Zum Glück ist das vorbei!

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Original-Bildlegende von 2001: Auch optisch ein würdiger Napster-Nachfolger.1

Dieser Screenshot gehört eindeutig in die Kategorie «Weisch na?» Er stammt vom 19. Februar 2001, als ich das Napster-Prinzip und vor allem die komfortableren Alternativen wie Gnutella und Bearshare vorgestellt hatte:

Student, Chat-Fan und Napster-Gründer Shawn Fannings zündende Idee war, zwei leistungsfähige Technologien auf innovative Weise miteinander zu verheiraten. Technologie eins ist ein Dateiformat mit der Bezeichnung MP3, mit dem sich Musik in guter Qualität, aber sehr schlank verpacken lässt. Technologie zwei wird mit dem Begriff Peer-to-peer-Netzwerk umschrieben (kurz: P2P). Das englische Wort peer bedeutet Gleichgestellter oder auch Freund und umschreibt die Beziehung, in der die Arbeitsstationen in einem P2P-Netzwerk stehen. Als ebenbürtige Mitglieder im Rechnerverbund darf jeder einzelne PC die Rolle des Servers übernehmen und für die anderen Stationen Ressourcen zur Verfügung stellen – pragmatisch, je nach Angebot und Nachfrage.

Durch das ständige An- und Abmelden einzelner Mitglieder ist das Angebot eine sich sekündlich ändernde Titelsammlung, die aus den Beständen aller eingeloggter Mitglieder besteht. Das «normale» Internet dagegen funktioniert sehr viel geordneter, weil der PC des Surfers stets als «Kunde» (Client) fungiert und die Ressourcen auf möglichst zuverlässigen Servern bereitliegen.

Wir erinnern uns: Wir haben damals mit quälend langsamen Einwählverbindungen unsere Lieblings-MP3-Songs heruntergeladen. Oder schon übers Breitband. Die Swisscom hat im Sommer 2000 mit ADSL losgelegt. Wir schrieben im Tagesanzeiger am 29. Mai 2000:

Die Swisscom will ab Sommer einen Breitband-Festnetzdienst anbieten. Damit können Internet-Provider schnellere Zugänge (256-512 kbps) anbieten. Gestartet wird in sieben Städten.

Damit stieg die Swisscom relativ spät ins Rennen. Bei der Cablecom gab es «Highspeed» schon ab 1998. Die Preise von damals habe ich in einem Cash-Artikel von Claude Settele vom 8.5.1998 gefunden:

Leistung: Optimale Transferraten von 3 Megabits/s vom Netz zum PC und 128 Kilobits/s vom PC zum Netz.
Preis Private: Kabelmodem: 790 Franken oder 15 Franken Monatsmiete. Nutzungsgebühr: 65 Franken pro Monat inkl. 250 MB Daten (jedes weitere MB kostet 50 Rappen).
Preis Firmen: Ab 290 Franken (inkl. 1000 MB), ab 1300 Franken mit eigenem Server.

Die Flatrate wurde bei der Cablecom im Sommer 2001 eingeführt, zusammen mit der Möglichkeit, übers Internet zu telefonieren. 49 Franken pro Monat hat man für 256 kbps ohne Mengenlimite bezahlt.

Die Geschwindigkeitsangabe von 119 kbps im Screenshot besagt, dass ich damals schon zu den privilegierten Internetnutzern mit Breitband-Zugang gehörte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich auf «Hispeed» umgerüstet habe. Aber es dürfte anfangs 2002 gewesen sein.

199 kbps bedeutet, dass besagtes Stück in immerhin gut 5 Minuten heruntergeladen werden konnte. Mit dem typischen Analogmodem mit 33 oder 56 kbps dauerte das dann doch 20 respektive 12 Minuten – wenn man die Verbindungsabbrüche und die Tempo-Einbrüche mal ausser Acht lässt. Ein 5 MB-Download konnte auch mal eine Stunde dauern, und wenn man Pech hatte, dann stellte der Uploader seinen Computer bei 98 Prozent ab, um hinterher nie wieder online zu gehen. (Wie es aus Sicht der Downloader schien, weil es immer mal wieder Downloads gab, die unvollendet blieben.)

Da mag man sich mit einem wohligen Schaudern zurückerinnern. Zum Vergleich: Mit meiner heutigen Verbindung wäre der Download in gut 300 Millisekunden heruntergeladen.

Und wie steht es mit dem schlechten Gewissen? Napster und Nachfolger wie Bearshare und auch Kazaa oder Limewire haben die Musikindustrie durchgerockt, wie nichts Gutes. Zum 15-jährigen Geburtstag von Napster konnte man in verschiedenen Medien Einschätzungen lesen, etwa bei thedailybeast.com.

Natürlich mussten wir die Tauschbörsen ausprobieren. Das gebot die Neugierde, und die technischen Limiten gerade bei der Übertragungsgeschwindigkeit haben wirkungsvoll verhindert, dass die Piraterie überbordete. Unter meinen Kollegen herrschte der Konsens, dass wir die Stücke luden, die wir auf Platte nicht gefunden haben, die es nicht als Single gab und deretwegen wir kein ganzes Album kaufen wollten. Ganze Alben mochte ein vernünftiger Mensch nicht runterladen – darum habe ich damals auch weiterhin brav CDs gekauft, wenn eine CD kaufwürdig war. Die Musikindustrie hätte im Jahr 2001 erkennen müssen, dass das Zeitalter des Breitband-Internet nicht aufzuhalten sein würde und dass es darum ein gutes digitales Angebot braucht. Das ist erst Jahre später gekommen. 2003 in den USA, 2005 in der Schweiz, mit dem iTunes Music Store. Und auch da mussten wir uns mit dem DRM (Fairplay bei Apple) und den technischen Hürden wie verschiedene Formate (AAC bei Apple) herumschlagen. Kein Wunder, dass sich viele da weiterhin mit den Tauschbörsen beholfen haben. Und auf den Geschmack gekommen sind, was das Internet als kostenloser Selbstbedienungsladen angeht.

Ich fand immer, dass eine grundsätzliche Bereitschaft, für seinen Musik- und Medienkonsum zu bezahlen, Ehrensache ist. Darum ist es sehr zu begrüssen, dass dank Spotify und Co. uns die Napster- und Bearshare-Eskapaden längst erspart bleiben. Dass die Musikindustrie von ihrem hohen Ross steigen musste, begrüsse ich. Musiker müssen heute rechnen können, um auf ihre Kosten zu kommen – und seitens der Konsumenten war die Auswahl noch nie so vielfältig wie heute.

Update vom 25.9.14
Das Bild sollte ich euch in dem Kontext nicht vorenthalten:

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Napster in Action.

Footnotes

  1. Das ist offensichtlich nicht der Original-Screenshot, da er mit Windows XP entstanden ist, XP aber erst im Oktober 2001 auf den Markt kam. Der Original-Screen, den ich aber nicht mehr gefunden habe, stammte von bearshare.de. ^top

Autor: Matthias

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