Die Knochensaison ist nicht meine Jahreszeit

In irgend einem der vielen Podcasts, die ich höre, hat neulich einer von The Bone Season von Samantha Shannon geschwärmt (zu Deutsch The Bone Season – Die Träumerin). Ich habe es mir angehört – und bin mit der Geschichte nicht warm geworden.

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Die Knochen sind da, aber beim Fleisch hapert es ein bisschen. (Foto Grégory Tonon/Flickr.com)

Dabei hat die Ausgangslage Potenzial. Es gibt ein dystopisches London, was mir schon einmal sehr gut gefällt. Es gibt eine junge Heldin, die ein Doppelleben führt. Und es gibt eine Autorin, die schon seit 15 Romane schreibt und mit 22 jetzt einen internationalen Treffer gelandet hat.

Und die Geschichte, in sieben Sätzen zusammengefasst, klingt viel versprechend – oder in manchen Ohren auch komplett wirr. Letzteres könnte jedoch auch an meiner Zusammenfassung liegen:

In einer Welt, in der zu viele tote Seelen herumgeistern und dadurch irgendwie der Äther gerissen ist, sind Leute mit übersinnlichen Fähigkeiten eine Bedrohung. Sie schliessen sich im Untergrund zusammen – und sie werden gejagt, von einer seltsamen, überirdischen Rasse namens Rephaim. Die sich von Menschen ernährt. Die Hauptfigur, Paige, wird entführt und nach Oxford verschleppt, wo die Rephaim eine Art Ausbildungscamp unterhalten. Paige findet sich unter der Fuchtel von Warden wieder, der sie ausbilden soll und den sie nicht leiden mag – der aber seinerseits ein seltsames Doppelleben führt. Im Lauf des Buchs gelingt es Paige besser, ihre eigene Fähigkeit zu kultivieren – nämlich in die Träume anderer Wesen einzudringen. Und sie muss, mit versiegeltem Mund, gegen ihre früheren Kumpels aus der Untergrundbewegung «Sieben Siegel» operieren…

Das Fantastische als normal darstellen
So eine Geschichte in den Griff zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Man muss das fantastische Setting dem Leser näher bringen und es ihm als völlig normal vor Augen führen. Joanne K. Rowling hat das bei Harry Potter bestens geschafft. Abgesehen von den teilweise komischen Begriffen wie Muggel fühlt sich der ganze Hogwarts-Zirkus völlig natürlich an. Das ist bei «Bone Season» nicht der Fall. Das hat damit zu tun, dass Shannon ohne langes Vorgeplänkel mit der Geschichte loslegt und viele wichtige Fakten auch erst nach und nach in die Geschichte einflicht. Das ist nicht schlecht – aber mit den Beschreibungen hätte sie sich mehr Mühe geben müssen, dass die Atmosphäre und die Figuren besser fassbar werden. Und man versteht, wovon das Überleben der Protagonistin abhängt.

Und wo das Stichwort Rowling schon gefallen ist: Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass sich Shannon zu sehr von diesem Vorbild hat beeinflussen lassen. Statt in einer Zauberwelt gibt es hier nun die Geister. Paige Mahoney ist Halbwaise. Die nicht-übersinnlich begabten heissen bei Shannon nicht Muggel, sondern Amaurotics. Statt in Hogwarts landet sie in Sheol. Und eben – «Bone Season» ist als Serie von, genau, sieben Bänden angelegt. Und allein deswegen erscheint Potter als Messgrösse auf dem Plan, als ob ihn einer herbeigezaubert hätte.

Etwas Fleisch am Knochen wäre nicht schlecht
Vielleicht ist das trotzdem ungerecht, weil sich Parallelen automatisch ergeben, wenn man sich aufs Gebiet des Fantastischen begibt. So, wie jeder Detektiv irgendwie an Raymond Chandlers Philip Marlowe erinnert. Aber ob Shannon nun will oder nicht, Harry Potter als Mass der Dinge drängt sich auf und sie hält dem Vergleich leider keine Sekunde lang stand. Potter lebt von den vielen zutiefst vertrauten Elementen, mit denen das Fantastische durchsetzt ist: Die Schule, Freunde und verhasste Rivalen, die Lehrer als Autoritäten und Harrys schwerer Stand als Waise. Dieses Vertraute fehlt bei Shannon, und das macht die Identifizierung schwierig.

Wahrscheinlich hätte Shannon die Geschichte noch ein paar Jährchen reifen lassen sollen – Versatzstücke wie Poltergeister, Soothsayers, Augurs, Mediums, Sensors und Furies gibt es genug, aber es fehlt am Kitt dazwischen…

Autor: Matthias

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