Arts-Duellen ausschalten muss. Er gewinnt dabei, als Vermischung von Arcade-Welt und Realität, Erfahrungspunkte, Jackpot-Münzen und (nicht ganz unwichtig) ein Extraleben.

Zur Hauptsache ist der Film aber eine Geschichte über die Liebesquerelen im Teenie-Alter. Wer sich (wie ich) noch an diese strapaziöse Zeit erinnern mag, der wird sich in diesem Film wiedererkennen – natürlich nicht deswegen, weil das damals so abgelaufen wäre, wie hier dargestellt. Aber weil uns noch zu gut im Gedächtnis verblieben ist, wie gerne wir uns in Momenten des Liebeskummers ein Schwert aus der Brust gezogen und damit auf Rivalen oder die ganze Welt eingedroschen hätten…

Kurz zur Geschichte, ohne allzu viel zu spoilern: Scott Pilgrim ist im Comic zwar 23 Jahre alt und im Film 22. Erwachsen ist er jedoch noch lange nicht – und darum habe ich mir erlaubt, das eine «Teenager-Liebesdramakomödie» zu nennen. Er lebt in Toronto mit einem schwulen Zimmergenossen in einer ziemlich heruntergekommenen Junggesellenbude. Er spielt Bass in der Band Sex Bob-omb, was Anlass für einige gelungene Konzertsequenzen und ein Bandduell gibt. Und er geht mit der viel jüngeren Highschool-Schülerin (gibt es dafür nicht ein besseres Wort?) Knives Chau aus. Mit der teilt er die Leidenschaft für Martial-Art-Videospiele und er lässt sich von ihr auch gerne anhimmeln.

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Ein Schwert, aus der Brust gezogenI

Als er dann der faszinierenden Ramona Flowers, gespielt von der bezaubernden Mary Elizabeth Winstead begegnet, ist es aus mit Scotts Interesse für die unschuldige Liebelei mit Knives. Trotz ungünstiger Vorzeichen bandelt er mit ihr an und bekommt es prompt mit einem ihrer Exfreunde zu tun, der in einem videospielwürdigen Kampf zu besiegen ist. Es zeigt sich nun, dass Ramona deutlich mehr Leichen im Keller, bzw. Kerben in der Bettstatt hat, als erwartet: Er muss sich mit weiteren ExpartnerInnen anlegen. Es gibt in der Dating-Historie von Ramona einen erfolgreich filmschauspielernden Skater, einen besessenen Veganer, zwei (an Kraftwerk erinnernde japanische Elektronik-Musik-Zwillinge und einen faschistoiden Musikproduzenten. Eben – die Sache mit der Liebe ist nicht ganz so einfach wie ein Videospiel oder ein Bandcontest. Denn Scott selbst hat sich nicht unbedingt astrein verhalten, aber es deswegen mit der League of Ramona’s Evil Exes zu tun zu bekommen, ist trotz allem ein bisschen derb.

Mir hat der Film gefallen: Die vielen schrillen Versatzstücke greifen nahtlos ineinander und machen dieses Patchwerk aus Videospielmotiven, Comicelementen, Musikfilm und Filmdrama zu einer kaleidoskophaften Popcorn-Unterhaltung, die auch ein bisschen ans Herz geht. Letzteres ist den drei Hauptcharaktere zu verdanken, die diese Comicgeschichte so ernsthaft zum Leben erwecken, als ob es sich um ein Drama mit Oscar-Ambitionen handeln würde. Die Produktion und die Spezialeffekte überzeugen und auch die Musik kann sich hören lassen. Bitte mehr davon!

Autor: Matthias

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