Googliness? Da kommts mir hoch

Im Beitrag Zurück in die digitale Zukunft haben meine beiden Tagi-Gspändli und ich über Filme geschrieben, die sich auf die eine oder andere Weise mit Technik beschäftigen. Ich habe mir für diesen Beitrag auch Prakti.com1 angeschaut. Das ist ein Streifen von 2013 von Shawn Levy, der sich mit Google beschäftigt – beziehungsweise mit dem Clash of cultures zwischen zwei alten Säcken namens Billy McMahon (Vince Vaughn) und Nick Campbell (Owen Wilson) und den jungen, hippen und bis zum Scheitel in Googliness getauchten Google-Angestellten.

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Ein Google-Logo ist eigentlich immer im Bild.

Zu werbespottig
Ich habe den Film im Tagi nicht erwähnt, weil er mir viel zu werbespottig rüberkam. Nachdem die beiden gescheiterten Uhrenverkäufer sich erfolgreich über das Praktikumsprogramm in den Googleplex geschlichen hatten, war quasi fast konstant irgendwo ein Google-Logo im Bild. Die Quintessenz am Ende des Films war, dass ein Job bei Google das Grösste auf Erden sei. Und Google ausserdem ein so grossartiger Arbeitgeber, dass auch Leute angestellt werden, die absolut gar nicht zur Jobbeschreibung passen, wenn sie bloss die Defizite der Nerds ausgleichen.

Aus diesem Grund passte der Streifen nicht ins Programm. Aber hier im Blog, mit etwas mehr Platz, würde ich mir nun trotzdem gerne ein paar Gedanken darüber machen, warum sich mir beim Ansehen die Nackenhaare aufgestellt haben. Ich war schon ein halbes Dutzend mal bei Google Zürich zu Besuch, und jedes Mal ging es mir ähnlich wie beim Film (so gesehen hat Shawn Levy die Atmosphäre schon ganz gut eingefangen): Ich konnte mich einer gewissen Faszination nicht erwehren. Aber gleichzeitig traue ich dieser expressionistischen Fröhlichkeit keine Sekunde über den Weg. Zugespitzt formuliert: Wer sich so kindlich und fidel gibt, hat entweder einen an der Klatsche oder betreibt heimlich einen Psychokult.

Es ist allerdings so, dass ich mit der amerikanischen Arbeitskultur generell meine liebe Mühe habe. Ich erinnere mich noch heute, wie wir bei unserer USA-Reise von 1992 etwas zu früh in einen Supermarkt reinmarschiert sind. Da stand der Filialleiter wie Lincoln bei Gettysburg und hatte seine Verkäufer um sich geschart, und liess einen Pep talk vom Stapel, wie ihn wir Schweizer noch nicht gesehen hatten. Vielleicht gewöhnt man sich daran, dass einem jeden Morgen gesagt wird, dass jetzt der allergröste Tag überhaupt bevorstünde, an dem man die Kunden um den Finger wickeln wird wie nie zuvor. Vielleicht auch nicht. Bei mir steigert das jedenfalls nicht die Lust, über mich als Salesman hinauszuwachsen. Vielmehr möchte ich «Leckt mich!» schreien und nach draussen stürmen. – Es ist somit anzunehmen, dass dieser Blogbeitrag die Chancen nicht unbedingt fördert, von einem Headhunter im Dienste Googles entdeckt zu werden. Sei es drum.

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Quidditch? Echt jetzt?!

Buchstabier mal «Instagram»!
An dem Film war irritierend, dass ich mich mit den beiden Hauptfiguren identifiziert habe, die mit Software nichts am Hut haben, das Wort Instagram nicht kennen und fast aus den Latschen kippen, wenn sie an der Google-Hotline2 erklären müssen, wie man ein Cookie löscht, damit GMail wieder geht. Natürlich legt es der Film darauf an, indem er den typischen Google-Praktikanten als unreifen Streber darstellt, der auf andere herabsieht und sich seiner Intelligenz etwas zu sehr bewusst ist. Im Film dominiert, nebst ein paar durchaus sympathischen Nebenrollen, der «hässliche Nerd». Das ist die Antithese zu den liebenswürdigen Nerds, die wir in «Big Bang Theory» kennen und schätzen gelernt haben. Da ist etwa der Rivale aus einem der anderen Praktikanten-Teams, mit denen die beiden Oldies um die Festanstellung buhlen. Er bescheisst beim Quidditch3, ist ätzend arrogant und ein schlechter Verlierer.

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Das scheint die gesamte Telefon-Hotline von Google für Noramerika und EMEA zu sein.

Die Jugend ist arrogant, das Alter erfahren. So what?
Nein, es ist nicht verboten, Nerds in ein negatives Licht zu rücken. Doch der Erkenntnisgewinn des Films ist einfach zu dünn. Die Botschaft ist, dass junge Ehrgeizlinge von der Lebenserfahrung von zwei gestandenen Männern profitieren können. Sie ist allzu banal, denn sie hat mit Google, den Silicon-Valley-Startups oder der «Nerdkultur» nichts zu tun. Die Erkenntnis gilt genauso für x-beliebige andere Paarungen aus Alt und Jung. Darüber hinaus erfährt man kaum etwas über den Konflikt zwischen digitalen Eingeborenen und digitalen Immigranten. Eine verpasste Chance – das auszuleuchten und in einer Komödie aufs Korn zu nehmen, hätte Potenzial!

Footnotes

  1. In Englisch: The Internship ^top
  2. Als ob Google eine Hotline hätte. Auch so eine zu wohlwollende Überzeichnung. ^top
  3. Spielen die bei Google tatsächlich Quidditch?! ^top

Autor: Matthias

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