Windows hat grössere Probleme als den Startknopf

Im Verlauf des Tages sollte Windows 8.1 erscheinen – nicht rechtzeitig, dass ich hier auf dem extra feierlich reservierten Slot verbindlich über die fertige Version bloggen könnte. Aber ich habe den Preview unter die Lupe genommen und und bin guter Hoffnung, dass sich der RTM1 nicht allzu sehr davon unterscheiden wird.

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Schickt den Mann in den verdienten Ruhestand! (Originalbild: Domain Barnyard/Flickr.com)

Die Frage ist, ob Microsoft nun wirklich auf die Kundschaft gehört hat, wie Windows-Chefin Julie Larson-Green beteuert, oder ob der Softwarekonzern mit Pro-Forma-Zugeständnissen wie dem Startknopf bloss diesen Anschein erwecken will – darüber kann man trefflich streiten. Ich verstehe und halte es für richtig, dass Microsoft den eingeschlagenen Weg weiter verfolgt. Ich halte auch den Weg grundsätzlich für richtig. So, wie die Verkäufe bei den Personal Computern sinken, bleibt kein Zweifel, dass die Post-PC-Ära begonnen hat. Wenn Windows in dieser neuen Zeit nicht zu einem Nischenprodukt verkommen soll, das Microsoft zur Bedeutungslosigkeit verdammt, dann muss dieser Spagat gelingen: Microsoft muss es schaffen, den Kunden eine goldene Brücke in die mobile Welt zu bauen.

Unsentimentale Entscheidungen
Das heisst für die Suche nach dem neuen CEO, dass ein unsentimentaler Typ gefragt ist. Er muss die unselige Neigung im Konzern beenden, die Windows-Marke über alles zu stellen. Diese Marke ist zu sehr mit der Zeit der Personal-Computer verknüpft, als dass man sie in die mobile Welt hinüberretten könnte. Windows erinnert an schwerfällige, komplizierte und absturzgefährdete Büromaschinen mit tristen Desktops. Das ist nicht das Lebensgefühl der mobilen Welt. Tablets sollen Spass machen, denn Spass war im Grund das einzige Argument, das Apple bei der Lancierung des iPad für sein Tablet vorzubringen hatte – etwas Produktives konnte man mit ihnen bekanntlich nicht anstellen. Das kann man heute in dieser Absolutheit nicht mehr sagen. Aber es steht ausser Frage, dass ein erfolgreiches Microsoft-Tablet keine lineare Fortschreibung der bisherigen Windows-Erfolgsstory sein kann.

Ein neuer CEO muss ernsthaft in Erwägung ziehen, die Marke Windows abzuschaffen. Als symbolträchtiger und ernstgemeinter Bruch mit der Vergangenheit. Das gebietet zum einen die Logik, weil es die Fenster gar nicht mehr gibt2. Zum anderen zwingt die Suche nach einem neuen Namen zu tiefschürfenden Gedanken, wie man die Stärken der Microsoft-Produkte in die neue Welt transformiert. Inwiefern der Aufsichtsratsvorsitzende Bill Gates beim Aufbruch in diese Zukunft eine Bürde darstellt, kann ich nicht sagen, da ich nie an einer Vorstandssitzung dabei war. Ich höre aber die Stimmen, die sagen, es sei Zeit für Gates, seinen Stuhl zu räumen.

Aufspalten?
Man kann noch weitergehen – indem man an dieser Stelle die Frage aufwirft, ob Microsoft zum Wohl der eigenen Zukunft sich nicht aufspalten sollte. Office liesse sich in Unabhängigkeit viel wirkungsvoller weiterentwickeln. Ohne Rücksicht auf die eigene Windows-Plattform gäbe es die Software längst für alle ernstzunehmenden Plattformen – also namentlich auch für Android und iOS. Die kürzliche Neustrukturierung unter dem Stichwort One Microsoft steht dieser Idee allerdings diametral entgegen, weil das Unternehmen nun nicht mehr nach den alten «Silos» aufgestellt ist. Diese alten Silos (Windows, Server & Tools, Business Division, Entertainment & Devices, Online Services) hätten sich viel leichter aufteilen, als das mit der neuen Strukur mit Betriebssystemen, Anwendungen, der Cloud und Geräten möglich ist. Da kann man nur sagen, dass es völliger Unsinn ist, wenn eine Neustrukturierung den Stempel des abtretenden Chefs trägt3.

Microsoft hat mit dem nichttotzukriegenden Windows XP und dem unsäglichen Internet Explorer 6 über Jahre Stillstand und bleierne Fortschrittsverweigerung verkörpert. Dennoch finde ich es wichtig, dass Microsoft die digitale Welt nicht den flatterhaften Chaoten von Google und den überheblichen Snobs von Apple das Feld überlässt.

Footnotes

  1. RTM steht für Release to manufacturing. Diese Version war schon am vor gut einem Monat fertig und keine CDs gepresst und mit diese Lastwagen durch die Lande fährt, kann man sich fragen, warum das Update nicht bereits seit dem 10. September erhältlich ist. ^top
  2. Bei der Desktop-Umgebung gibt es die Fenster natürlich noch. Aber who cares. ^top
  3. Der wusste bei der Planung wahrscheinlich noch nicht, dass er bald abtreten würde. ^top

Autor: Matthias

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