Ein Ärgernis weniger

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Bei diesem Screenshot aus meinem Archiv läuft es einem kalt den Rücken herunter: Dieses Screendesign! Und das Programm! Und überhaupt!

Am 5. Mai 2003 schrieb ich zu der selbstgebrannten CD als Datenspeicher:

Alltagsaufgaben sind die Domäne der im Fachhandel erhältlichen Brennprogramme. Sie erstellen einerseits Datenbackups, bespielen oder löschen wiederbeschreibbare CD-RWs, sind auch für Musik- oder Fotoscheiben einsetzbar. Die Grundversorgung lässt sich sowohl mit WinOnCD als auch mit Nero Burning ROM abdecken. Nero 5.5 (89 Franken bei tradeup.ch) ist einfacher in der Bedienung; gerade auch für Anfänger. WinOnCD in der kürzlich erschienenen 6. Auflage (89 Franken ist bei trade-up.ch) hat bei den Multimedia-Möglichkeiten die Nase vorn.


Natürlich: Damals war Speicherplatz ein knappes Gut. USB-Sticks waren nicht gebräuchlich, SD-Karten teuer. Die Karten hatten Kapazitäten von 16 bis 1 GB, allerdings zu happigen Preisen: 512 MB kosteten um die 170 Dollar, 1 GB stolze 330 Dollar (Preise von Sandisk). Die Kapazitäten der Festplatten bewegten sich im Bereich von 20 bis 60 GB (siehe chip.de). Da kam einem selbstgebrannte Scheiben für Datensicherungen und -archivierungen entgegen. CD-Brenner waren damals recht verbreitet. Die DVD zum Selbstbeschreiben existierte auch schon. Allerdings mit einem fetten Pferdefuss:

Wer einen DVD-Brenner kaufen will, hat die Qual der Wahl zwischen drei Formaten: +RW, -RW und DVD-RAM. Bislang hatte der Minus-Standard die Nase vorn. Laut DVD-Forum Schweiz betrug dessen Anteil im Jahr 2002 47,4 Prozent, während auf +RW 36,9 und auf DVD-RAM 15,8 Prozent entfielen. (Tagi vom 17. März 2003)

Die Standards benötigten jeweils unterschiedliche Rohlinge. +R(W) und -R(W) waren lesenderweise laut Spezifikationen kompatibel. Nicht so die DVD-RAM, die oft mit Caddy benutzt wurde. Wer sich für einen Standard entscheiden wollte, musste ellenlange Artikel lesen. Das Brennen war dann auch kein Kinderspiel – wieso sonst hätten die Programme (siehe Screenshot oben) sonst wie die Konsolen zur Steuerung eines Raumschiffs ausgesehen? Ein besonderes Highlight waren die Multisession-CDs, die zu ganz bizarren Situationen führen konnten. Am 19. Januar 2004 stellte ein Leser folgende Frage an die Kummerbox:

Ich habe in drei Schritten insgesamt zehn Dateien auf eine CD gebrannt: zuerst drei Excel-Tabellen, dann Bilder und zuletzt Word-Dokumente. Ich überprüfte die CD und fand alles in bester Ordnung. Gross war mein Erstaunen, als ich auf einem auswärtigen PC die CD öffnete und nur die zuerst gebrannten Excel-Tabellen fand!

Die Aufklärung des Rätsels:

Wenn Sie einer CD-ROM Daten hinzufügen, erzeugt die Brennsoftware jedes Mal eine so genannte Session. Dies ist nötig, weil Daten auf CD nur hinzugefügt, nicht aber verändert werden können. Bei jeder Session werden die neuen Daten an die bestehende Aufzeichnung angehängt, und es wird ein neues Inhaltsverzeichnis für die CD eingerichtet.

Zu beachten gilt es beim Brennen von Multisession-CDs zweierlei: Zum einen belegt jede einzelne Session mindestens 13 Megabyte Speicherplatz auf der CD, selbst wenn Sie nur eine einzelne Excel-Tabelle brennen: Je mehr Sessions pro CD, desto weniger Speicherplatz steht Ihnen netto zur Verfügung.

Der zweite Punkt ist, dass nur Multisession-fähige Laufwerke solche CDs anzeigen können. Alle andere – also auch der auswärtige PC – zeigen nur die erste Aufnahme an.

Das war aber nicht alles, was einen an diesem Speichermedium ärgern konnte. Erstens beim Brennen. In den Anfangsjahren misslangen die Brennvorgänge oft, weil der Computer die Daten nicht schnell genug lieferte. Da die Brenner mit fixer Geschwindigkeit arbeiteten, führte eine kurze Unterbrechung beim Datenstrom dazu, dass das Medium weggeschmissen werden konnte. 1997, als ich zum ersten Mal mit Brennern zu tun hatte, geschah das recht häufig. Und war bei einem Preis von 20 Franken pro CD-Rohling eine ärgerliche Angelegenheit.

Später wurden Rohlinge billiger – 1 Franken pro Stück, ungefähr. Doch sie blieben unzuverlässig. Am 24. April 2006 erklärte die Kummerbox:

Eine der häufigsten Ursachen bei Brennproblemen ist fehlende Harmonie zwischen Brenner und Rohling. Daher lohnt es sich, der altgedienten Rohlingsmarke die Treue zu halten.

Doch selbst das Beherzigen dieses Ratschlags ist keine Garantie gegen Fehlbrände. Es kommt vor, dass in der bekannten Verpackung und unter dem bewährten Markennamen Rohlinge unterschiedlicher Hersteller zu finden sind – es gibt Hunderte von Marken, aber nur ein Dutzend Hersteller. DVD Identifier findet heraus, wer Ihre Rohlinge produziert hat. Das Gratisprogramm (dvdidentifier.cdfreaks.com) ermittelt, aus welcher Fabrik sie stammen.

DVD Identifier zeigt unter «Manufacturer Name» den Hersteller an. Mit dieser Information finden Sie mit Hilfe der Web-Datenbank www.cdr-info.de heraus, unter welchem Markennamen Medien im Handel sind, die zu Ihrem Brenner passen. Wenn sich bei relativ teuren Markenrohlingen (selbst bei reduzierter Brenngeschwindigkeit) die Ausfälle häufen, sollten Sie den Verkäufer um Umtausch bitten.

Mein Beitrag zur Behebung von Brennproblemen wuchs über die Jahre zu einem epischen Werk von über 14’000 Zeichen an – von Systemproblemen, falschen Treibern über Experimente mit Rohlingen, Brennprogrammen und der Brenngeschwindigkeit ist da so in etwa alles beschrieben, was einem den Brand einer CD oder DVD vereiteln konnte.

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Wenn das Brennen oder Lesen nicht klappte, konnte man es ja mal mit dem Nero-Driver-Clean-Tool probieren…

Und wisst ihr was? Der Beitrag zur Behebung der CD- und DVD-Leseprobleme ist fast so lang: 12’000 Zeichen knapp. Denn wenn man eine CD oder DVD erfolgreich beschreiben konnte, hiess das noch lange nicht, dass sie in einem zweiten Gerät dann auch gelesen werden konnte. Es kam durchaus auch vor, dass eine selbst erstellte CD nach Jahren, Monaten, Wochen, Tagen oder Stunden im Explorer oder Finder nur noch Fehler erzeugte. Besonders beliebt waren nichtssagende Meldungen wie «Unzulässige Funktion», für die Windows in diesem Kontext berühmt war…

Mit anderen Worten: Wenn ihr demnächst ein paar Gigabyte auf euren 64-GB-USB-Stick schiebt oder schnell mal Hunderttausend Dateien auf das OneDrive mit unbeschränktem Speicherplatz hochladet – dann haltet inne und gedenkt derer, die früher beim Versuch, 640 MB auf eine silbrige Scheibe zu brennen, fast die Wände hochgegangen sind…

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Ein Ärgernis weniger“

  1. Die Geschichte war mir schon immer zu aufwändig. Ein Horror die ganzen Suiten wie Nero, die irgendwie alle können wollten und immer unübersichtlicher wurden.

    Immerhin hatte ich die letzten 3 bis 4 Jahre kein Bedürfnis mehr, wieder mal eine CD oder eine DVD zu brennen. Wüsste auf Anhieb gerade nicht, wo der Brenner ist.

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