Noch so eine Droge der Digital-Ära

Beim Tagi haben wir ausführlich über den Netflix-Start in der Schweiz berichtet. Und auch wenn ich bei der Launch-Party verhindert war, hat mir Kollege Zeier (hier sein Interview mit Netflix-Chef Reed Hastings) eines dieser Böxchen mitgebracht, dass einen Gutschein für ein «Probe-Streaming-Jahr» enthält.

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Sprachkanäle und Untertitel à la carte. (Bei «Misfits» vermisse ich allerdings die englischen Untertitel.)

Aber in meinem Berufsstand hat man keine Wahl, als sich in sein Schicksal zu fügen und den Test in Angriff zu nehmen. Nun mag es Uneingeweihten sicherlich hochgradig wehleidig vorkommen, wenn ich mich hier beklage, Netflix testen zu müssen. Aber ich weiss aus einschlägiger Erfahrung, dass ich alle diese zu Testzwecken abgeschlossenen Abos nie jemals kündige. Ob Spotify oder iTunes Match, ob Audible oder Soundcloud… alle machen sie sich unverzichtbar, bleiben bestehen, tragen ihren Teil zu den monatlichen Fixkosten bei und sorgen für lebhafte Umsätze auf der Kreditkartenrechnung. Ich sage euch: Als Tech-Journi steht man ständig mit einem Bein im Armenhaus. … und hier wäre es angebracht, als Leser dieses Blogs das angemessene Quantum Mitleid auszudrücken…

Klar, wie es ausgehen wird…
Bei Netflix wird es mir natürlich genauso gehen. Die Probezeit wird ablaufen, und wir werden uns so an den Dienst gewöhnt haben, dass er bleibt. Das ist allein deswegen absehbar, weil die beiden rein aus Neugierde angestreamten Serien uns so gut gefallen haben, dass sie ohne weitere Probezeit in die reguläre Serienrotation aufgenommen wurden. Da ist zum einen Orange Is the New Black – denn wer will es sich schon nehmen lassen, in der ersten Reihe zu sitzen, wenn im Frauenknast die Post abgeht? Die Serie bringt in den ersten Folgen das Gefühl sehr schön herüber, wie es sich anfühlen würde, wenn man als ganz normaler Spiessbürger aufgrund von ein bisschen Verführbarkeit und Unvorsicht 15 Monate ins Loch einfahren und dort ausharren müsste. Ausserdem ist es verblüffend zu sehen, dass Jason Biggs mehr kann, als was er im unsäglichen «American Pie» gezeigt hat.

Die zweite Serie hat mir noch besser gefallen. Das ist die Produktion des britischen Senders E4 Misfits, die so gut ist, wie Heroes hätte sein müssen. Die Idee, sympathische kleinkriminelle Loser in die Rolle der Superhelden zu stecken, wunderbar locker-schnoddrig spielende Schauspieler wie Robert Sheehan und fehlendes Wir-müssen-die-Welt-retten-Pathos bringt «Misfits» in die Pole-Position. Weniger geschleckt und viel näher am dreckigen Boden – da hat «Misfits» die Enttäuschung wettgemacht, die mich noch heute befällt, wenn ich an die immer kruderen Handlungswirren von «Heroes» denke. (Jetzt müsste mir Netflix eigentlich nur noch eine brauchbare Variante von «Lost» präsentieren!)

Wie sich Romcom- und Scifi-Fans nicht in die Quere kommen
Die technischen Fakten sind schnell abgehackt: Netflix funktioniert bestens sowohl via Tablet als auch über den Apple-TV. Wir haben uns für das mittlere Abo entschieden, das meiner Vermutung nach die allermeisten Kunden nehmen werden – zwei Nutzer gleichzeitig bei HD-Auflösung für 12.90 Franken. (Das günstigste Abo für einen Stream und 11.90 kommt nicht in Frage, weil es da nur SD-Auflösung gibt und das dicke Abo für 17.90 brauche ich nicht, weil wir keine vier Streams gleichzeitig nutzen wollen und keine 4k-Glotze haben.)

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Elementary: So geht Serien-Binge-Watching. (Was die Serie Elementary angeht – die hat mich irgendwie an Monk erinnert und im Vergleich zu Sherlock unbefriedigt gelassen.)

Gut gefällt mir die Möglichkeit, die Familienmitglieder als separate User einzurichten – so kommt man sich mit seinen unterschiedlichen Vorlieben nicht in die Quere (Stichwort Romcom versus Action- und Scifi-Orgien). Das Angebot ist bei Netflix wie bei MyPrime nicht so üppig, wie man es sich erwarten und erhoffen würde. Person of Interest habe ich vergeblich gesucht. The 100 nicht gefunden. The Blacklist vermisst. Und dass Game of Thrones fehlt, wurde schon oft genug beklagt.

Trotzdem – Netflix funktioniert technisch einwandfrei, ist einfach zu benutzen, und vorbildlich, was den Umgang mit Synchronisations- und Originalfassung und Untertiteln angeht. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dem Streamingdienst auch in der Schweiz Erfolg beschieden sein wird – und die (privaten) Fernsehsender mit ihren viel zu häufigen, viel zu langen und viel zu nervigen Werbeblöcken das beste Argument fürs Streaming liefern. Denn Serien und Filme ohne Unterbrechung, nach eigenem Gutdünken sehen zu können, ist – gleichgültig wie knauserig ich am Anfang dieses Beitrags aufgefallen bin – allemal 12.90 im Monat wert!

Fazit: Alles stimmt, ausser das Sortiment.

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Nur «Game of Thrones» ist wie «Game of Thrones».

Autor: Matthias

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