Eine tragische Geschichte mit einer bitteren Pointe

Es soll Zahnärzte geben, die selbst ab und zu ein Loch im Zahn haben. Entsprechend gibt es auch Kummerbox-Betreuer, die gelegentlich unter Computerärger leiden. Mir ging das letzten Freitag so. Auf die Gefahr hin, Schadenfreude zu ernten, sei die Geschichte hier erzählt:

Das Trauerspiel nahm am letzten Freitag seinen Lauf, als iTunes Match sich plötzlich weigerte zu matchen. Apples famoses Musikverwaltungsprogramm verkündete, es würden Daten zur Mediathek gesammelt. Bei dieser Arbeit kam es aber so durcheinander, dass es alle dreissig Sekunden wieder von vorn anfangen musste. Das war einerseits schade, weil neue, lokal hinzugefügte Titel nicht mehr in die Cloud gelangten. Und andererseits nervt es gehörig, wenn iTunes, egal was man gerade tut, ständig zu der Match-Seite wechselt.

Ich warf einen Blick in die Konsole. Es hätte sein können, dass dort steht, welcher Titel iTunes Mühe bereitet. Doch weil in den Logs kein passender Eintrag aufzufinden war, kam ich zum Schluss, mir vom Apple-Support helfen zu lassen. Der Mann am anderen Draht war höchst geduldig und hilfsbereit und empfahl mir eine Massnahme, die ich auch empfehle, wenn ich nichts Genaues weiss. Nämlich: Prüf mal die Berechtigungen und die Festplatte. Er liess mich die Recovery HD aufstarten und mittels Festplattendienstprogramm eine Überprüfung durchführen. Das dann auch prompt fündig wurde und verlautbarte, die Fehler seien nicht zu reparieren und man überhaupt sei alles kacke (letzteres hat es nicht wortwörtlich so gesagt). Der nette Mann am Telefon meinte, man müsse in diesem Fall eine Neuinstallation machen. Ich gehöre ja zu den Backup-Paranoikern, die normalerweise das hinterst und letzte Bit dreifach an vier verschiedenen Orten speichern – aber gerade in dem Fall war kein Backup vorhanden, weil ein grosses FinalCut-Projekt noch ungesichert auf der Festplatte lag. Ich meinte also, ich würde die Neuinstallation bei Gelegenheit durchführen, aber erst, wenn nach der Videoschneiderei.

Akutes Bootversagen
Damit war nun aber der Mac nicht einverstanden. Nach dem Neustart erschien unter dem Apfel ein Bälkchen, das ohne ersichtlichen Grund von links nach rechts wanderte und nichts Sinnvolles bewirkte. Nachdem es sein Ziel erreicht hatte, schaltete sich der Mac wieder aus. Diagnose: Akutes Bootversagen.

Dass die Fehlerüberprüfung nach einem vergleichsweise harmlosen Problem das MacBook unstartbar zurückliess, fand ich doch etwas ärgerlich. Ich rief wiederum bei Apple an und beschwerte mich darüber. Man empfahl mir einen Start im Safe Mode, der natürlich nichts brachte. Daraufhin wurde ich an einen Senior Advisor weiterverbunden. Die Frau, wiederum war sehr nett und gab mir den Tipp, mittels Terminal und Copy-Befehl mein Benutzerkonto auf eine externe Festplatte zu kopieren. Und sie buchstabierte mir in aller Seelenruhe den folgenden Befehl:

cp -r /Volumes/Macinthosh\ HD/Users/matthias/ /Volumes/Macext/

Den Mac wachhalten
Da ich keine genügend grosse Festplatte hatte, besorgte ich mir ein externes Modell mit 1 TB Kapazität. Da die interne Festplatte meines MacBooks 500 GB gross ist, partitionierte ich sie in zwei gleich grosse Hälften, um das andere halbe GB für andere Zwecke zur Verfügung zu haben. Die Kopieraktion nahm ihren Lauf, wobei ich feststellte, dass der Mac nach einer gewissen Zeit in Ruhezustand versank und dann auch nicht mehr kopierte. Aber gut, da ich noch anderes zu tun hatte, hielt ich ihn halt wach.

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Trick 77 bei der Datenrettung.

Nach rund sechs Stunden die Überraschung: Der Mac meldete, die Festplatte sei voll. Was überraschend ist – die interne Festplatte war zu rund 400 GB voll. Wie kann man damit eine 500-GB-Platte sprengen?
Ich nahm die externe Festplatte ab und hängte sie an das alte MacBook, um einen Blick darauf zu werfen (als erstes muss man dazu gemäss dem Beitrag hier die unsichtbaren Dateien einblenden).

Ein Terabyte ist nicht genug
Es zeigte sich, dass unter /Volumes/Macext/Library/Containers/com.apple.gamecenter und /Volumes/Macext/Library/Containers/com.apple.ImageKit.RecentPictureService die Fotos, Bilder und Filme dupliziert wurden. Wohl irgend ein Cache, der mit Hardlinks arbeitet. Vielleicht handelt es sich auch um einen brandneuen «Bug», der nach mir benannt werden müsste – Google jedenfalls hat zu com.apple.ImageKit.RecentPictureService und com.apple.gamecenter gar nichts ausgespuckt. Per Terminal liess sich der Ordner Containers nicht löschen, weil es sich um einen Systemordner handle.

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Warum ein Benutzerkonto mit 400 GB nicht auf eine 1000-GB-Festplatte passt.

Na gut, dachte ich, als ich mich am Samstag nach einem ausgiebigen Frühstück wieder an die Sache machte: Selbst wenn ein Teil der Daten doppelt kopiert wird, müsste alles auf einem TB Platz finden. Ich partitionierte die externe Festplatte neu und startete den Kopiervorgang neu. Ein kleiner Siegelstempel, auf die Backspace-Taste gestellt, verhinderte dann auch im Recovery HD-Modus den Ruhezustand (abschalten kann man ihn dort meines Wissens ja nicht).

Knapp 12 Stunden später dann die Überraschung: Auch das Terrabyte war voll. Im Containers-Ordner fand sich nun auch ein Ordner com.apple.mail und com.apple.notes mit 270 und 108 GB. Ich entschied mich, den Ordner Containers auf der Backup-Festplatte zu löschen und alles, was noch nicht kopiert war, manuell auf die externe Festplatte zu schaufeln. Etwas aufwändig, aber es funktioniert. Und immerhin kann man bei Bash weitere Kommandos eingeben, während noch gearbeitet wird. Das heisst, dass man nicht warten muss, bis eine Kopieraktion beendet ist, um eine neue zu starten. Sonntagmorgen früh war auf der externen Festplatte das ganze Benutzerkonto und alle aktuellen Apps vorhanden – und mein FinalCut-Projekt in Sicherheit.

Geflickt ist der Kittel?
Jetzt also noch schnell Mountain Lion neu installieren, Daten zurückkopieren und geflickt ist der Kittel. Dachte ich. Mountain Lion wollte sich nicht neu installieren lassen – die interne Festplatte Macintosh HD wurde erst gar nicht angezeigt. Formatieren oder neu partitionieren liess sie sich auch nicht. Endstation?

An dieser Stelle schwankte ich zwischen dem endgültigen Bruch mit Apple und dem Kauf eines neuen Rechners. Bei einer ausgiebigen Velorunde verfiel ich auf die Idee, es mit einer älteren Version des Betriebssystems zu probieren. Ich legte die Snow Leopard-DVD ein, startete damit auf und überliess das Installationsprogramm sich selbst. Und tatsächlich: Das fand nach langer Suche die Festplatte und zeigte sie in der Folge auch im Festplattendienstprogramm an. Die Formatierung konnte stattfinden und die Neuinstallation von Mountain Lion in Angriff genommen werden.

Am Montagmorgen war das MacBook endlich wieder einsatzfähig. Ich machte mich daran, die gesicherten Daten zurückzukopieren. Auch das lief nicht einwandfrei. Zweimal stoppte der Kopiervorgang nach rund 90 GB, ohne dass ersichtlich gewesen wäre, welche Datei den Finder zum Stolpern brachte. Aber dieses Problem konnte ich umgehen, indem ich wiederum in Etappen kopierte.

Nachdem die Daten des alten Benutzerkontos unter Macinthosh HD/Users/matthias wieder vorhanden waren, konnte ich über die Systemeinstellungen und Benutzer ein neues Konto namens matthias anlegen. Legt man ein Konto an, das im Dateisystem bereits vorhanden ist, offeriert OS X einen Dialog mit der Schaltfläche Bestehenden Ordner verwenden. Das ist genau das, was man will: So kann man das wiederhergestellte Konto ins System einklinken.

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Es ist vollbracht: Das zurückkopierte Benutzerkonto reaktivieren!

Dann war das System einigermassen intakt. FinalCut war, mit allen Projekten und Ereignissen wieder einsatzbereit und auch die meisten Programme wie Firefox, Google Chrome, Skype oder Dropbox funktionierten, als ob nie etwas gewesen wäre. Office von Microsoft musste hingegen neu installiert werden und irgendwie ist mir auch iLife und iWork abhanden gekommen. Aber das kann ich später noch ausbügeln…

Mehrere Moralen und eine Pointe
Gibt es eine Moral der Geschicht? Vielleicht die, dass der böse Datenverlusts-Murphy auch ein schmales Window of Opportunity zu nutzen weiss. Die Erfahrung hilft auch dabei, die Gefühle zu Computern im allgemeinen und zu Apple im Speziellen ins rechte Licht zu rücken.

Und ja, eine Pointe hat die Geschichte auch noch. Und die kommt jetzt: iTunes Match geht übrigens immer noch nicht!

Autor: Matthias

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3 Gedanken zu „Eine tragische Geschichte mit einer bitteren Pointe“

  1. Du schreibst: ” An dieser Stelle schwankte ich zwischen dem endgültigen Bruch mit Apple und dem Kauf eines neuen Rechners”: Neuen Rechner: Mac, Linux oder Windows? Tschüss.

  2. <klugscheiss>
    Wahrscheinlich wird es der Stolz von Apple und Oracle, das “not invented here” Syndrom oder noch wahrscheinlicher irgendwelche Lizenzquerelen es nicht zulassen, dass Apple einfach ZFS in das Mac OS X integriert…
    </klugscheiss>
    😉

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