Babbage hätte etwas Besseres verdient

Bei der Auswahl meiner Nerdbücher hatte ich in der letzten Zeit ein gutes Händchen: Den meisten habe ich nach dem Hören oder Lesen gerne drei Sterne oder mehr gegeben. Mein jüngstes Buch schlägt da leider aus der Reihe.

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Ein geheimnisvoller Stapel Lochkarten dient in der Geschichte als MacGuffin. (Bild: Science Museum London/Flickr.com)

Und das trotz dieser grossartigen Ausgangslage: The Difference Engine heisst es. Geschrieben worden ist es von William Gibson und Bruce Sterling. Es stammt aus meinem geheimen Lieblingsgenre, den Alternativweltgeschichten. Und es hat die grossartige Prämisse, dass Charles Babbage seine Analytical Engine nicht nur theoretisch ausgedacht, sondern auch wirklich gebaut hat. Nicht nur das: Diese Maschine hat die Geschichte Englands verändert. Die Industrial Radical Party hat den technischen Fortschritt vorangetrieben. Das britische Empire dominiert den Planeten technologisch, auch wenn im eigenen Land die Gesellschaft vor die Hunde geht. Die USA sind nicht vereinigt, sondern ein disparater Haufen von Kolonien, wobei die in Texas schräge Dinge treiben. In Frankreich regiert Napoleon III, der eine Allianz mit dem Empire unterhält. Die Franzosen haben ihre eigenen Computer, die jedoch nicht so gut sind wie die englischen, sondern sich häufig verrechnen.

Und eben: Im viktorianischen England gibt es diese Wundermaschinen, die dampfend und zischend Daten verarbeiten und Informationsnetze unterhalten – Mechanik und Informationstechnik, die wie im Steampunk so üblich eine intime Verbindung eingehen, Zukunft und Vergangenheit zusammenbringen und bildkräftig vermengen – und uns wieder einmal die Erkenntnis vor Augen führen, dass alles ganz anders hätte laufen können. Ich stelle mir auch gern die Frage, wo wir heute angelangt wären, wenn das Computerzeitalter hundert Jahre früher begonnen hätte.

Aber eben: Auch mit hervorragenden Zutaten und einem tollen Rezept kann die Sache völlig verkochen. Der Plot hat mich nicht gepackt, die Figuren blieben mir fremd und die Handlung war verwirrlich. Gepackt haben mich nur die Beschreibungen des viktorianischen Personals, mit ihren Kostümen und all ihren messingbeschlagenen, hochwertigen Requisiten, die so viel barocker und sinnlicher wirken als das Industriedesign unserer Tage – doch von hübschen Beschreibungen allein lebt kein gutes Buch. Die Difference Engine ist im Buch falsch bezeichnet, da sie nur der Vorläufer zur Analytical Engine darstellte und noch nicht Turing-vollständig war. Sie kommt im Buch nur selten vor – ab und zu steht eine Babbage-Maschine herum und eine einzige Szene beschreibt den Computer- bzw. Maschinenraum der Polizei, wo Hunderte von Maschinen rechnen und von den «Clackern» (Programmierer bzw. Operateure) betrieben werden. Lochkarten-betriebene Datenverarbeitung dauerte ihre Zeit, und im Maschinenraum galt höchste Sicherheitsstufe und absolutes Rauchverbot, weil sich bei all dem Papierstaub der verarbeiteten Karten sehr leicht etwas hätte entzünden können…

Eine schöne Szene, die aus den sonst oft langfädigen und langweiligen Dialogen heraussticht. Bemerkenswert ist vielleicht auch noch das sexuelle Erlebnis von einer der Haupfiguren, Edward Mallory, der sich im stinkenden, von Aufständen zerrütteten London mit einer Kurtisane vergnügt – ebenso der Sprecher des Hörbuchs, Simon Vance, der mit mit seiner BBC-geschulten Stimme und seinem Talent für englische Dialekte (das ich hier als Nicht-Engländer beurteile) der Geschichte mehr Stimmung verleiht, als man von der gedruckten Ausgabe erwarten darf.

Darum dann doch lieber Gone Girl von Gillian Flynn, das ich auch gehört habe und unterhaltsam fand, hier aber nicht bespreche, weil in der Geschichte kein einziger Nerd vorkommt…

Autor: Matthias

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