Die rohen Kräfte der Spiegelreflexliebhaberei

Ein Fototrend des ausklingenden Jahres 2012 sind die spiegellosen Kameras mit Wechselobjektiven, die auch Systemkameras genannt werden (auch wenn mir dieser Name nicht so recht einleuchten will). Sony, Olympus, Panasonic und Samsung haben schon länger solche Kameras im Angebot, Ende 2011 ist Nikon mit der 1-Serie auf den Zug aufgesprungen und im Juni 2012 hat auch Canon mit der EOS M die spiegellose Kurve noch gekriegt.

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Stillleben mit Kamera.

Mit einem Testgerät der Nikon 1 J2 hatte ich neulich Gelegenheit, dieses neue fotografische Paradigma auszuloten. Die Kamera ist nur unwesentlich grösser als die Samsung WB850 (hier besprochen), die in die Klasse der Kompakten gehört und die ich gern mit mir herumtrage, weil sie zwar nicht in die Hosen-, aber in die Jackentasche passt. Dieser Vorteil gegenüber den Spiegelreflexkameras ist offensichtlich: 193 Kubikzentimeter ist sie gross (61 × 106 × 29,8 Millimeter) und das ist weniger als ein Fünftel von den 1067 Kubikzentimetern meiner Nikon D7000 (105 × 132 × 77 Millimeter). Beim Gewicht ist die eine 280 Gramm, die andere 690 Gramm, wobei dann auch die Objektive bei der Spiegelreflex natürlich deutlich grösser und schwerer sind.

Epische Besprechungen der Nikon 1 kann man überall lesen (hier oder hier), darum beschränke ich mich auf die eine, und meines Erachtens wesentliche Frage. Sie beschäftigt Leute wie mich, die gern mit der Spiegelreflex fotografieren, aber auch ein bisschen faul sind, was das Schleppen der Ausrüstung angeht. Und sie lautet wie folgt: Sind die Kompromisse, die man bei der Systemkamera eingehen muss, akzeptabel? Das heisst: Kann man guten Gewissens den schweren Body bei Ebay reinstellen und künftig mit den kleinen Kameras arbeiten, zumal man sich die Flexibilität bei der Wahl der Objektive bewahrt und man mit dem FT1 Mount-Adapter auch die alten Objektive verwenden kann?

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Herbststimmung, mit der Nikon 1 J2 fotografiert und etwas in der Farbsättigung erhöht.

Für mich ist die Antwort ein klares Nein. Das spricht nicht gegen die Kamera. Ich hatte mit der Nikon 1 eine Menge Spass. Die Qualität der Fotos überzeugt mich. Die Bedienung ist einleuchtend und es gibt sie nicht nur in weiss, schwarz und silbrig, sondern auch in pink, orange und weinrot. Der Sensor ist grösser als bei der durchschnittlichen Kompaktknipse. Er kommt mit seinen CX-Format (13,2 × 8,8 mm) aber nicht an das APS-C-Format (22,5 × 15,0 mm) einer Spiegelreflex ohne Vollformat heran.

Aber eben. Leute wie ich, die das Wunder der Fotografie durch den optischen Sucher kennengelernt haben, lieben ihn, den Sucher. Fotografieren beginnt damit, dass man sein Auge hinters Pentaprisma hält, sein Motiv findet und es im Bildrahmen positioniert. Das Liveview-Sucherbild ist für meinen Geschmack eben nicht «live» genug. Da ist die unvermeidliche Verzögerung. Sie ist bei der Nikon 1 vergleichsweise gering. Aber beim optischen Sucher gibt es sie nicht. Ausserdem präsentiert mir die Kamera auf dem Display ein verarbeitetes Bild. Ich sehe durch den Sucher aber lieber die unverarbeitete Wirklichkeit. Das Klappern des Spiegels, die hochpräzise Mechanik des Verschlusses, die rohen Kräfte, die in der Kamera sinnvoll walten – das gehört einfach dazu. Mit dem optischen Sucher betreibe ich Fotografie, mit dem Display bin ich ein Hobbyknisper. Da wirkt sich das Werkzeug sehr direkt auf den Anspruch aus, den ich an meine Arbeit habe.

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Die Schärfe und Bildqualität ist einwandfrei (das ist ein 1:1-Ausschnitt aus dem 10-Megapixel-Bild).

Dieser Anspruch zeigt sich bei der Nikon 1 bei den Bedienelementen. Die Intention ist klar, dass ich mit den Automatikprogrammen arbeiten soll – mit dem Smart Photo Selector, der den richtigen Modus für mich wählt. Mit der Fotoautomatik oder den Kreativprogrammen. Ich kann auch einen bewegten Schnappschuss einfangen, wo beim Drücken des Auslösers eine Sequenz von zwei Sekunden eingefangen wird. Die manuellen Einstellungen sind in den Motivprogrammen bei P, S, A, M versteckt. Auch die ISO-Einstellung musste ich lange suchen. Sie wird normalerweise automatisch gewählt. In bestimmten Modi, wie etwa im erwähnten manuellen Modus kann ich sie über das Menü bei den Aufnahmeeinstellungen unter ISO-Empfindlichkeit wählen. Die maximale ISO-Empfindlichkeit liegt bei 3200.

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Endlich gefunden! Die Einstellung zur ISO-Empfindlichkeit.

Das ist mir zu wenig. Eine der tollsten Funktionen der D7000 sind die hohen ISO-Werte. Ich arbeite gern bei der D7000 gern mit ISO 4000 oder höher und schätze es, dass ich entsprechende Einstellungen sehr schnell, ohne umständliches Blättern durch die Menüs vornehmen kann. Auch die Möglichkeiten mit der individuellen Programmierung der Tasten nutze ich gern. Dass ich die AE-L/AF-L-Taste auf AE lock (Hold) setzen kann, ist etwas vom Grössten für mich. Ich kann so den Knopf antippen, um die Belichtung zu fixieren und mich dann auf die Bildkomposition und das Fokussieren konzentrieren. Klar, das hat wieder damit zu tun, dass ein alter Knochen wie ich trotz den vielen Fokuspunkten meistens mit der Focus-Recompose-Methode arbeite (auch wenn man sich immer wieder lassen muss, dass man das heute nicht mehr tut).

Aber eben – alte Gewohnheiten sterben langsam. Darum werde ich auch weiterhin die ernsthafte Fotografie mit der Spiegelreflex betreiben und für die Alltagsknisperei eine Kompakte mit mir herumtragen. Ein eingebautes Megazoom, GPS und Wifi ist dann mehr wert als der etwas grössere Sensor und die Wechselobjektive.

Autor: Matthias

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