Mehr Mut zur Nacktheit

Kevin und ich haben in der letzten Kummerbox-Live-Sendung der Prüderie den Kampf angesagt. Auslöser war Blogger. Googles Blog-Plattform verbietet sexuelle Inhalte; spiegel.de und viele andere haben berichtet. Künstlerische Nacktheit ist irgendwie noch okay, aber wo Kunst anfängt und das Leben aufhört (oder umgekehrt), liegt im Auge des Betrachters. Oder bei den Geschmacksknospen des Konsumenten.

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Macht mehr Nacktfotos! (Original: Detlef Herting/fotocommunity.de)

Nicht nur das: Tumblr hat mit einem eigenen Sexverbot nachgezogen. Skype verbietet das Versenden von Nacktbildern. Und Snapchat will die Kinder vom Sexting abhalten. Da ist ungefähr gleich intelligent, wie wenn Autohersteller ihre Produkte künftig als Zierde für die Hauseinfahrt anpreisen würden, weil der Strassenverkehr ja so gefährlich ist.

Erotik bitte nur verbal
Nun will ich die Probleme mit dem Sexting unter Jugendlichen nicht kleinreden. (Christof hat diese in der Sendung Die digitale Kinderstube klar dargelegt). Andererseits muss einem diese Doppelmoral doch unbändig auf den Hodensack gehen: Da dürfen Sitcoms im Vorabendprogramm bis zum Abwinken mit sexuellen Innuendos um sich werfen – siehe zum Beispiel 2 Broke Girls –, doch wehe, es ist tatsächlich einmal ein Nippel zu sehen!


Sexwitze am laufenden Band…

Ich frage mal naiv: Sind Kinder tatsächlich so traumatisiert, wenn sie in dem Umfeld, dass die Amis so gern als «familienfreundlich» bezeichnen, ab und zu einen nackten Mann oder eine unbekleidete Frau sehen bekämen? Ich habe keinen Nachwuchs und nicht Kinderpsychologie studiert, daher ist die einzige Expertise auf dem Gebiet meine eigene Jugend. Ich erinnere mich daran, dass ich einen meiner Onkel einmal bei der Lektüre eines expliziten Comics angetroffen habe. Als schätzungsweise Zwölfjähriger war ich angesichts der riesigen geäderten Phalli schon reichlich irritiert.

Haarige Achseln im Zürcher Weinland
Aber weil besagter Onkel cool reagiert und mir sein Interesse an dem ungewöhnlichen Stoff auf einleuchtende Weise erklärt hatte, war für mich die Sache erledigt. Es war auf alle Fälle eine bessere Erfahrung, als wenn einer meiner Schulkollegen unter den Unterhosen seines Vaters im Kleiderschrank mal wieder ein Schmuddelheft gefunden hatte, das unbedingt auf dem Pausenhof herumgezeigt werden musste. Klar, angesichts der Handypornos von heute waren die Nackedeis der späten 70er mit ihren haarigen Achseln auf der harmlosen Seite anzusiedeln. Aber zu bedenken wäre auch, dass die sexuelle Revolution es dazumals noch nicht bis ins Zürcher Weinland geschafft hatte. Ich neige ja zur Vermutung, dass die bis heute noch nicht dort angekommen ist.

Was es aber schon damals im Zürcher Weinland gab, waren Baby-Nacktfotos. Ich habe die Ehre, an der WC-Tür meiner Eltern noch heute als fröhlicher Blüttler präsentiert zu werden. In den Fotoalben gibt es auch einige full frontal nudity-Ansichten. Nach heutiger, amerikanischer Lesart ergibt das bereits einen Kinderpornografie-Anfangsverdacht: Siehe Caution: Nude Baby Photos Can Result in Arrest, Law Prof Warns oder Legal to Take, Post Naked Baby Pictures?. Das ist lächerlich, und es tut dem Kinderschutz einen Bärendienst, wenn die Trennlinie zwischen Nacktheit und Pornografie verwischt wird.

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Nein, Deutsch ist das nicht, 500px.

Im Gegenteil: Mehr Nacktheit, weniger Pornografie und generell weniger Verkrampftheit, wäre ein Anfang. Das gilt zum Beispiel für Apple, mit seinen lächerlichen Zensurvorgaben für den App-Store. Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Diskussion um die 500px-App: Obwohl sie in vorauseilendem Gehorsam schon durch den Hersteller zensuriert worden war (theverge.com), fand Apple, es sei zu einfach, nach Aktfotos zu suchen, und warf sie aus dem Store (spiegel.de). Heute führt eine Suche nach «nude» zum Resultat «Keine Suchergebnisse». (Die Suche nach «Akt» funktioniert übrigens weiterhin. Aber: Pssst!)

Alberne Nackedeien in hohen Lagen
Aber vielleicht ist eine Lockerung der Moral in dieser Frage sowieso unvermeidlich – weil wir gar keine andere Wahl haben werden. Das behauptet Mat Honan im Beitrag Your Dick Pics Are About to Be All Over the Internet. Er ist der Mann, der vor einiger Zeit gehackt wurde. Nun waren unter seinen digitalen Schätzen auch ein paar hüllenlose.

Auf einem sieht man mich nackt bei einem Gletscher, wo ich meinen Mut für einen Sprung ins Becken an dessen Fuss sammle. Es gibt eine Handvoll von denen, von mehreren Reisen. Alberne Fotos, die eine Collage von Nackedeien in hohen Lagen ergeben.

Wie viele von den Bildern würden nach dem Datenklau in die Öffentlichkeit geraten? Diese Angst hat Honan in Panik versetzt. Bis jetzt hatte er Glück. Der Hacker hat verzichtet, ihn blosszustellen. Honan empfiehlt jetzt allerdings nicht, auf verfängliche Bilder künftig zu verzichten. Im Gegenteil:

Betreibt Sexting. Sexting ist grossartig. Einen intimen Moment zu teilen, wenn man nicht physisch zusammen sein kann, ist ein Geschenk.

Aus dem Geschenk werde ein Fluch, wenn man sich irgendwann mal nicht mehr so nah sein sollte. Revenge porn wäre das Stichwort hierzu. «Das sollte uns aber nicht dazu bringen, auf die Bilder zu verzichten: Wir sollten erkennen, dass es die Kotzbrocken sind, sich schämen sollten, weil sie die Bilder verbreiten. Oder sie sich ansehen, nachdem sie verbreitet worden sind. Es sei nichts Verwerfliches daran, ein Nacktfoto aufzunehmen und es jemandem zu schicken, der damit einverstanden ist.» Sagt Honan, der seinerseits wohl noch nie von Gerigate gehört hat.

Aufhören, sich zu schämen
Immer mehr Kameras und immer neue Wege, wie Bilder aus allen Lebenslagen in die Öffentlichkeit gelangen können. Da ist es unvermeidlich, dass das auch irgendwann tatsächlich passiert. Darauf kann man vernünftigerweise nur reagieren, indem man aufhört, sich zu schämen. Es sei Zeit für eine kulturelle Norm, die besagt, dass Nacktbilder ab sofort nicht mehr schockierend und beschämend sind.

Da bin ich voll einverstanden. Trotzdem: Kein Nacktbild von mir an dieser Stelle!

Autor: Matthias

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