Rente oder Frischzellenkur?

Eine Neuauflage der gesammelten Kummerbox-Massnahmen zur Frage, wie man einem trägen oder fehleranfälligen Windows-System Beine macht – mit Extra-Hinweisen zu Windows 8.

Ich bin dabei, in diesem schönen Blog die «Golden Oldies» der Windows-Ärgernisse abzuarbeiten. Und da gibt es ein Phänomen, das scheinbar so unvermeidlich ist, wie die Erwähnung von Christoph Blocher im Roger gegen Roger-Podcast: Windows wird mit der Zeit schlapper, lahmer, träger, mühsamer und hat seine Aussetzer. Das passiert so zuverlässig, dass sich die Analogie zu uns Menschen geradezu aufdrängt. Der Unterschied ist einzig der, dass Windows schon nach wenigen Monaten bis Jahren seine Spannkraft verliert und nicht erst nach drei, vier Jahrzehnten, wie das bei uns selbst der Fall sein sollte. Man darf bzw. muss daraus ableiten, dass ein Menschenjahr knapp 15 Windows-Jahren entspricht.

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Ein Menschenjahr entspricht knapp 15 Windows-Jahren. (Originalbild: Kris Krug/Flickr.com)

Was tun? Wellness, Auszeit und ein Sabbatical für den Computer? Wohl eher nicht. Die gesammelten Empfehlungen der Kummerbox für das (Fanfaren!) grosse Windows-System-Troubleshooting (mehr Fanfaren!) lauten wie folgt:

0. Zum frohen Geleit
Zuerst einmal: All die Programme im Internet, die Besserung versprechen, taugen nichts. Ich spreche von Produkten wie den TuneUp Utilities. Die bringen vielleicht graduelle Verbesserungen, aber das rechtfertigt die Anschaffung nicht. Ausserdem sehe ich immer wieder, dass sie auch negative Auswirkungen haben können. Ein ärgerlicher Fall war, dass das Service Pack 3 für XP bei manchen Rechnern nicht installiert werden konnte. Darum besser darauf verzichten! Weitere Hinweise, was man besser nicht tut, finden sich im Beitrag Zeit sparen mit Windows in diesem Blog.

Zweitens: Ich habe ja die Menschenjahre erwähnt. Sie legt nahe, dass ein fünf Jahre alter Windows-Computer ins Rentenalter gelangt. Das hat selbstverständlich nicht unbedingt mit Verfallsprozessen in den Silizium-Chips und runzeligen Leiterbahnen zu tun. Schuld ist vielmehr das Mooresche Gesetz, das nach wie vor gilt: Die integrierten Schaltkreise verdoppeln regelmässig, also alle 18 bis 24 Monate ihre Leistungsfähigkeit. Die Software macht von diesen Fortschritten Gebrauch: Browser, Mailprogramme, Office, und was der Mensch sonst noch für die Computererei braucht, werden anspruchsvoller und erhöhen die Last auf den zentralen Prozessor. Daran kann man grundsätzlich nichts ändern. Im Zweifelsfall hilft nur die Neuanschaffung.

Bei einem nicht ganz so alten Rechner kann man auch eine Aufrüstung ins Auge fassen. Eine SSD bringt mehr Tempo. Mit mehr Arbeitsspeicher erhält man quasi fast immer mehr Leistung. Inwiefern eine Aufrüstung möglich ist, muss aber vorher abgeklärt werden. Der Kundendienst des Herstellers oder der Verkäufer sollte diese Frage klären können.

Und drittens: Ich sehe immer wieder, dass manche Leute unzählige Stunden investieren, um ihren Computer wieder auf die Beine zu kriegen, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Eine Handvoll schreibt regelmässig der Kummerbox, mit immer neuen Symptomen und Problemen. In so einem Fall muss man, statt weiter Stunden um Stunden in fruchtlose Bemühungen zu verbraten, in den sauren Apfel beissen und den Rechner neu aufsetzen. Das heisst: Daten sichern (siehe Beitrag Nicht sichern ist nicht sicher) und Windows neu aufspielen. Tipps dazu habe ich vor Kurzem in der Kummerbox im Beitrag Der hilfreiche Mann von Microsoft ist ein Betrüger gegeben. Siehe dazu auch den Beitrag So wird’s gemacht: Neuinstallation von Windows 8.

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Auffrischungskur für Windows 8.

Bei Windows 8 ist der Schritt «Zurück zum Anfang» zum Glück deutlich einfacher: Man drückt die Windows-Taste und c für die Charms-Leiste, klickt auf Einstellungen > PC-Einstellungen ändern, öffnet die Rubrik Allgemein und klickt auf PC ohne Auswirkungen auf die Daten auffrischen. Das setzt das System zurück, belässt aber Dateien und Dokumente. Und wenn das auch nicht hilft, ist die Option Alles entfernen und Windows neu installieren und eine Wiederherstellung der zuvor gesicherten Daten angezeigt.

Doch das ist, wie gesagt, nur das letzte Mittel. Bei überschaubaren Problemen startet man wie folgt:

1. Es braucht genügend freien Speicherplatz
Die Datenträgerbereinigung löscht, was es nicht braucht. Man findet sie, indem man über das Suchfeld beim Startmenü bzw. über die Suchfunktion des Startbildschirms nach cleanmgr stöbert. Auch den Befehl Ausführen (Kürzel Windows-Taste und r) kann man verwenden. Mehr zu diesem Programm findet sich im Beitrag Löschen von Dateien mithilfe der Datenträgerbereinigung.

Man kann auch grosse Datenbrocken auslagern. Dabei hilft das im Beitrag Wo die dicken Datenbrocken schlummern vorgestellte Programm WinDirStat.

2. Was es nicht braucht: Schadensprogramme, Viren und Trojaner
Um das sicherzustellen, braucht es bei Windows – und das ist nun eine echte Binsenweisheit – ein Antivirenprogramm. Bei Windows 8 ist es in Form von Windows Defender bereits mit dabei – siehe Beitrag Schützen Sie Ihren PC aus der Hilfe zu Windows 8. Für ältere Versionen verwendet man kostenlos Security Essentials von Microsoft (MSE).

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Ohne Schadensprogramme computert es sich besser.

Bei Problemen ist eine Komplett-Prüfung sinnvoll. Man startet Windows Defender bzw. Security Essentials (die Programme funktionieren sehr ähnlich), wählt auf der Startseite bei den Überprüfungsoptionen Vollständig und klickt auf Jetzt überprüfen. Empfehlenswert ausserdem: Vor der Überprüfung bei Update auf Aktualisieren zu klicken: So ist sichergestellt, dass das Programm die neuesten Virensignaturen verwendet.

Was die Frage angeht, welche Virenschutzprogramme ich empfehle: Bei den Gratisprogrammen gebe ich MSE klar den Vorzug vor Produkten von Avast oder Antivir von Avira. Bei den Kaufprogrammen spielt der Hersteller nicht so eine grosse Rolle – die gängigen Produkte sind alle gut, sodass man durchaus nach seinen Vorlieben oder Abneigungen entscheiden darf. Weil es Leute gibt, die dennoch Produktnamen hören möchten, zähle ich die Norton-Produkte von Symantec, Kaspersky und Nod32 auf. Es ist in diesem Bereich sinnvoll, sich an die grossen und bekannten Namen zu halten. Es gibt auch viele alternative Produkte, die man in anderen Bereichen bedenkenlos einsetzen kann. Doch bei der Sicherheit ist die Erfahrung der Nutzer wichtig, dass ein Produkt auch wirklich etwas taugt – und die ist bei den weit verbreiteten Produkten zwangsläufig grösser als bei den wenig genutzten.

Falls ein Befall vermutet oder wahrscheinlich ist, die Entfernung aber nicht so recht gelingen will, sollte man einen Versuch mit Windows Defender Offline wagen. Diese sehr nützliche Waffe gegen Malware wird im Beitrag Die Verteidigungs-CD für hartnäckige Malware-Fälle beschrieben.

Eine Übersicht von Sicherheitsprodukten stellt verdienstvollerweise auch die TU Berlin bereit. Sie gibt Hinweise auf On-Demand-Scanner – das sind Prüfprogramme, die zusätzlich zum fest installierten, kontinuierlich prüfenden On-Access-Scanner verwendet werden können. Sie sind dann nützlich, wenn man Grund zur Annahme hat, dass der installierte Virenscanner eine vorhandene Schadenssoftware nicht entdeckt – was leider durchaus vorkommen kann. Zwei On-Access-Scanner darf man nicht verwenden, aber die erwähnten Tools, die man meist sogar über den Browser (normalerweise den Internet Explorer) ausführt, sind für diesen Zweck genau richtig.

Da gibt es auch die Grauware: Das sind Programme, die nicht im eigentlichen Sinn Viren oder Schadensprogramme darstellen, aber durchaus lästig sein und die Stabilität und Leistung des Systems beeinträchtigen können. Sie werden von den klassischen Sicherheitsprogrammen nicht immer erkannt, da man sich auf den Standpunkt stellen könnte, dass der Nutzer sie freiwillig installiert hat. Das stimmt zwar meist nicht, da sie oft verschleiert als Softwarebundles auf den Rechner gelangen.

Gegen diese Kategorie von unerwünschten Programmen hilft Spybot & Destroy, das für Privatanwender kostenlos ist. Früher habe ich auch gern Ad-Aware empfohlen, doch wie gut dieses Produkt noch ist, seit es vom Hersteller als Free Antivirus+ positioniert wird, kann ich nicht beurteilen. Analoges gilt es über HijackThis zu sagen: Dieses Programm war ursprünglich hervorragend geeignet, unerwünschte Komponenten aus dem Browser zu entfernen – mit der Einschränkung allerdings, dass man es vorsichtig benutzen musste, weil man bei einer zu radikalen Aufräumarbeit sein System ruinierte. Doch seit Trend Micro den Finger drauf hat, führt der ursprüngliche Link nicht mehr zum Ziel. Immerhin: Das Programm ist weiterhin bei Sourceforge.net zu finden und bei Wikipedia ausreichend gut dokumentiert.

Zur Absicherung des Systems sollte auch die Firewall eingeschaltet sein. Und die automatischen Updates fürs Betriebssystem, den oder die Browser, die Flash, den Adobe Reader, Java und alle weiteren Browser-Plug-Ins müssen unbedingt dann installiert werden, wenn sie verfügbar werden.

Hinweise zu der Firewall:

Und Hinweise zu den Updates:

3. Was es auch nicht braucht: Nutzlose Programme
Die Crapware ist bei Windows ein lästiges, und im Beitrag Software loswerden, aber sauber! ausführlich besprochenes Problem.

Es ist darum nicht verkehrt, Programme, die man selten oder nie braucht, vor die Tür zu setzen. Das geht klassisch über die Deinstallationfunktion. In der Systemsteuerung wählt man Programme > Programme deinstallieren, bzw. bei XP Software > Programm entfernen und Programme > Programme und Funktionen bei Windows Vista.

Sie gelangen bei allen Versionen zum Dialog, in dem alle installierten Programme aufgeführt sind und entfernt werden können, indem Sie per Windows-Taste und r den Ausführen-Dialog anzeigen und appwiz.cpl eingeben. Was viele Nutzer an der Liste irritiert, ist, dass die Bezeichnung der Produkte oft nicht mit der Bezeichnung im Startmenü bzw. Startbildschirm übereinstimmt. Mit etwas Fantasie kommt man der Sache aber auf die Schliche. Via Schaltfläche Ändern/Entfernen/Deinstallieren o.ä. wird ein Programm gelöscht. Und am Rande erwähnt: Manche Programme lassen sich an dieser Stelle auch reparieren.

Informationen von Microsoft gibt es in folgenden Beiträgen:

4. Unnötig sind schliesslich auch: Selbststartende Programme
Ein Problem bei Windows liegt darin, dass beim Start viel zu viele Programme automatisch geladen werden. Das sind die so genannten Systemstartelemente. Viele Programme richten einen automatischen Start ungefragt bei der Installation ein. Viele selbststartende Programme werden bereits vom Hersteller des Computers vorinstalliert.

Selbststartende Programme sind nicht per se schlecht. Sie stellen im Hintergrund Funktionen bereit, die unter Umständen hilfreich sein können. Unter Windows ist jedoch zu beobachten, dass der Grossteil der selbststartenden Programme Dinge tun, die das Betriebssystem schon von Haus aus beherrscht. Dadurch entstehen häufig Konflikte – ganz abgesehen davon, dass alle diese automatisch aktivierten Programme den Systemstart unnötig in die Länge ziehen und teilweise massiv Ressourcen belegen. Ich habe schon Computer gesehen, die ab Werk so konfiguriert waren, dass alle automatisch gestarteten Programme den Computer schon komplett blockiert haben. Ich nenne keine Namen, aber wenn ich es tun würde, dann würde ich erwähnen, dass mir vor Jahren diverse Vaio-Modelle von Sony untergekommen sind, die so viele Crapware drauf hatten, dass sie kaum mehr starten konnten. Ich hoffe, das ist inzwischen besser – vielleicht allein deswegen, weil Computer heute meist mehr als 4 GB Arbeitsspeicher haben.

Das heisst: Die Bereinigung der Systemstartelemente ist in vielen Fällen die Massnahme überhaupt, um Leistungsprobleme und Konflikte zu beheben. Sie lässt sich relativ einfach umsetzen – und wenn mal zu viel deaktiviert, sodass eine erwünschte Funktion fehlt, kann man einen Selbststarter ebenso leicht reaktivieren, wie man ihn deaktiviert hat. Wichtig ist einfach, die Massnahmen zu dokumentieren und ggf. nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum herauszufinden, welches Programm überflüssig ist und welches nicht.

Das Systemkonfigurationsprogramm hilft dabei, Systemstartelemente zu deaktivieren. Bei Windows 7 und Vista findet man es, indem man im Suchfeld im Startmenü die Eingabe Systemkonfiguration. Bei Windows XP geht es am einfachsten über den Ausführen-Befehl (Windows-Taste und r) und die Eingabe msconfig.

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Bei Windows XP bis Windows 7 ist die Systemkonfiguration für die Bereinigung der Selbststarter zuständig.

Im Reiter Systemstart gibt es wahrscheinlich sehr viele Einträge, von denen die meisten überflüssig sind. Um einen Eintrag zu deaktivieren, reicht es, das Häkchen am Anfang der Zeile zu entfernen. Falls Sie bei einem Eintrag nicht sicher sind, was er bezweckt, beachten Sie die Information unter Hersteller und führen Sie eine Suche per Google durch. Wahrscheinlich finden Sie zu den allermeisten Einträgen Erläuterungen auf einschlägigen Websites. Wie erwähnt: Sie können Systemstartelemente an der gleichen Stelle reaktivieren.

Bei Windows 8 erfolgt die Deaktivierung der Systemstartelemente über den Taskmanager. Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf eine freie Stelle der Taskleiste und wählen Sie Task-Manager aus dem Kontextmenü. Öffnen Sie die Rubrik Autostart und deaktivieren Sie einen Eintrag, indem Sie mit der rechten Maustaste daraufklicken und Deaktivieren aus dem Kontextmenü auswählen. Windows 8 zeigt Ihnen bei Startauswirkungen an, wie gross die «Bremswirkung» eines Systemstartelements ist. Ausserdem ist im Kontextmenü mit Online suchen sogar eine Möglichkeit eingebaut, zu einem Systemstartelement Recherchen anzustellen.

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Der Taskamanager stoppt bei Windows 8 nun auch die selbststartenden Programme.

Ein hervorragendes Programm zur Bereinigung der Systemstartelemente und selbststartenden Modulen, die im Systemkonfigurationsprogramm noch nicht einmal auftauchen, ist Autoruns. Es wird im Beitrag Starten oder nicht starten lassen! besprochen.

Auch die so genannten Dienste können mitunter eine Bereinigung vertragen. Allerdings ist das Gefahrenpotenzial bei diesem Eingriff deutlich grösser als bei der Bereinigung der Systemstartelemente. Informationen dazu finden sich im Beitrag Die Dienste, die Windows an sich selbst vollbringt.

Das wars (im Idealfall)
Bei den meisten Systemen dürften eine dieser Massnahmen geholfen haben. Falls nicht, ist zu vermuten, dass irgendwo ein gröberes Problem versteckt ist. In diesem Fall greifen Sie zu den groben Geschützen. Sie werden im Beitrag Windows-Fehlerbehebung: Jetzt geht es ans Eingemachte besprochen.

Autor: Matthias

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