Ergeben zwei halbe Bücher ein ganzes?

Heute zwei Besprechungen von Hörbüchern, die mich nur halb überzeugt haben. Ergeben zwei halbe Bücher ein ganzes? Leider nicht. Aber vielleicht seid ihr ja weniger anspruchsvoll (oder heikel) als ich:

The Android’s Dream von John Scalzi. Der Titel ist natürlich eine Anspielung an «Blade Runner». Das dem Kultfilm zugrunde liegende Buch von Philip K. Dick heisst Do Androids Dream of Electric Sheep? und beschäftigt sich mit Androiden, die auf der Erde ungern gesehene Gäste sind.

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Man glaubt es kaum, aber Schafe taugen als Motiv für ein Sciencefiction-Buch. (Bild: PhotKing ♛/Flickr.com)

Scalzi hat sich in seinem Buch auf die (im Titel bloss implizierten) Schafe kapriziert. Eine spezielle Rasse namens «Android’s Dream breed» spielen bei der Krönungszeremonie der ausserirdischen Rasse der Nidu eine entscheidende Rolle. Nur wer ein solches Schaf beibringt, kann zum Herrscher aufsteigen oder seine Macht erhalten. Diese auf der Erde heimischen Schafe haben nun aber die Eigenschaft, aus unerklärlichen Gründen zu verschwinden – wobei man durchaus ein Komplott vermuten darf. Da die Beziehungen zur Erde nach einem peinlichen, mit Körperwinden in Zusammenhang stehenden diplomatischen Zwischenfall sowieso angespannt sind, muss nun ein solches Schaf her, koste es was es wolle. Der Protagonist Harry Creek hat die Aufgabe, es beizubringen. Er trifft dabei auf sehr unvorhersehbare Schwierigkeiten, die wiederum mit den Folgen sexueller Verwirrungen und den genetischen Möglichkeiten in der Zukunft zusammenhängen.

Das Buch weist eine ziemlich schräge Handlung mit einigen überraschenden Wendungen auf. Es gibt eine zweite Hauptfigur namens Robin Baker, die quasi als Unschuldslamm in die Sache verwickelt wird. Mir hat auch der Trick ausnehmend gut gefallen, mit dem Creeks gefallener Jugendfreund Brian als künstliche Intelligenz wiedergeboren wird. Scalzis Stärken sind Humor und Fantasie – die er geschickt einsetzt, um die skurrilen Wendungen glaubhaft zu machen. Trotzdem hat mich das Buch nicht sosehr gepackt wie die beiden hier besprochenen Bücher. Das liegt daran, dass die Erzählung (für meinen Geschmack) zwischen zu vielen Schauplätzen und Personen hin und her wechselt. Es hätte dem Buch gut getan, sich auf den Protagonisten und seinen Schützling Robin Baker zu konzentrieren. Deren wilde Flucht, bei der ein hochtechnisiertes Einkaufszentren verwüstet und ein interplanetares Kreuzschiff gekapert wird, ist der unterhaltsame Kern der Story.

Ich und die Menschen von Matt Haig, gelesen von Christoph Maria Herbst. Bei dieser Geschichte tritt ein Ausserirdischer an die Stelle eines irdischen Mathematikprofessors. Dieser Professor hat die Riemannsche Vermutung bewiesen. Das passt den ausserirdischen Vonnadorianern nicht in den Kram: Die Menschheit könnte mit dem neuerworbenen Wissen ihrer technischen Entwicklung einen immensen Schub verleihen und würde dann wohl auf die Idee verfallen, das Weltall zu erobern und den menschlichen Lifestyle im ganzen All zu verbreiten. Um das zu verhindern, wird der Mathematikprofessor Andrew Martin eliminiert. Der von den Vonnadorianern entsannte Ich-Erzähler imitiert dessen Gestalt und Aussehen und nimmt seine Rolle ein, um nun alle Mitwisser auszuschalten – was vor allem Isobel, die Frau von Martin und Sohn Gulliver ins Visier rückt.

Nun stellt der Vonnadorianer fest, dass das mit dem Menschsein gar nicht so einfach ist. Das ist eine Überraschung, denn die Menschheit ist eine im Grunde erschreckend primitive Spezies. Doch sie hat so viele seltsame Angewohnheiten: Sie bekleidet sich aus unerfindlichen Gründen mit Textilien. Sie haben Probleme mit ausserehelichem Sex. Sie machen sich im familiären Umfeld gern die Hölle heiss. Und so weiter.

Es ist eine witzige Idee, die Menschheit aus der Sicht eines Ausserirdischen zu betrachten, und damit die typische Scifi-Prämisse – Menschheit trifft auf Aliens – einfach um 180 Grad umzudrehen. Natürlich geht das nicht wirklich auf. Denn ein menschlicher Autor klingt, gerade im Versuch, einen Ausserirdischen zu imitieren, umso menschlicher. Das Buch ist denn auch ein Plädoyer für die Menschlichkeit, für Emotionen wie Liebe und Aufopferung – Dinge, die ein technisch überlegener Ausserirdischer an uns allenfalls beneiden könnte.

Die Idee ist witzig und Matt Haig erzählt die Geschichte mit einigem Humor. Die philosophischen Exkurse…

Dieses Buch handelt davon, was passieren muss, damit man auf die Ewigkeit verzichtet und sich der Sterblichkeit überlässt. Es handelt von Liebe und von Erdnussbutter mit ganzen Nüssen…

… gingen mir mit der Zeit allerdings etwas auf den Wecker: Die liefen immer darauf hinaus, wie toll wir Menschen (trotz allem) doch sind.

Autor: Matthias

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