Lisbeth ist wieder da!

August Mit einigem medialen Trara ist Ende August die Rückkehr von Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist beleitet worden. Die Millennium-Trilogie hat sich um das Buch Verschwörung (Englisch: The Girl in the Spider’s Web) zur Tetralogie ausgeweitet.

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Bin ich übrigens der einzige, der bei Saga Norén aus Die Brücke denkt, Schauspielerin Sofia Helin gäbe eine gute Lisbeth ab? Und auch Kim Bodnia alias Martin Rohde kann ich mir mindestens so gut als Blomkvist vorstellen wie Daniel Craig.

Geschrieben hat das Buch David Lagercrantz, der nun in die grossen Fussstapfen von Stieg Larsson tritt, der 2004 noch vor der Veröffentlichung des ersten Millennium-Romans an einem Herzinfarkt (?) gestorben ist.

Da ich die ersten drei Bände sehr gern gelesen habe und sie mit einer Hackerin als Heldin auch bestens in diese Rubrik hineinpassen, habe ich mich auf die neue Folge gestürzt. Sie wird, inhaltlich, dem Anspruch an ein Nerdbuch mehr als gerecht: Lisbeths Gegenspieler sind korrupte Männer von der NSA. Sie hat es mit hochkomplexer Kryptografie, künstlicher Intelligenz und Quantum-Computing zu tun. Ray Kurzweils Singularität hat einen Auftritt im Buch und es wird mit dem Blackphone und per Threema kommuniziert. Das gibt 96 Nerd-Punkte. Ein kleiner Abzug ist dem Umstand geschuldet, dass einige dieser Themen des technologischen Umfelds wegen nur angerissen werden und für die Handlung dann doch nebensächlich sind. Aber das ist in einem Roman, der die breite Masse ansprechen soll, nicht anders zu erwarten. Persönlich bedauere ich das natürlich, aber ich würde es dem Buch nicth zu Vorwurf machen.

Das Buch habe ich mit Vergnügen gelesen. Man merkt, dass Lagercrantz seine Hausaufgaben gemacht hat: Er hat sich tief in Larssons Welt versenkt und lässt nun nicht nur die allermeisten wichtigen Figuren aus den früheren Büchern aufmarschieren (Erika Berger, Holger Palmgren, Jan Bublanski, Dragan Armansky und einige mehr), sondern greift auch seine Lieblingsthemen wie den Medienwandel auf, den er überzeugend weiterspinnt. Naja, da Lagercrantz selbst Journalist ist, wäre es auch als Versagen zu werten, wenn er just diesen Aspekt ausgeklammert hätte.

Ich habe mich gefragt, ob mir ein Unterschied aufgefallen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ein neuer Autor am Werk ist. Vielleicht – vielleicht auch nicht. Ich denke, in irgend einem Universum könnte Stieg Larsson «Verschwörung» geschrieben haben. Auch wenn er dort nicht auf der Höhe seiner Schaffenskraft gewesen wäre. Die Geschichte und die Figuren sind im Vergleich blass. Salander wirkt ein bisschen zu lieb und zu wenig verrückt und Mikael Blomkvist etwas zu wenig besessen. Und die Gewalt ist nicht so brutal. Während das erste Buch aus der Millennium-Trilogie (Verblendung/The Girl With the Dragon Tattoo) einen als Leser mit einer unerträglichen Vergewaltigungsszene quälte, bleibt «Verschwörung» immer im Wohlfühlbereich. Es gibt bei David Lagercrantz die Folterung des jungen «Millennium»-Journalisten Andrei Zander. Der Autor blendet diese Szene frühzeitig aus und reflektiert sie im arg pathetischen Nachruf, der später von Erika Berger geschrieben wird.

Die Meinungen zu «Verschwörung» sind geteilt. Klar, das war auch nicht anders zu erwarten. Manche sind der grundsätzlichen Ansicht, dass es ein Sakrileg darstellt, wenn ein neuer Autor die Saga weiterspinnt. Das sehe ich nicht so. Es ist erlaubt, dass Figuren ihren Schöpfer überleben. Darum sollte sich Kritik am Buch und am Autor entladen. Ich jedenfalls hoffe, dass Lagercrantz dabei bleibt. Camilla Salander, die Schwester von Lisbeth, als Antipode aufzubauen, war eine klevere Idee. Die vielleicht auch Larsson schon hatte, auch wenn man das bei seinen Büchern nicht unbedingt merkt. Der Schwesternzwist verspricht einen spannenden fünften Band. Nicht nur das: Auch August Balder, der Sohn des später getöteten Experten für künstliche Intelligenz, Frans Balder, ist eine Investition in die Zukunft. Es liegt auf der Hand, dass er nebst Lisbeth und Mikael zum Dritten im Bund werden und mit ihnen die Schwedischen Avengers formieren könnte: Die Anspielung an Marvel ist im Buch schliesslich auch vorhanden.

Wenn es Lagercrantz schafft, sich aus Larssons Schatten zu befreien, den (IMHO zu grossen) Respekt gegenüber den Figuren hinter sich zu lassen und ihnen seinen eigenen Spin zu geben, dann werden auch die (vernünftigen) Puristen unter den Lesern ein Einsehen haben. Meinen Kredit hat er jedenfalls.

Autor: Matthias

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