Der Fluch des Dateisystems

Da habe ich neulich doch ein heilloses Durcheinander in meiner Hörbuch-Sammlung angerichtet. Schuld war iTunes, dieses dreimal verdammte Softwaremonster. Es gibt dort bekanntlich die Funktion Dateien zusammenlegen. Man findet ihn im Kontextmenü, wenn man auf Dateien rechtsklickt. Die fragliche Datei wird dann, wenn sie ausserhalb der Mediathek gespeichert ist, in den iTunes-Ordner kopiert und in die Standard-Ordnerhierarchie (Musik/iTunes/Music/[Interpret]/[Album]) eingegliedert und nach dem üblichen Schema benannt ([Titelnummer] [Titelname].[Dateiendung]). Man kann so die Ablage im Dateisystem im Schuss halten, wenn man die Option Beim Hinzufügen zur Mediathek Dateien in den iTunes-Ordner kopieren nicht eingeschaltet hat. Sie führt dazu, dass die Dateien im Dateisystem automatisch organisiert werden.


Dieses Kästchendenken bringt uns nicht weiter.

Nun führt das Zusammenlegen nicht dazu, dass die Dateien in die Ablage verschoben werden. Aus unerfindlichen Gründen kopiert iTunes die Dateien, sodass sie dann an der ursprünglichen Stelle und in der Mediathek zu finden sind. Diese komplett sinnfreie Aktion führt dann dazu, dass die Dateien einmal im iTunes-Ordner und einmal ausserhalb vorhanden sind. Wenn man, zwecks Vermeidung von Platzverschwendung, die Dateien ausserhalb des iTunes-Ordners löschen will, muss man sich sicher sein, dass man beim Zusammenlegen alle Dateien erwischt hat. Falls das nicht der Fall ist, denn sonst wird man es unweigerlich mit dem ominösen Fragezeichen zu tun bekommen, mit dem iTunes das Fehlen von Mediendateien signalisiert. Mit einem Programm zur Beseitigung von Dateidubletten lässt sich das Problem nicht beheben – denn iTunes kopiert die Dateien ja nicht nur, sondern benennt sie auch um. Die meisten Tools vergleichen anhand des Namens und der Dateigrösse. Man würde somit ein Tool benötigen, das anhand der Hash-Werte vergleicht. Oder… – aber den Trick verrate ich im Beitrag Primitive Aufräumaktionen.

Mediathek organisieren
iTunes stellt unter Ablage > Mediathek auch den Befehl Mediathek organisieren bereit. Mit der Option Dateien zusammenlegen werden alle Dateien in den iTunes-Ordner kopiert – entsprechend könnte man danach die ausserhalb gelagerten Dateien entfernen. Es gibt zusätzlich die Option Organisieren Sie die Dateien im Ordner «iTunes» neu. Der führt die Bereinigung der Ordnerstruktur und Dateinamen für alle Dateien durch.

Allerdings will ich diese Funktion nicht verwenden, und zwar aus guten Gründen. Ich verwende in iTunes auch selbstproduzierte Audio- und Videodateien, die ich nicht im iTunes-Ordner haben will. Die gehören in die entsprechenden Projektordner. Das gilt auch für die Jingles und Audiodateien, die ich übers Soundboard nutze (siehe Das iPad als Jingle-Maschine). Die nutze ich auch ausserhalb von iTunes, weswegen sie meinem Ordnungsprinzip gehorchen müssen, und eben nicht dem von Apple.

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Einmal Aufräumen, bitte!

Ich nehme an, ihr kennt dieses Problem. Es wird dadurch ausgelöst, dass sich die Programme alle Mühe geben, uns Benutzern den Aufwand der Datei-Organisation abzunehmen. Besonders Apple hat diesen Anspruch. Bei iTunes, iPhoto oder iMovie werden die Dateien in irgendwelchen Ordnern versteckt, was dem Benutzer signalisiert, dass er gefälligst die Finger davon lassen sollte. Die Datendateien für die Kontakte, Kalender, die Mailablage etc. werden im Library-Ordner versteckt, der seit einigen Versionen des Betriebssystems nicht mehr ohne weiteres zugänglich ist (siehe Den Library-Ordner hervorzaubern). Windows ist diesbezüglich allerdings auch nicht besser. Der Appdata-Ordner ist noch viel schwieriger aufzutreiben, als sein Mac-Pendant (Was es mit dem Appdata-Ordner auf sich hat).

Wir leben nicht in einer perfekten Welt
Klar, es wäre schön, wenn man sich nicht um die Organisation seiner Dateien im Dateisystem kümmern müsste. Doch wie wir intensiven Computerarbeiter wissen, leben wir nicht in einer idealen Welt, wo einem das erspart bleibt. Es gibt immer wieder ganz praktische Gründe, die einen zwingen, sich mit dem Dateisystem auseinanderzusetzen. Die Datensicherung, die Datenübernahme, fehlender Platz auf der Festplatte, Mehrfach-Verwendungszwecke für Dateien, und so weiter.

Wie liesse sich das Problem lösen? Es gibt durchaus Programme, die sich Mühe geben, den Ansprüchen der Profis Rechnung zu tragen – Adobe Lightroom, beispielsweise. Es gibt auch Plattformen, die das Problem damit lösen, dass sie das Dateisystem zum Verschwinden bringen. iOS ist ein Beispiel. Da weiss man als Nutzer nicht, wo die Dateien stecken, weil man über die jeweilige App darauf zugreift. Ich halte dieses Versteckspiel allerdings nicht für ausgegoren. Es erschwert die Nutzung der gleichen Dateien in verschiedenen Apps und das System ist untauglich bei grösseren Datenbeständen, mit denen es Power-User automatisch zu tun bekommen.

Eine nachhaltige Lösung kann IMHO nur ein fortschrittliches Dateisystem bringen. Eines, das sich von der hierarchischen Struktur verabschiedet. Der eigentliche Speicherort sollte tatsächlich nebensächlich werden – sodass man ihn als unerfahrener Anwender komplett ignorieren und als Power-User nach administrativen Gesichtspunkten steuern könnte. Beispiel: Häufig benutzte Dokumente landen automatisch auf der SSD und die grossen Audio- und Videoklötze werden automatisch auf die drehende Platte geschickt.

Ein solches Ordnungsprinzip würde wohl eher wie eine Datenbank als ein herkömmliches Dateisystem aufgebaut sein. Statt statisch an einem Ort gespeichert zu sein, müsste eine Datei in verschiedenen Kontexten auftreten könne: Eine Audio- oder Videodatei würde in iTunes nach den Ordnungskriterien erscheinen, die für die Mediathek sinnvoll sind. Gleichzeitig könnte man sie auch in der Mediathek eines anderen Programms nutzen – dem Soundboard oder den Projektdateien, die man als Podcaster oder Videoproduzent nutzt. Dateien würden nicht mehr kopiert oder verschoben, sondern in Kontexte eingefügt bzw. aus diesen entfernt.

Metadaten inklusive
Es wäre sinnvoll, wenn die Referenzinformationen immer an die Datei geknüpft wären – also quasi wie MP3- oder Exif-/IPTC-Metadaten. Dann ist auch die Gefahr gebannt, dass beim Datentransfer irgendwelche Metadaten verloren gehen. Ein Hash-Wert auf den Inhalt müsste Teil des Systems sein, sodass eine Datei immer eindeutig identifizierbar wäre. Und es gäbe sicherlich auch einige Konzepte von ZFS, die man sich für dieses System ausleihen könnte…

Nun haben sowohl Apple als auch Microsoft versucht, diese Funktionalität den bestehenden Dateisystemen aufzupropfen. Microsoft hat die Bibliotheken erfunden. Das sind virtuelle Ablagen, die Ordner zusammenführen, die physisch an verschiedenen Orten gespeichert sind. Ein Ordner kann auch in mehreren Bibliotheken stecken. Apple hat seinerseits mit Mavericks die Tags eingeführt (Meckern über Mavericks). Das ist gut gemeint, bringt aber nicht wirklich eine Verbesserung. Die Funktionsweise kann nicht nachträglich darübergestülpt werden. Es braucht eine Neuentwicklung. Microsoft hat mit WinFS bei Vista einen Schritt in diese Richtung unternommen, sich dann aber doch entschieden, lieber den 3D-Flip zu implementieren.

Wie auch immer. Mir ist klar, dass wir uns noch lange Zeit mit den Altlasten der vor 40 Jahren konzipierten Dateisysteme herumschlagen werden. Aber man wird ja noch träumen dürfen…

Autor: Matthias

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